In diesem Sommer kann in Antwerpen den Nottebohm-Saal besuchen werdeb, der Bibliothekssaal in der Hendrik Conscience-Bibliothek aus dem 19. Jahrhundert. Hier werden speziell für Besucher bibliophile Ausgaben ausgestellt. Dabei handelt es sich um Bücher, die in limitierter Auflage, oft auf speziellem Papier und mit besonderer Gestaltung, veröffentlicht werden. So sind zum Beispiel Bücher des flämischen Schriftstellers Tom Lanoye in Sandpapier und in anderen Materialien ausgestellt.
Der Antwerpener Nottebohm-Saal ist in diesem Sommer für die Öffentlichkeit geöffnet: "Harry Potter würde sich hier zu Hause fühlen"
Der Autor Tom Lanoye war vor einigen Wochen eigens zur Eröffnung des Nottebohm-Saals in die Hendrik Conscience Bibliothek in Antwerpen gekommen, wo auch eine Ausstellung mit bibliophilen Büchern und Künstlerbüchern läuft. "Der schönste Raum der Stadt, ich glaube, Harry Potter würde sich hier zu Hause fühlen", war seine erste Reaktion. "Ich komme immer wieder gerne hierher."
"Jeder kennt diesen Raum oder hat schon von ihm gehört", stimmt Direktor Sam Capiau zu, "aber in diesem Sommer zeigen wir den Leuten mit der Ausstellung ‚Across the Borders of the Book‘ („Über die Grenzen des Buches hinaus“), dass er viel mehr ist als nur ein schöner Raum. Die Besucher können sich über bibliophile Editionen informieren: Bücher in limitierter Auflage, die in Form oder Material besonders sind und von Hand gedruckt werden.
Die Auswahl umfasst Werke des Autors Tom Lanoye, des Grafikdesigners Jelle Jespers und der bildenden Künstler Nico Dockx und Zena Van den Block. "Für jedes Buch versuche ich, einen kreativen Plan zu entwickeln", erklärt Lanoye: "Zum Beispiel verwandeln wir ein Buch mit dem Titel ‚Doen‘ („Machen“) in eine DIY-Ausgabe, bei der man mit Klebstoff und Garn sein eigenes Buch herstellen muss."
Buch in Sandpapier
"Und das Buch ‚Schermutseling‘ („Scharmützel“) haben wir auf Sandpapier gedruckt, so dass die Hände beim Lesen des Buches sogar bluten können. So wird ein Buch zu mehr als nur einem Objekt, in dem man lesen kann." Lanoye freut sich auch, dass seine Werke in dem schönen Bibliotheksraum neben den in Leder gebundenen Büchern ein Zuhause gefunden haben.
Eine weitere Pracht von Lanoye ist seine Trilogie „Monster“: 3 Bände, die in einer Art Flightcase stecken und jeweils aus einem anderen Material bestehen. "Zusammen ist es so hässlich, dass es unglaublich schön wird", so der stolze Schriftsteller. Man kann den Bibliothekssaal am Hendrik Conscienceplein in Antwerpen noch bis zum 15. September besuchen. Von Dienstag bis Sonntag, jeweils von 13.00 bis 17.00 Uhr. Info: consciencebibliotheek.be/de .
Besonderer Saal
Dieser Saal, wohl einer der schönsten historischen Räume in Antwerpen und eigentlich auch in ganz Flandern, wurde der Stadt im 19. Jahrhundert von der deutschen Familie Nottebohm geschenkt. „Das Publikum erhält jetzt die einmalige Möglichkeit, um während des Sommers diesen historischen Bibliothekraum zu besichtigen“, so Peter Thoelen, der damalige Direktor der Conscience-Bibliothek bei der Wiedereröffnung nach langer Restaurierung im Juni 2022 gegenüber VRT NWS.
„Dieser Saal ist ein Bibliotheksaal mit den noch ursprünglichen Regalen, den gusseisernen Balustraden und dem Eichenboden aus dieser Zeit“, so Thoelen damals weiter: „Dort sind auch zahllose alte und historische Bücher sowie einige Weltkugeln aus dem 17. Jahrhundert zu sehen.“ Hier sind die ersten 150.000 katalogisierten Bücher der Sammlung des Hauses aufbewahrt.
Der Name Nottebohm
Der Nottebohm-Saal verdankt seinen Namen dem Antwerpener Mäzen Oscar Nottebohm, Spross einer deutschen Kaufmannsfamilie, der dem Stiftungsfonds und der Volksbibliothek beträchtliche Summen vermacht hat. Oscar Nottebohm (1865-1935) ist ein Enkel von Diederich Wilhelm Nottebohm, der 1811 von Bielefeld nach Antwerpen ausgewandert war. Allerdings konzentrierte er sich nicht mehr wie sein Großvater auf den Kolonialhandel. Die Firma Nottebohm wurde 1882 von „Albert de Bary & Co“ übernommen, aber Oscar setzte die Familientradition der Geschenke fort.
Er trat damit in die Fußstapfen seines Onkels August Nottebohm, der bereits 1883 der Stadt Antwerpen 100.000 belgische Francs für die Verschönerung der Stadt vermachte. Oscars Bruder, der Diplomat Frederik Benjamin Nottebohm, tat das Gleiche im Jahr 1913. Und auch seine Mutter Maria von Laer, die Witwe von André Gaspard Nottebohm, erwies sich als großzügige Spenderin: 1901 gründete sie ein Hospiz für Hautkrankheiten, besser bekannt als die Nottebohm-Klinik.
Schenkungen
Oscar Nottebohm schenkte der Stadt Antwerpen zwischen 1908 und 1917 zahlreiche Gemälde. Nach seinem Tod (am 30. September 1935) hinterließ er beträchtliche Summen, darunter 50.000 Franken für den „Bestendig Dotatiefonds voor de Stadsbibliotheek en het Museum Plantin-Moretus“, dessen Mitglied er war. In seinem Testament erwähnte er Gemälde, Skulpturen, Auktionskataloge und Kunstbücher sowie hunderttausend Franken für das Museum der schönen Künste und fünfzigtausend für die Museen Vleeshuis und Steen.
Außerdem stiftete er 25.000 Franken für die Volksbibliothek. Auf Vorschlag der Bibliothekarin Lode Baekelmans wurde dieses Geld für den Kauf von Kinderbüchern für die damals neu eingerichteten Kinderlesesäle in den vier Zweigstellen verwendet.
Als posthume Anerkennung beschloss der Stadtrat 1936, den neuen Saal in der Sodaliteit „Nottebohm-Saal“ zu nennen. Zu Ehren der Schenkung organisierte die Volksbibliothek ein Jahr später eine Ausstellung. Neben dem Porträt von Oscar Nottebohm wurde eine Auswahl der erworbenen Bücher gezeigt. Auch das Wappen der Familie wurde in eines der Fenster des Rathauses integriert. Die feierliche Enthüllung des Buntglasfensters durch Bürgermeister Camille Huysmans fand am 13. März 1937 statt.
