Der flämische Forscher Niels Vander Elst hat eine neue Technik entwickelt, mit der Infektionen durch resistente Bakterien möglicherweise doch behandelbar werden. Die Methode lässt sich mit bestehenden Antibiotika kombinieren und könnte langfristig eine wichtige Rolle im Kampf gegen multiresistente Keime spielen. Eine klinische Anwendung beim Menschen steht noch aus.
Dank flämischen Wissenschaftlers: möglicher Durchbruch gegen Antibiotikaresistenz
Antibiotika werden weltweit oft zu großzügig eingesetzt – sowohl in der Humanmedizin als auch in der Tierhaltung. Das führt dazu, dass immer mehr Bakterien Resistenzen entwickeln. In Europa sterben laut Schätzungen bereits 35.000 Menschen jährlich an den Folgen von Antibiotikaresistenz. Die WHO warnt, dass diese Zahl bis 2050 auf 10 Millionen pro Jahr steigen könnte.
Forschung am Karolinska-Institut
Vander Elst forscht am renommierten Karolinska-Institut in Stockholm in der Arbeitsgruppe von Federico Iovino. Ursprünglich als Tierarzt ausgebildet, begann er seine wissenschaftliche Laufbahn mit Studien zu Euterentzündungen bei Milchkühen – Erkenntnisse, die sich später auch auf den Menschen übertragen ließen.
"Molekulare Schere“ gegen resistente Bakterien
Im Interview mit Radio 1 erklärt Vander Elst: „Wir haben ein Enzym namens Endolysin entdeckt, das aus einem Virus stammt. Es kann Bakterien infizieren und töten, ist aber für Mensch und Tier völlig ungefährlich.“ Wird dieses Enzym mit einem Antibiotikum kombiniert – etwa Penicillin, das ebenfalls die Zellwand angreift – werden resistente Bakterien wieder empfindlich gegenüber der Behandlung.
„Man kann sich das Enzym wie eine molekulare Schere vorstellen, die die Zellwand der Bakterien aufschneidet“, so Vander Elst. Die Kombination mit einem klassischen Antibiotikum verstärkt die Wirkung deutlich.
Erste Erfolge im Labor und bei Mäusen
Die Technik wurde bislang an menschlichen Gehirnzellen im Labor und an Mäusen getestet – mit vielversprechenden Ergebnissen. Bei unbehandelten Tieren oder solchen, die nur mit herkömmlichen Antibiotika behandelt wurden, verlief die Infektion tödlich. Mit dem Enzym hingegen konnten die Bakterien vollständig eliminiert werden – sogar ohne verbleibende Infektion im Gehirn.
In zehn Jahren einsatzbereit?
Die Methode muss noch weiterentwickelt werden, bevor sie in der Klinik eingesetzt werden kann. Doch laut Vander Elst testen bereits US-amerikanische und südkoreanische Unternehmen das Enzym in Studien am Menschen. Er rechnet damit, dass die Technik innerhalb von zehn Jahren als Teil einer Kombinationstherapie verfügbar sein könnte.
„Das ist ein Teil der Lösung“, sagt Vander Elst. „Ich sehe es als ein Puzzlestück in einem sehr komplexen Gesamtbild. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung – aber es braucht noch viele weitere.“
