Die belgische Staatsanwaltschaft hat Haftstrafen von 13 und 10 Jahren gegen ein russisches Paar beantragt, das im Verdacht steht, zehntausende Computer mit Erpressersoftware infiziert zu haben. Mithilfe der besonders schädlichen Ransomware „Crylock“ sollen sie Dateien auf den Rechnern ihrer Opfer gesperrt und Lösegeld erpresst haben. Insgesamt sollen sie weltweit rund 400.000 Opfer gehabt und dabei über 3 Millionen Euro verdient haben.
Staatsanwalt fordert 13 und 10 Jahre Haft für russisches Hackerpaar wegen Angriffen mit Erpressersoftware
Hauptangeklagter im Prozess ist der 40-jährige Russe V.S., der die Software „Crylock“ entwickelt haben soll. Über E-Mails oder durch Fernzugriff soll er tausende Computer infiziert und anschließend Lösegeldforderungen gestellt haben.
Die zweite Angeklagte ist die 44-jährige E.T., auch bekannt als „Olga“. Sie soll die Ransomware potenziellen Käufern angeboten und mit Opfern über Zahlungen verhandelt haben. Bemerkenswert: 2015 soll sie selbst Opfer eines solchen Angriffs gewesen sein. Danach habe sie Kontakt zu V.S. aufgenommen – und die beiden wurden ein Paar.
„Crylock“ unter den weltweit am weitesten verbreiteten Erpressungstrojanern
Laut Staatsanwaltschaft gehörte „Crylock“ zu den am weitesten verbreiteten Erpressungstrojanern weltweit. In mehr als 7 Prozent der infizierten Computer weltweit wurde die Software festgestellt. Bis 2016 infizierten die Täter Computer über E-Mail-Anhänge, später konnten sie Rechner unbemerkt aus der Ferne übernehmen und die Malware installieren.
Was ist Ransomware?
Ransomware blockiert Computer per Virus aus der Ferne. Opfer erhalten erst wieder Zugriff auf ihre Dateien, wenn sie ein Lösegeld zahlen. Die ersten Fälle tauchten 2012 in Belgien auf. Seit 2014 verlangen Täter das Lösegeld zunehmend in Kryptowährungen.
Weltweit wurden tausende Rechner infiziert – Opfer waren vor allem Unternehmen, aber auch Privatpersonen, darunter sogar Minderjährige. In Belgien gab es mindestens 177 bekannte Angriffe.
V.S. soll außerdem angepasste Versionen der Software an andere kriminelle Gruppen verkauft haben, gegen eine Gewinnbeteiligung. Zudem habe er die Krypto-Wallet verwaltet, auf der Opfer das Lösegeld zahlen sollten – der Betrag dort soll mindestens 53 Millionen Euro in Bitcoin betragen, möglicherweise deutlich mehr.
Langes Ermittlungsverfahren
Das Ermittlungsverfahren begann 2016 und führte nach jahrelanger Spurensuche zur Identifizierung der beiden Verdächtigen. Sie wurden im Juni 2023 in Spanien festgenommen und nach Belgien ausgeliefert. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung beschlagnahmte die Polizei 16 Server.
Die Staatsanwaltschaft forderte 10 Jahre Haft für V.S. als Anführer einer kriminellen Organisation, zusätzlich 3 Jahre Haft und 400.000 Euro Geldstrafe, weil er sich weigerte, das Passwort seines Laptops preiszugeben – mutmaßlich der Speicherort seiner Krypto-Wallet.
Für E.T. forderte die Anklage 7 plus 3 Jahre Haft und eine Geldstrafe von 250.000 Euro.
Verteidigung bezweifelt Zuständigkeit der belgischen Justiz
Die Verteidigung verlangt Freispruch mit der Begründung, das Brüsseler Strafgericht sei territorial nicht zuständig. „Crylock wurde im Ausland entwickelt und alle Server befinden sich dort. Selbst wenn Opfer in Südamerika oder Asien betroffen sind – das fällt nicht unter die Zuständigkeit dieses Gerichts“, so das Argument.
Das Urteil wird am 26. Juni erwartet.
Warum ist der Fall bedeutend?
Laut der belgischen Staatsanwaltschaft ist es das erste Mal, dass russische Staatsbürger in Belgien wegen großangelegter Ransomware-Angriffe vor Gericht stehen – ein Präzedenzfall.
Der Fall zeige, so die Anklage, dass der Kampf gegen Cyberkriminalität erfolgreich sein kann. Zum Prozessauftakt rief die Staatsanwaltschaft Betroffene auf, immer Anzeige zu erstatten und kein Lösegeld zu zahlen – denn diese Zahlungen ermöglichten es kriminellen Gruppen, noch gefährlichere Malware zu entwickeln.
