Einer der größten Drogenprozesse in Belgien hat am Montag im ehemaligen NATO-Gebäude in Brüssel begonnen. 31 Angeklagte stehen wegen des Imports von 16 Tonnen Kokain, das über ein Antwerpener Unternehmen in Europa eingeführt wurde, vor Gericht. Damit sollen die mutmaßlichen Bandenmitglieder, darunter auch Juristen, eine halbe Milliarde Euro verdient haben. Die Anführer der Bande gelten als Topgangster aus der internationalen Drogenszene und als sehr gefährlich. Doch nach nur kurzer Zeit wurde der Prozess auf Drängen von Hans Rieder (Foto), der Anwalt des Topgangsters Flor Bresser, bis Donnerstag stillgelegt. Grund ist eine erneuerte CD-Rom, auf der Beweise enthalten sind.
Drogenprozess mit enormem Aufwand in Brüssel gestartet - und um einige Tage ausgesetzt
Der Prozess findet unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen statt... Dies ist eigentlich ein Prozess des Gerichts von Brügge. Doch speziell für diesen Fall zog man es vor, in das alte NATO-Gebäude in Brüssel umzuziehen, da hier die Sicherheitsmaßnahmen und -möglichkeiten viel strenger und schärfer sind. Hier fand u.a. der Prozess gegen die islamistischen Terroristen nach den Terroranschlägen auf Brüssel statt…
Das liegt daran, dass zwei Personen, die hier vor der Anklagebank stehen, als Spitzenfiguren aus der internationalen Drogenszene gelten: Der flämische Limburger Flor Bressers (39) und der Brasilianer Sergio Roberto De Carvalho (66), die Anführer einer Bande sein sollen, die 16 Tonnen Kokain von Brasilien nach Europa geschmuggelt hätte. Bressers, der 2022 in der Schweiz verhaftet wurde, hat einen beängstigenden Spitznamen - „Fingerschnipper” - und gilt als sehr gewalttätig. De Carvalho wird auch der “Brasilianische Escobar“ genannt. Er wurde im Juni 2022 auf einer Terrasse in Ungarn festgenommen.
Fünf Jahre Ermittlungen
Der Fall kam vor fünf Jahren ans Licht, als im Rotterdamer Hafen drei Tonnen Kokain in einem Container mit Manganerz für das belgische Wasseraufbereitungs-Unternehmen „Kriva Rochem“ abgefangen wurden. Diese von einem 80 Jahre alten Mann geleitete Firma, ist ein Familienunternehmen, dass von den Drogenschmugglern als Scheinunternehmen genutzt wurde.
Die Ermittlungen legten einen Gang zu, als es den Ermittlern gelang, die verschlüsselten Telefone der Bande zu knacken. Dies bewies, dass es zuvor möglicherweise mehrere erfolgreiche Kokaintransporte gegeben hat. Es handelte sich um mindestens 16 Tonnen Kokain, dessen Wert sich auf Hunderte Millionen Euro beläuft. Alle Verdächtigen gemeinsam sollen mit ihrem Schmuggel eine halbe Milliarde Euro verdient haben.
Die kriminelle Organisation arbeitete von verschiedenen Standorten auf der ganzen Welt aus und war als echter multinationaler Konzern eng strukturiert. Man ging hier sehr professionell vor. Die Kriminellen versuchten auch, Informationen über Ermittler und Ermittlungsrichter sowie über den Stand der Ermittler zu erhalten (siehe weiter unten).
Wer steht hier noch vor Gericht?
Ein weiterer wichtiger Angeklagter ist Stefan P., ein enger Vertrauter von Flor Bressers. Er wird auch dessen rechte Hand genannt. Der Niederländer bosnischer Herkunft wurde Ende 2024 in Dubai festgenommen.
Noch auf der Anklagebank: Mehrere Leutnants und Bressers Freundin sowie der bekannte belgische Ex-Anwalt Pol Vandemeulebroucke. Nach Angaben der Bundesanwaltschaft in Brüssel hat Vandemeulebroucke intensiv mit Bressers kommuniziert, um an Dokumenten aus der Drogenakte „Kriva Rochem“ zu gelangen.
Auch der niederländische Anwalt Cem Polat wird wegen Beteiligung an der kriminellen Vereinigung strafrechtlich verfolgt. Polat soll bis zu dreimal vertrauliche gerichtliche Informationen weitergegeben haben. Dies soll offizielle niederländische Protokolle zu diesem Verfahren betreffen.
CD-Rom
Im Laufe des ersten Prozesstages ließ Hans Rieder, der Anwalt von Flor Bresser, den Prozess unterbrechen. Rieder stellte fest, dass eine CD-Rom mit Beweisen gegen seinen Mandanten erneuert worden war, ohne das Gericht und die Verteidigung davon zu unterrichten.
Offenbar konnte die vorherige CD-Rom nicht mehr gelesen werden. Rieder sagte dazu: „Wie können sie jemals beweisen, dass die Info, die darauf enthalten ist, die gleiche ist, wie die auf dem alten Datenträger?“
Nach Angaben der Bundesanwaltschaft handelt es sich hierbei nicht um ein neues Beweisstück: „Am 9. September 2024 wurde festgestellt, dass die CD-Rom lesbar war und am 25. Januar stellte die Bundespolizei erneut fest, dass die betreffende CD-Rom lesbar war. Am Freitag stellte sich heraus, dass sie inzwischen kaputt gegangen ist. Wir wurden hierüber informiert und haben umgehend die notwendigen Schritte unternommen, um eine neue CD-Rom zu brennen. Wir waren nicht illoyal, wir wollten nur Abhilfe schaffen.“
Verteidigung und Anklage haben nun die Möglichkeit festzustellen, zu prüfen, was auf der vorliegenden CD-Rom steht und darüber zu urteilen. Der Kriva Rochem-Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt.
