Im Mordfall der Anwältin Claudia Van Der Stichelen (Foto) in Sint-Lievens-Houtem ist ein 71-jähriger Mann zum Verhör abgeführt worden. Das schreibt die flämische Tageszeitung Het Laatste Nieuws und die Meldung wurde gegenüber VRT NWS bestätigt. Gibt es nach anderthalb Jahren in diesem Fall dann doch noch einen Durchbruch?
Durchbruch nach mehr als 1,5 Jahren? 71-jähriger Mann im Mordfall der Anwältin Claudia Van Der Stichelen verhaftet
Am Samstag, den 28. Oktober 2023, wurde die Anwältin Claudia Van Der Stichelen in ihrem Vorgarten kaltblütig erschossen. Seit anderthalb Jahren sind die Ermittler auf der Suche nach dem Täter. Denn trotz eines Phantombildes, Dutzenden von Hinweisen und mehreren Vernehmungen waren die Ermittlungen bisher noch zu keinem brauchbaren Ergebnis gekommen.
Jetzt scheint sich doch noch etwas in den Fall zu bewegen. Am Montag führten die Ermittler eine Razzia in einem Haus in Hillegem in Ostflandern durch, einem Ortsteil von Herzele, der etwa 5 km von dem Ort entfernt ist, an dem Van der Stichelen ermordet wurde. Ein 71-jähriger Mann, der an dieser Adresse wohnt, wurde zum Verhör mitgenommen und seine Wohnung wurde durchsucht.
Bei den Verhören wies der Verdächtige jegliche Schuld von sich, doch die Analyse von DNA-Spuren belegt, dass sich der Mann am Tatort aufgehalten haben muss. Der Ermittlungsrichter ordnete am Mittwoch Untersuchungshaft für den Verdächtigen an.
Wo liegt der Link zwischen dem Verdächtigen und seinem Opfer?
Ein Anwohner sagte gegenüber VRT NWS, dass die Polizei am Montag mit vielen Beamten in die Wohnung eingedrungen sei: "Sie durchsuchten den ganzen Tag, auch mit Hunden". Er beschreibt ihn als "Einzelgänger": "Er war ein Sonderling, hatte keine Kinder und nie Besuch.“ Ein anderer Nachbar fügt hinzu: "Er lief immer in einem Kittel herum. Er war sehr verschlossen, hat aber nie Streit gesucht. Auf dem Phantombild (das nach dem Mord in Umlauf gebracht wurde) würde ich ihn nicht sofort erkennen."
Was das Gericht gegen ihn in der Hand hat und was seine mögliche Verbindung zu Van der Stichelen ist, ist noch nicht klar. Man weiß auch nicht, ob die Polizei bei der Durchsuchung etwas mitgenommen hat. Die Staatsanwaltschaft von Ostflandern gibt im Moment keinen Kommentar ab.
Rückblick: Der Tathergang
Am Samstag, den 28. Oktober 2023, gegen 13.15 Uhr, wurde Claudia Van Der Stichelen aufgeschreckt, als plötzlich ein Mann in ihrer Wohnung erschien. Der Mann hält einen Revolver und einen Hammer in der Hand und will wissen, ob sie Claudia Van Der Stichelen sei. Sie bestätigt dies. In der Zwischenzeit ist auch Claudias Sohn Viktor die Treppe hinuntergestürmt, um nachzuschauen, was da los ist. Der Anwältin gelingt es, durch die Haustür zu entkommen. Der Mann mit dem Revolver und dem Hammer verfolgt sie bis in den Vorgarten.
Sohn Viktor zögert nicht und ruft die Polizei. Danach will er seiner Mutter mit einem Luftgewehr zu Hilfe kommen und versucht, im Vorgarten den Täter zu überwältigen. Der feuert 3 Kugeln auf ihn ab. Viktor wird getroffen und flieht ins Haus. Dann richtet der Mann seine Waffe auf Claudia. Die Anwältin wird mit 3 Kugeln getötet.
Der Täter
Nach dem Mord läuft der Täter in Richtung Marktplatz von Sint-Lievens-Houtem davon, biegt in eine Gasse ein und verschwindet in den Feldern. Ein Zeuge will den Mann auf einem Parkplatz, einige hundert Meter entfernt, gesehen haben. Seitdem fehlt jede Spur von ihm. Bemerkenswerterweise schien der Mann zu keinem Zeitpunkt zu versuchen, seine Identität zu verbergen.
Er betrat das Haus am helllichten Tag, feuerte vor den Augen mehrerer Augenzeugen insgesamt 6 Schüsse ab und entfernte sich seelenruhig. Anhand von Zeugenaussagen erstellte die Polizei ein Profil des Täters. Es soll sich um einen älteren Mann zwischen 50 und 80 Jahren mit weißer Hautfarbe handeln. Er soll größer als 1,80 m und von normaler Statur sein.
Laut Zeugenaussagen hatte der Mann einen kerzengeraden Gang, eine faltige Stirn und hellgraues Haar mit hohem Haaransatz. Der Mann soll außerdem ziemlich große Ohren und eine große Nase gehabt haben und mit einem deutlichen ostflämischen Akzent gesprochen haben. Am Tag der Tat soll der Mann einen auffälligen blau-grauen Overall und grüne Stiefel getragen haben.
Das Besondere an diesem Fall ist wohl, dass der Täter immer noch spurlos verschwunden ist und unbekannt bleibt. Es gibt nur wenige Überwachungskameras in Sint-Lievens-Houtem, doch Bilder, die Beweise oder Indizien liefern könnte, erbrachten diese nicht. Eine Tatwaffe, wohl ein Revolver - bei dem die Patronenhülsen in der Waffe bleiben - wurde auch nicht gefunden.
Wer oder was wurde(n) bisher geprüft?
Zunächst hatte die Polizei den möglichen Täter in den Akten gesucht, die Van Der Stichelen als Anwältin bearbeitet hat. Sie war als strenge Rechtsanwältin bekannt, die vor niemandem zurückschreckte, so Quellen, die den Ermittlungen nahe stehen. „Claudia hatte Feinde“, ist alles, was eine anonyme Quelle dazu sagen konnte.
In diesem Zusammenhang wurden im November letzten Jahres 2 Männer verhaftet und verhört. Seinerzeit ging es um einen Mann, der seit mehreren Jahren unter der Vormundschaft der Anwältin stand und der mit dem Verlauf alles andere als zufrieden war. Die beiden Verdächtigen wurden aber freigelassen, da keine ausreichenden Hinweise vorlagen, dass sie etwas mit dem Mord zu tun haben könnten.
„Die Tatsache, dass uns keine Akteneinsicht gewährt wird, bestärkt uns in der Annahme, dass die Suche immer noch intensiv ist“, so Walter Damen, Anwalt der Angehörigen erleichtert ein Jahr nach der Tat. Das bedeutet konkret, dass Polizei und Justiz den Fall zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen oder zu den Akten gelegt hatten.
