Im In Flanders Fields Museum (IFFM) in Ypern in Westflandern läuft aktuell die Ausstellung „Displaced“ („Vertrieben“), eine Ausstellung mit Ton- und Bildgeschichten der 1,5 Millionen Belgier, die 1914 bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 aus dem Land flohen. Im Rahmen dieser Ausstellung sucht das Museum auch nach noch nicht bekannten Geschichten.
Sagen Sie nicht „Flüchtling“, sondern „Vertriebener“: In Flanders Fields erzählt und sucht nach Fluchtgeschichten aus dem Ersten Weltkrieg
Julia Verkinderen, Valeer Bouckenooghe, Gerard Breyne ... An einer Wand in der Ausstellung „Vertriebene“ hängen ihre Namen und Gesichter auf einer Karteikarte. Alles Menschen, die während des Ersten Weltkriegs geflohen sind. „Die Geschichte ihrer Flucht wurde oft nur mündlich erzählt, von Generation zu Generation. Manchmal gibt es Erinnerungsstücke wie Briefe, Tagebücher und Fotos, manchmal aber auch nicht“, sagte IFFM-Mitarbeiterin Lotte Van Attenhoven zu der Ausstellung.
Letztes Jahr rief das In Flanders Fields Museum dazu auf, solche Fluchtgeschichten und Familienerinnerungen zu teilen und das war Erfolgreich: „Seitdem sind wöchentlich Fluggeschichten zu uns gekommen. Mit dieser Ausstellung hoffen wir, dass sich die Menschen noch mehr an diese Dinge erinnern. In Familien kursieren Geschichten über eine Großtante oder andere Vorfahren. Auch eine kleine Spur ist bei uns willkommen, mit der wir weiter untersuchen können.“
Im Jahr 1914, in den ersten Monaten des Ersten Weltkriegs, waren nicht weniger als anderthalb Millionen Belgier auf der Flucht. „Dies war ein Viertel der damaligen Bevölkerung von 6 Millionen Landsleuten. Eine riesige Zahl,“ so IFFM-Direktor Stephen Lodewyck gegenüber VRT NWS. Etwa 600.000 Belgier blieben während der gesamten Dauer des Ersten Weltkriegs im Exil. 300.000 in Frankreich, 200.000 im Vereinigten Königreich und auch etwa 100.000 in den Niederlanden.
Das Museum verwendet das Wort „Vertrieben“. “Das ist viel weiter gefasst als der klassische Begriff ‚Flüchtling‘. Vertriebene sind Menschen, die aus Angst oder während einer obligatorischen Evakuierung unbeabsichtigt ihr Zuhause und ihre Heimat verlassen müssen. Ohne zu wissen, wohin sie gehen und ob sie jemals zurückkehren werden,“ so Lodewyck weiter.
„Wir glauben, dass es in jeder Familie eine Fluchtgeschichte gibt - Eine Geschichte von Familien, die getrennt leben mussten. In Panik Hals über Kopf verschwinden. Von einem Ort zum anderen ziehen. Sich vorübergehend woanders niederlassen und die Kinder irgendwo zu Schule schicken… Viele kehren schließlich zu ihren zerstörten Heimatregionen zurück. Andere auch nicht.“
Die Bedingungen, unter denen Menschen fliehen, sind unterschiedlich, aber die Auswirkungen einer Vertreibung sind universell“
Stephen Lodewyck, Direktor des In Flanders Fields Museums
Leider klingt das alles sehr aktuell. Man muss nur an Gaza denken, an die Ukraine, an den Sudan oder Ostkongo und an so viele andere Brennpunkte auf der Welt. “Die Bedingungen, unter denen Menschen vor dem Krieg fliehen, sind unterschiedlich, aber die Auswirkungen der Vertreibung auf die Menschen sind zeitlos und universell,“ so Stephen Lodewyck weiter.
Kinderschühchen im Keller
Die Geschichte der Kriegsflüchtlinge aus dem Ersten Weltkrieg in Belgien ist seit langem unterbelichtet. Das will das IFFM ändern. “Wir haben diese Ausstellung hauptsächlich auf persönliche Geschichten aufgebaut,” sagte die wissenschaftliche Assistentin des IFFM, Annick Vandenbilcke.
Sie zeigt auf einen fast aufgelösten Kinderschuh aus dem Keller des Waisenhauses von Sint-Juliaan, einem Dorf in Westhoek. Aus den Aufsätzen der evakuierten Kinder in Frankreich – „wirklich herzzerreißende Geschichten“ - lässt sich schließen, dass sie alles in den Keller werfen mussten, was sie nicht mitnehmen konnten. Wie dieser Schuh, der erst vor kurzem aufgetaucht ist.
Es gibt auch die bewegende Geschichte zweier Väter, die beide im Krieg einen Sohn verloren haben. Sie finden sich im französischen Exil wieder, wo ein Mann bei einem Treffen seine Brille vergisst. Diese Brille blieb immer in der Familie des anderen Mannes und wurde erst kürzlich an die Nachkommen des Besitzers zurückgegeben und landeten schließlich im Museum in Ypern.
Solche Geschichten sind in Ypern auch der Mauern des Museums zu finden. An 6 Orten in der Stadt gibt es riesige Pfeile mit Erzählungen von Menschen aus der Nachbarschaft. Nahe der Stadtmauer berührt die Geschichte eines Bombenanschlags im Jahr 1915 die Leser besonders - dies nicht zuletzt in Kombination mit der zeitgenössischen Zeichnung des Palästinensers Nour Hifaoui Fakhoury, die eine Mutter und ihre Tochter in einer Blutlache liegend zeigt...
Vertrieben. Die belgischen Flüchtlinge des Ersten Weltkriegs, in den Tuchhallen und im Stadtzentrum von Ypern, noch bis zum 14. Juni 2026. Lakenhallen, Grote Markt 38, 8900 Ypern. Info: https://www.inflandersfields.be/de
