Der Klimawandel ist eine Bedrohung für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft und sogar für die nationale Sicherheit. Das sagt das belgische Klima-Risikozentrum CERAC. Die Schwächsten in unserer Gesellschaft, wie Menschen mit geringem Einkommen, sind am stärksten gefährdet. Deshalb muss sich unser Land dringend besser auf eine steigende Zahl von Klimaproblemen wie Unwetter, Ernteausfälle oder Hitzetote vorbereiten.
Der Klimawandel wird in Belgien zu einer Frage der nationalen Sicherheit: "Die Schwächsten laufen Gefahr, das Vertrauen in die Institutionen zu verlieren"
Es war eine echte Meisterleistung, die erste umfassende Klimarisikobewertung für Belgien, die das Klimarisikozentrum CERAC in diesen Tagen vorstellte. Das CERAC hat bereits zuvor auf die steigende Gefahr von Waldbränden und auf die Kosten des Klimawandels für die belgische Wirtschaft hingewiesen. Jetzt hat das Zentrum alle Risiken über alle Sektoren hinweg untersucht. Dazu wurden unter anderem 250 Wissenschaftler befragt. Das Ergebnis ist ein Paket mit 28 Empfehlungen für die politischen Entscheidungsträger. Hoffentlich nehmen sich diese Entscheidungsträger die Zeit, die gesamte Studie durchzuarbeiten. Denn auf einige Herausforderungen sind wir überhaupt nicht vorbereitet.
Armer Boden nicht gegen Dürren und Überschwemmungen gewappnet
Nehmen wir zum Beispiel die Landwirtschaft, die für unsere Nahrungsmittelversorgung so wichtig ist. Hier ist die Kluft zwischen der Dringlichkeit und dem Stand bei der Politik am größten. Wichtige Nutzpflanzen wie Kartoffeln und Mais haben zunehmend mit Dürreperioden oder Überschwemmungen zu kämpfen. Und dagegen sind sie nicht gewappnet. Im Jahr 2018 beispielsweise führte die Dürre zu einem Einbruch der Kartoffelerträge um 30 %. In Zukunft droht sogar ein kompletter Ausfall der Ernten.
Hinzu kommt, dass Böden in Belgien, mit denen alles beginnt, in einem schlechten Zustand sind. Diese Böden mit all dem mikroskopisch kleinen Leben, das in ihnen vorkommt, können ihre Rolle als Wasserpuffer und als Kinderstube für Insekten immer weniger gut erfüllen. Das liegt an der Art und Weise, wie die Landwirtschaft mit ihnen umgeht. Durch Praktiken der intensiven Landwirtschaft, wie Monokulturen und schwere Maschinen, wird der Boden verdichtet und die fruchtbare oberste Schicht weggespült. Der Boden enthält weniger organische Substanzen und Kohlenstoff, es kommt zu einer Versauerung, es kann nicht genügend Wasser gespeichert werden ...
Aurore Brunson vom CERAC bezeichnet diese Verschlechterung der Böden als „eine der größten Bedrohungen für die Ernährungssicherheit”: „In Wallonien weisen fast 90 % der Ackerflächen einen kritisch niedrigen Gehalt an organischer Substanz auf. Ohne langfristige Wiederherstellung wird diese Verschlechterung unumkehrbar sein.”
Eine andere Agrarpolitik ist erforderlich
„Dennoch bevorzugt die derzeitige Agrarpolitik weiterhin ein produktivistisches Modell, bei dem die kurzfristige Produktion gesteigert wird, anstatt die langfristige Anpassungsfähigkeit zu fördern“, warnt CERAC. Daher sei dringend eine andere Art der Landwirtschaft erforderlich: „Anstatt kleine Schritte in Richtung Nachhaltigkeit zu unternehmen, muss eine grundlegende Anpassung erfolgen, um die Lebensmittelproduktion widerstandsfähig gegen die immer häufiger auftretenden und schwerwiegenderen Klimastörungen zu machen.”
Es gebe Lösungen, so CERAC: „Agrarökologie, Diversifizierung der Kulturen, Bodenregeneration, Schutz von Bestäubern usw. Diese erfordern jedoch einen starken politischen Willen, eine bessere Koordinierung zwischen den Verwaltungsebenen und gezielte Unterstützung für Landwirte.“
Niedrigere Einkommen sind die Leidtragenden
In erster Linie würden Kleinbauern und landwirtschaftliche Lohnarbeiter unter den Folgen leiden. Sie können wirtschaftliche Schwankungen weniger gut auffangen. Aber die Folgen würden sich auf die gesamte Gesellschaft auswirken, so CERAC weiter. Denn Missernten treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe. Laut den staatlichen wissenschaftlichen Gesundheitsamt Sciensano in Brüssel haben bereits jetzt 15 bis 20 % der Bevölkerung keinen ausreichenden Zugang zu gesunden und erschwinglichen Lebensmitteln. Diese Zahl werde noch steigen. Davon wären vor allem die unteren Einkommensschichten betroffen.
Das gilt übrigens auch für die Gesundheitsrisiken, die der Klimawandel mit sich bringt. Nehmen wir zum Beispiel die Zahl der Hitzetoten. Selbst im optimistischsten Szenario wird es jedes Jahr bis zu 1.000 Hitzetote mehr geben als heute. Das ist bei einer Erwärmung des allgemeinen Klimas um 2°C der Fall – derzeit steuern wir auf 2,7°C zu...
Ärmere Stadtbewohner sind am stärksten gefährdet. Einige Städte bereiten sich zwar bereits auf die zunehmende Zahl von Hitzewellen vor, beispielsweise durch die Schaffung von mehr Grün- und Wasserflächen. Aber das geschieht nicht überall in gleichem Maße und nicht alle Stadtbewohner können davon gleichermaßen profitieren.
Bereits heute können 14 % der belgischen Stadtbewohner ihre Wohnungen nicht ausreichend kühlen. Bei den am stärksten gefährdeten Bevölkerungsgruppen sind das sogar bis zu 40 %. Ein anschauliches Beispiel: In Brüssel verdoppelt sich das Suizidrisiko an den heißesten Tagen. Ein Lichtblick: Im Gegensatz zu den Klimarisiken in der Landwirtschaft scheint dieses Problem zumindest bereits auf dem politischen Radar zu sein. CERAC schätzt den Grad der Vorbereitung darauf in Belgien als „durchschnittlich” ein.
Sozialer Zusammenhalt bedroht
Ob es nun um Lebensmittel, Gesundheitsprobleme oder andere untersuchte Bereiche wie unsere Gebäude oder die Infrastruktur geht: Immer wieder drohen die Schwächsten unserer Gesellschaft als Erste Opfer der steigenden Klimarisiken zu werden.
Dies betrifft vor allem ältere Menschen, Kinder, Stadtbewohner, Menschen mit Behinderungen, Migranten, Beschäftigte im Gesundheitswesen, Menschen, die im Freien arbeiten, und Obdachlose. Sie leben oft an Orten, an denen sie am stärksten Hitze, Überschwemmungen, Verschmutzung oder Krankheiten ausgesetzt sind. Darüber hinaus sind ihre Möglichkeiten, umzuziehen, oft begrenzt und sie haben kein Geld für Renovierungen – oder sie können dies nicht leisten, weil sie zur Miete wohnen.
Dies alles kann laut der CERA-Studie den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft in Belgien gefährden. Die am stärksten gefährdeten Landsleute laufen Gefahr, das Vertrauen in die Institutionen zu verlieren, was wiederum den sozialen Zusammenhalt bedroht. Laut CERAC ist sogar die nationale Sicherheit gefährdet: „Eine Anpassungspolitik, die Gerechtigkeit außer Acht lässt, droht Ungleichheiten zu verschärfen, das Vertrauen in Institutionen zu untergraben, den sozialen Zusammenhalt zu gefährden und Teile der Gesellschaft dauerhaft Risiken auszusetzen“, warnt das Zentrum. Und das wiederum werde „wachsende Sicherheitsherausforderungen mit sich bringen“.
