Die Ermordung des Präsidenten der Kommunistischen Partei, Julien Lahaut (Foto), am 18. August 1950 war das Werk des antikommunistischen Netzwerks von André Moyen. Dieses Netzwerk wurde von der belgischen Hochfinanz gefördert und hatte enge Kontakte zu Politik, Polizei und Staatssicherheit. Dies geht aus den Untersuchungen des CegeSoma (Studien- und Dokumentationszentrum für Krieg und zeitgenössische Gesellschaft) hervor, die im Mai 2015 im Senat vorgestellt wurden, der die Untersuchung damals in Auftrag gegeben hat.
Politischer Mord? Vor 75 Jahren wurde der belgische Kommunistenführer Julien Lahaut erschossen
„Vive La République“
Dies erklärt, warum sich mehrere Ermittlungsrichter jahrelang ihre Zähne an dieser Akte ausgebissen haben. Ihnen blieben eine ganze Reihe entscheidender Abschnitte aus dem Dossier schlicht und einfach verborgen.
Lahaut wurde eine Woche, nachdem er bei der Vereidigung von König Baudouin „Vive la République“ im Parlament gerufen hatte, vor seinem Haus in Seraing in der Provinz Lüttich ermordet. In der Frage des Motivs für diesen Mord wurde zunächst in diese Richtung gedacht. Lahaut soll von „Leopoldisten“ ermordet worden sein, die König Leopold III. aufgrund seiner umstrittenen Haltung im Zweiten Weltkrieg damals nicht zum Rücktritt aufforderten.
Es wurde zeitweise auch vermutet, dass es sich um eine Verschwörung unter den belgischen Kommunisten handeln könnte. Doch man musste bis 1985 auf erste wissenschaftliche Nachforschungen warten.
Rudi Van Doorslaer und Etienne Verhoeven verlagerten den Fokus in ihrem Buch „Der Mord an Lahaut“ auf die antikommunistischen Geheimdienste, die im aufkommenden Kalten Krieg tätig waren. Diese agierten quasi ikm Verborgenen neben den offiziellen Geheimdiensten. Den Autoren gelang es außerdem, zwei mutmaßliche Täter des Anschlags auf Lahaut zu identifizieren.
Blinde Ermittlungsrichter...
Aufgrund eines einstimmigen Beschlusses des belgischen Senats aus dem Jahr 2008 wurde 2011 eine neue Untersuchung eingeleitet. Emmanuel Gerard, Widukind De Ridder und Françoise Muller kamen in ihrem Buch „Wer hat Lahaut getötet?“ zu dem Schluss, dass nicht die Königsfrage zur Ermordung von Julien Lahaut führte, sondern die Wirren des Kalten Krieges. Die Wissenschaftler und Autoren durchforsteten für ihre Erkenntnisse eine Liste privater und öffentlicher Archive. Dazu gehörten auch die dahingehenden Dossiers zur gerichtlichen Untersuchung der Staatsanwaltschaft Lüttich.
Letztere schienen 1996 vernichtet worden zu sein, doch der Anwalt der Nebenkläger ließ eine Kopie des vollständigen Dossiers (11.000 Seiten) aus dem Jahr 1976 anfertigen und bei der Kommunistischen Partei Belgiens hinterlegen. Die Nachforschungen von Gerard, De Ridder und Muller ergaben unter anderem, dass eine Reihe von Dokumenten in den Archiven von Polizei, Politikern oder Staatssicherheit gefunden wurden, aber nie in die Hände der damaligen Ermittlungsrichter gelangten. „Die Ermittlungsrichter gingen blind durch den Raum“, so Emmanuel Gerard damals dazu.
Die drei Wissenschaftler konnten sich ein gutes Bild vom „Netzwerk“ des Spions und Anti-Kommunisten André Moyen, das von großen Unternehmen wie der Société Générale und Brufina großzügig finanziert wurde und seinen Ursprung im antikommunistischen Kampf hatte. Moyen prägte den Widerstand während des Zweiten Weltkriegs und war davon überzeugt, dass nach dem Nationalsozialismus die größte Gefahr vom Kommunismus ausging.
Wohin gingen Moyens Berichte?
Moyen schickte seine Berichte und Erkenntnisse an verschiedene Quellen: An seine Finanziers, an Politiker wie Albert De Vleeschauwer von der Katholischen Partei und später Innenminister (1949–1950) für die christliche flämische CVP, an die Polizei und auch an die Staatssicherheit.
In diesem Zusammenhang wiesen die Autoren auf die gegenseitige Abhängigkeit offizieller und privater Nachrichtendienste hin. Auf Antrag des Gerichts wurden damals die Interessen Moyens und seiner Berichte ausnahmslos minimiert. Es war nicht verwunderlich, dass zu diesen Diensten auch Agenten des Moyen-Netzwerks gehörten. Moyen sei nicht mehr als ein Journalist, hieß es seinerzeit…
Entscheidend für die Untersuchung war der Bericht „Activité du Réseau pendant le mois d'août 1950“ („Aktivität des Netzwerks im Monat August 1950“, dem Monat, in dem Lahaut ermordet wurde), der sowohl im Archiv von De Vleeschauwer, bei der politischen Abteilung der Antwerpener Kriminalpolizei, als auch beim stellvertretenden Direktor des Konzerns Union Minière gefunden wurde. Aus den Exemplaren der Polizei und des Konzerns war jeweils der letzten Teil zum Mordmotiv herausgeschnitten...
