Neun von zehn nicht erwerbstätigen Belgiern würden heute mehr als 500 € netto mehr pro Monat verdienen, wenn sie Vollzeit arbeiten würden. Die Differenz zwischen Erwerbstätigkeit und dem Erhalt von Sozialleistungen oder Ersatzeinkommen auf über 500 Euro anzuheben, ist eine der wichtigsten Prioritäten der belgischen Bundesregierung. Eine neue Studie zeigt jedoch, dass dies für die große Mehrheit der betroffenen Belgier bereits der Fall ist. Dennoch gibt es für viele Menschen Hindernisse bei der Annahme einer geregelten Arbeit in Belgien.
Der Unterschied zwischen Vollzeitarbeit und Nichtarbeit soll in Belgien auf rund 500 € netto angehoben werden
Aktivierung, also die Sicherstellung, dass Menschen arbeiten, statt von Sozialleistungen oder Arbeitslosengeld zu leben, ist einer der Kernpunkte des Koalitionsvertrags der belgischen Bundesregierung. Im Abschnitt „Arbeitsmarkt“ lautet der erste Aktionspunkt: „Wir werden die Differenz zwischen Erwerbstätigkeit und Nichterwerbstätigkeit auf über 500 € erhöhen.“
Was sagt eine aktuelle Studie dazu? 94,5 % der nicht-erwerbstätigen Belgier würden bereits heute durch eine Vollzeitbeschäftigung mindestens 500 € netto pro Monat mehr verdienen, selbst wenn es sich um einen Mindestlohnjob von rund 2.070 € brutto handelt. Dies geht aus Simulationen aus einer neuen Studie des Herman Deleeck Zentrums für Sozialpolitik der Universität Antwerpen (UAntwerpen)hervor, über die die flämische Tageszeitung De Standaard berichtet.
Die Wissenschaftler untersuchten den Anteil der Belgier, die theoretisch arbeiten könnten, es aber in der Praxis (aus verschiedenen Gründen) nicht tun. Studierende, Rentner oder Langzeitkranke wurden in dieser Studie nicht berücksichtigt.
Arbeit zahlt sich aus
Die Belgier, die bereits Arbeitslosengeld beziehen, hätten durchschnittlich 928 € netto pro Monat mehr auf ihrem Bankkonto. Bei Sozialhilfeempfängern liegt dieser Betrag bei 838 €. „Ich möchte darauf hinweisen, dass diese Beträge die konservativste Schätzung sind, da wir hier den Mindestlohn verwendet haben“, erklärt die Doktorandin Elise Aerts, die an dieser Studie mitgewirkt hat, gegenüber VRT NWS: „Natürlich wissen wir, dass viele Arbeitnehmer mehr als den Mindestlohn verdienen. Würden wir einen etwas höheren Lohn verwenden, sähe das Bild noch rosiger aus.“ Nur eine kleine Gruppe gering qualifizierter Alleinerziehender mit hohem Ersatzeinkommen würde Geld verlieren, wenn sie wieder arbeiten gehen würden.
Warum sind die Hürden für eine Beschäftigung für viele nach wie vor hoch?
Da sich Arbeit auch laut dieser Studie auszahlt, stellt sich die Frage: Was hält manche Belgier davon ab, zu arbeiten oder sich einen passenden Job zu suchen? „Es gibt auch andere Barrieren auf dem Arbeitsmarkt“, erklärt Elise Aerts: „Wir sehen viele strukturelle, soziale und persönliche Hindernisse. Ein zentrales Problem ist beispielsweise der Mangel an flexibler und erschwinglicher Kinderbetreuung. Es ist eine Herausforderung, diese zu finden und zu bezahlen.“ Und es gibt viele Jobs, insbesondere Mindestlohnjobs, mit unregelmäßigen Arbeitszeiten – sprich Arbeitsstellen mit Arbeitszeiten von 9 bis 17 Uhr. Es sei oft schwierig, außerhalb dieser „regulären Arbeitszeiten“ eine Kinderbetreuung zu finden.
Für manche Menschen ist es einfach schwierig, einen passenden Job zu finden. Laut Aerts besteht manchmal eine Diskrepanz zwischen den Anforderungen offener Stellen und den Fähigkeiten der Bewerber. Darüber hinaus können Faktoren wie gesundheitliche Probleme und Diskriminierung eine Rolle spielen: „Es gibt mit Sicherheit noch andere Probleme, die angegangen werden müssen, ohne dass sich die politischen Entscheidungsträger ausschließlich auf die Anhebung um 500 € konzentrieren müssen.“
Langzeitkranke melden sich wieder beim Arbeitsamt
Immer mehr Menschen mit Langzeiterkrankungen wenden sich an die Flämische Arbeitsagentur (VDAB) und bitten um Unterstützung bei der Arbeitssuche. Im ersten Halbjahr dieses Jahres betraf das 6.300 Langzeitkranke. Das sind bereits mehr als im gesamten Jahr 2024. Es handelt sich dabei allerdings nur um einen Bruchteil der insgesamt 250.000 Langzeitkranken in Flandern. Zudem findet nur eine Minderheit der beim VDAB gemeldeten betroffenen Personen tatsächlich eine Arbeit.
Grund für diese noch vorsichtige Entwicklung ist, dass sowohl die flämische Landes-, als auch die belgische Bundesregierung darauf drängen, Langzeitkranke wieder zu aktivieren und in den Arbeitsmarkt zu integrieren.
