Die Brüsseler Künstlerin Michaelina Wautier (1604-1689) steht im internationalen Fokus. Nach der Ausstellung „Die führende Dame des Barock” in Antwerpen im Jahr 2018 sind ihre Werke derzeit im Kunsthistorischen Museum in Wien zu sehen und danach in der Royal Academy in London. „Heute wird sie als ebenbürtig mit Zeitgenossen wie Rubens und Van Dyck bezeichnet”, sagte die Kunsthistorikerin Annelies Verellen gegenüber der Brüsseler Nachrichtplattform BRUZZ und der Presseagentur Belga.
Die Werke der Brüsseler Barockmalerin Michaelina Wautier sind aktuell in Wien zu sehen
Diese Ehre wurde nur wenigen Künstlerinnen aus dem 17. Jahrhundert zuteil. „Sie brach in jeder Hinsicht mit den Konventionen ihrer Zeit”, sagt Annelies Verellen, Kunsthistorikerin und Doktorandin mit Spezialisierung auf frühmoderne Künstlerinnen aus den südlichen Niederlanden an der McGill University in Montreal in Quebec/Kanada.
Wie kommt es, dass eine Künstlerin wie Wautier so lange unter dem Radar geblieben ist?
Annelies Verellen: „Bis Ende der 1990er Jahre war Michaelina Wautier so gut wie unbekannt. Das änderte sich, als KU Leuven-Professorin Katlijne Van der Stighelen zufällig Wautiers ‚Das Bacchanal‘ im Keller des Kunsthistorischen Museums in Wien entdeckte. Dieser Fund löste eine Welle von Forschungen aus - in Archiven, mittels technischer Analysen und in neuen wissenschaftlichen Gruppen, die sich ausschließlich ihrem Werk widmen.“
„Lange Zeit wurde angenommen, dass die Werke, die Wautier malte, unmöglich von ihr stammen konnten, da Künstlerinnen nach den Konventionen des 17. Jahrhunderts keine männlichen Akte malen durften und sollten. Das galt damals als unanständig. Inzwischen wissen wir dank der Forschung, dass diese Gemälde tatsächlich von ihr stammen und immer mehr Werke werden ihr zugeschrieben. Die Ausstellung in Wien ist also eine Aktualisierung dessen, was wir seitdem über sie gelernt haben.“
Was war denn so besonders an ihr?
Verellen: „Michaelina Wautier war enorm vielseitig. Die meisten Maler des 17. Jahrhunderts spezialisierten sich auf ein Genre: Porträts, Stillleben oder religiöse Werke. Aber Wautier machte alles. Sie malte lebensgroße religiöse Szenen, Porträts, Stillleben, mythologische Szenen ... Auch inhaltlich war sie innovativ. Sie stellte den weiblichen Akt nicht nur als Objekt dar, sondern auf eine komplexere und introspektivere Weise.“
„In ‚Das Bacchanal‘ (Illustration oben) wird angenommen, dass die einzige Frau, die den Betrachter direkt ansieht, sie selbst ist, mit entblößter Brust. Das ist revolutionär. Sie nutzt die Nacktheit nicht, um zu verführen, sondern um sich als Künstlerin zu zeigen. Damit brach sie eigentlich mit allen Konventionen ihrer Zeit. Heute wird sie endlich als gleichwertig mit Zeitgenossen wie Rubens und Van Dyck anerkannt. Ihr ‚Bacchanal‘ hängt heute sogar zwischen ihren Werken.“
Was verband sie mit Brüssel?
Verellen: „Wautier stammte ursprünglich aus Mons (wallonische Provinz Hennegau, Red.), lebte aber den größten Teil ihres Lebens zusammen mit ihrem Bruder Charles in Brüssel. Ihre beiden anderen Brüder arbeiteten in Brüssel für die spanische Krone. Michaelina selbst war auch in der Brüsseler Elite und am Hof bekannt. So wurde ihr ‚Bacchanal‘ von Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich erworben, der damals vom Coudenberg-Palast aus über die südlichen Niederlande herrschte. Darüber hinaus besaß er noch drei weitere Werke von ihr. Ihr Name taucht sogar im Inventar seiner Kunstsammlung auf.“
„Es gibt auch Dokumente, die belegen, dass Wautier zusammen mit ihrem Bruder verschiedene Immobilien besaß, darunter in Etterbeek und an der Blaesstraat und der Heilige Geeststraat im Zentrum von Brüssel. Diese vermietete sie. Sie war eine echte Geschäftsfrau avant la lettre.“
Michaelina Wautier, noch bis zum 22. Februar 2026 im Kunsthistorischen Museum in Wien . Danach vom 27. März bis zum 21. Juni 2026 in der in Royal Academy in London .
