Lutgard Franck arbeitet seit 20 Jahren als Hausärztin im Lötschental – einem abgelegenen Schweizer Hochtal, das am Mittwoch von einem Gletscherabbruch schwer getroffen wurde. Das kleine Dorf Blatten, in dem Franck alle Bewohnerinnen und Bewohner persönlich kennt, wurde unter 3 Millionen Kubikmeter Schutt und Geröll begraben. Jetzt drohen Überschwemmungen durch Schmelzwasser.
Gletscherabbruch in der Schweiz geht um die Welt – Flamin ist dort Hausärztin und berichtet
Erst vorige Woche waren die rund 300 Einwohner von Blatten evakuiert worden, nachdem eine Mure aus höheren Lagen abging. Am Mittwoch stürzte dann ein großer Teil des Birchgletschers ins Tal. Das Dorf wurde buchstäblich von der Landkarte gewischt.
Die flämische Ärztin Lutgard lebt seit rund 25 Jahren in der Region. „Ich bin durch meinen Schweizer Ehemann hierhergekommen“, erzählt sie:„Zunächst habe ich im Krankenhaus gearbeitet, aber seit 20 Jahren führe ich meine eigene Praxis hier im Lötschental.“
„Das Tal besteht aus vier Dörfern, darunter Blatten. Insgesamt leben etwa 1.500 Menschen hier – in der Hochsaison steigt die Zahl durch den Tourismus auf rund 4.000. Ich bin die einzige Ärztin im Tal, also betreue ich alle Einwohner – auch alle, die nun direkt betroffen sind.“
Plötzliche Flucht – kaum Zeit zum Packen
„Die Menschen in dieser Gegend sind einiges gewohnt. Sie wissen, wie es ist, wenn Lawinen ins Tal rollen und das Dorf im Winter von der Außenwelt abgeschnitten ist.
Aber das hier ist eine andere Dimension“, erklärt sie: „Die Evakuierung kam so plötzlich – manche hatten nur zehn Minuten, um zu packen. Ich kenne eine Mutter, die nur noch für ihre Kinder etwas einpacken konnte.“
Die Bewohnerinnen und Bewohner hatten mit eigenen Augen gesehen, wie sich der Hang neben dem Dorf zu bewegen begann. Gesteinsmassen fielen herab – viele davon auf den Gletscher, der schließlich komplett ins Tal stürzte.
„Dass das ganze Dorf verschüttet werden könnte war die schlimmste Vorstellung überhaupt”, weiß Hausärztin Lutgard Franck:„Es war eine regelrechte Explosion. Die Trümmer reichten bis zu 200 Meter die gegenüberliegende Hangseite hinauf.“
Angst vor weiteren Naturgefahren
Die Gefahr ist noch nicht vorbei. Das schmelzende Eis hat einen neuen See entstehen lassen, der stündlich wächst. Wohin das Wasser fließt, ist noch unklar – ebenso, wie viel weiteres Material noch von den Hängen nachkommt.
„Wir wissen nicht, was da oben noch alles rutscht“, warnt Lutgard. „Und wir wissen auch nicht, wo das Wasser hinläuft.“
Wenn die Realität langsam durchsickert
Viele Menschen haben ihr gesamtes Hab und Gut verloren: Häuser, Hotels, Betriebe – ihre Existenz. Alteingesessene wie auch junge Familien mit kleinen Kindern sind betroffen. Doch das volle Ausmaß der Tragödie wird vielen erst später bewusst werden.
„Die Leute halten sich jetzt noch aufrecht, helfen bei der Feuerwehr oder der Armee. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man in Flandern in so einem Ausmaß mitanpacken würde“, meint sie.
„Sie bleiben beschäftigt, aber der emotionale Zusammenbruch wird später kommen. Es ist wie bei einer Beerdigung – solange man zu tun hat, hält man sich aufrecht. Danach kommt die Leere.“
Verschlossene Gemeinschaft – kaum Hilfe von außen
Ein weiteres Problem: Die Dorfgemeinschaft ist zurückhaltend gegenüber Hilfe von außen. „Es gibt ein staatlich organisiertes Hilfszentrum mit zwei Psychologen – aber die haben hier nichts zu tun“, sagt Lutgard Franck: „Die Menschen hier sind misstrauisch gegenüber Fremden. Sie reden mit ihrer Hausärztin – mit mir – oder gar nicht.“
Viele schämen sich sogar, Hilfe anzunehmen. „Ich kenne Menschen, die sich kaum trauten, bei Bekannten um Unterkunft zu bitten – weil sie unabhängig bleiben wollen“, erklärt sie.
„Eine meiner Patientinnen, 94 Jahre alt, zieht jetzt zu ihrem Sohn nach Basel – sie hat hier alles verloren. Aber ich fürchte, manche werden das nicht überstehen. Sie werden daran zerbrechen.“
Trotz allem herrscht weiterhin Tatkraft im Tal. „Wir alle arbeiten weiter, versuchen nach vorne zu schauen – auch wenn niemand weiß, was der morgige Tag bringt.“
