Die flämische Geschichts-Organisation Archiefpunt (Archivpunkt) startet das Projekt „Kriegstagebücher“ und ruft dazu auf, vergessene Zeugnisse aus dem Zweiten Weltkrieg zu melden. Vielleicht hat noch jemand ein Tagebuch, ein Poesiealbum oder einen Kalender der Großeltern auf dem Dachboden liegen. „Über die Fakten des Krieges wissen wir viel, aber hier geht es um menschliche, persönliche Geschichten”, sagt Janna Aerts von Archiefpunt. Und die dürfen nicht verloren gehen.
Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg gesucht: „Sicher, dass noch Schätze auf dem Dachboden liegen“
Das wohl berühmteste Kriegstagebuch ist das der Jüdin Anne Frank, die in Amsterdam untergetaucht war. 1944 hörte sie einen Aufruf der niederländischen Exilregierung in London im Radio. Damals wurden ausdrücklich alle Bürger dazu aufgerufen, Tagebücher und andere Notizen als persönliche Zeugnisse des Krieges aufzubewahren.
In Belgien passierte nichts Vergleichbares. Archiefpunt, die Dachorganisation privatrechtlicher Archive im belgischen Bundesland Flandern, ruft jetzt dazu auf, solche Kriegszeugnisse zu melden. Vielleicht liegt ein Tagebuch eines Familienmitglieds in der Schublade, ein Terminkalender mit Notizen oder ein Stapel Briefe auf dem Dachboden. Wenn es sich um Schriften aus den Jahren 1939 bis 1949 handelt, ist Archiefpunt daran interessiert.
Wer oder was ist der Archivpunkt?
Archiefpunt unterstützt Archive, Vereine und Privatpersonen bei der Aufbewahrung wertvoller Kulturgüter. Mit dem Projekt „Kriegstagebücher” möchte die Organisation möglichst viele Tagebücher aus dem Zweiten Weltkrieg sammeln, digitalisieren, aufbewahren und gegebenenfalls für die Öffentlichkeit zugänglich machen.
Solche Zeugnisse sind wertvoll und dürfen nicht verloren gehen, sagt Janna Aerts von Archiefpunt: „Zunächst einmal wollen wir erfassen, wie viele dieser Tagebücher es gibt und wo sie sich befinden. Wir wissen, dass es viele sind, aber wir wissen nicht, wo sie sind. Manchmal befinden sie sich in einem Archiv, manchmal bei Privatpersonen zu Hause. Wir haben bereits eine Datenbank mit fast 800 Tagebüchern.”
„Wenn ich sehe, was bereits gemeldet wurde, bin ich mir sicher, dass noch Schätze auf Dachböden liegen. Oft sind sich die Menschen dessen nicht bewusst, wie wertvoll solche Notizen sind. ‚Meine Großmutter schrieb darüber, wie sie Kartoffeln suchte oder die Wäsche machte‘ - Das sind auch wichtige Dinge, die relevant sind, wenn wir sie nebeneinanderstellen können,“so Aerts gegenüber VRT NWS.
Was ist der Mehrwert solcher persönlichen Aufzeichnungen? Was können wir daraus lernen?
„Für mich sind diese Tagebücher eine wirklich schöne und wertvolle Quelle, weil man darin das Menschliche sieht,“ so Jana Aerts: „Man liest über persönliche Erfahrungen, Gedanken und Gefühle. Über die Fakten des Zweiten Weltkriegs wissen wir viel. Wir kennen alle offiziellen Quellen. Diese Tagebücher geben subjektive Erfahrungen wieder, was Menschen fühlten, wie sie dachten, wie sie damit umgingen, was sie erlebten. Diese Informationen findet man nicht in offiziellen Quellen.“
„Wenn ich sie lese, fällt mir auf, wie vertraut mir die Menschen sind, selbst in Krisensituationen. Es sind ganz normale Menschen wie Sie und ich, die sich auch mit anderen Dingen als dem Krieg beschäftigen. Sie machen sich Sorgen, ob ihre Kinder glücklich sind oder ob ihre Mutter krank ist. Es geht um Freunde, die in der Schule spielen, darum, sich zu verlieben, sich im Kino zu küssen ... Ich lese in diesen Tagebüchern von einer gemeinsamen Menschlichkeit,“ sagte die Archivarin dazu.
Was ist das Ziel dieses Projekts?
Wer ein solches Kriegstagebuch besitzt, bleibt dessen Eigentümer. Ziel ist lediglich, all diese handschriftlichen Quellen zu digitalisieren und so für die Nachwelt zu bewahren. Archiefpunt möchte die Informationen auch über eine interaktive Website zugänglich machen, eventuell auch mit einer Karte, um den Verfasser zu lokalisieren. Natürlich mit Zustimmung der Hinterbliebenen, falls vorhanden.
„Wir stellen fest, dass jemand, der ein Kriegstagebuch anmeldet, auch möchte, dass dieses geteilt wird. Die Menschen sehen dies oft als eine Hommage an das Familienmitglied, das es geschrieben hat“, sagt Janna Aerts. Das Projekt „Kriegstagebücher“ wurde im vergangenen Herbst in kleinem Rahmen gestartet. Jetzt wurde ein allgemeiner Aufruf an die breite Öffentlichkeit gestartet. Es wurden bereits einige besonders spannende Tagebücher angemeldet.
