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Bestseller des Mittelalters: Einzigartige Sammlung von Stundenbüchern in Brügge zu sehen

Das Groeningemuseum in Brügge beherbergt eine einzigartige Sammlung von rund 30 Stunden- bzw. Gezeitenbüchern aus dem Mittelalter. Schicke Gebetbücher für die Elite, aber auch Durchgestrichenes und bekritzelte Exemplare, die viel über die Menschen erzählen, die sie benutzten. Die Sammlung umfasst auch flämische Meisterwerke, von denen einige noch nie zuvor der Öffentlichkeit gezeigt wurden.

Kristien Bonneure Andreas Kockartz
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In einem großen Saal des Groeningemuseums liegen sie wie kleine Schätze in Glasvitrinen aus: mittelalterliche Stundenbücher, auch Gezeitenbücher genannt  - Gebetbücher - im Taschenformat. Natürlich handgeschrieben und oft mit schönen Zeichnungen und Verzierungen versehen. Ein kostbares Erbe, das man nicht jeden Tag zu sehen bekommt. 

Die Bücher stammen aus den Gewölben der Brügger Stadtbibliothek oder aus dem Schloss Loppem der Stiftung Jean van Caloen. Darunter sind auch 4 flämische Meisterwerke, wie ein Psalmenbuch aus dem 13. Jahrhundert, das Margarete, Gräfin von Flandern und Hennegau und Mutter von Guy von Dampierre, dem späteren Grafen von Flandern, gehörte.

Psalter der Gräfin Margarete von Flandern, ca. 1250 - 1280, illuminiert vom Meister von Dampierre (Brügge, Öffentliche Bibliothek, Sammlung der flämischen Regierung)

Was ist ein Stunden- bzw. Gezeitenbuch?

Stunden- oder Gezeitenbücher (‚getijdenboeken‘ in Niederländisch) haben nichts mit Ebbe und Flut zu tun, sondern mit den Gezeiten des Tages, den Stunden, in denen die Gebete gesprochen werden sollten. Denken Sie an die Metten oder Vespern. Für Mönche waren das 8 Mal am Tag, für Laien vielleicht etwas weniger. Aber fast jeder trug vorher ein Stundenbuch bei sich, das Psalmen, Hymnen, biblische Texte, aber auch einfache Gebete enthielt, die an den einen oder anderen Heiligen gerichtet waren, um zum Beispiel Heilung zu erflehen.

Petrus Christus, ca. 1457-1460, Isabella von Portugal mit der heiligen Elisabeth

Dass die Bücher im Groeningemuseum in Brügge ausgestellt sind, ist kein Zufall. Dort hängen mehrere Gemälde, auf denen Stundenbücher abgebildet sind. Kuratorin Anne van Oosterwijk wies gegenüber VRT NWS auf ein besonderes Exemplar hin: ein Porträt von Isabella von Portugal, der Frau Philipps des Guten, gemalt von Peter Christ in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Isabella blickt auf ein Stundenbuch.

Bei wohlhabenden Mäzenen gingen Status und Frömmigkeit, Stolz und Komfort Hand in Hand. „Wir haben diesen Aspekt noch nie beleuchtet. Es ist interessant, sich durch diese kleinen Bildbände ein Bild von den Menschen des Mittelalters zu machen“, sagt Anne van Oosterwijk.

Verkaufsschlager im Taschenformat

Gezeitenbücher waren sicherlich nicht nur für die Reichen bestimmt.  Aber auch die Magd, der Maurer und der Steuereintreiber hatten solche Bücher. Viel mehr Menschen waren des Lesens und Schreibens kundig, als man gemeinhin annimmt. Die Gebete wurden sowohl in der Volkssprache als auch in Latein niedergeschrieben: „Das waren wirklich die Bestseller des Mittelalters“.

Vervollständigung der Passionsstunden (Text) und Noli me tangere (Miniatur), Stundenbuch der Jacoba von Bayern, Paris, um 1410. Brügge, Öffentliche Bibliothek

Fettflecken und Kritzeleien

„Wir zeigen hier auch sehr nüchterne Büchlein, die gar nicht so makellos sind. Da sind Tropfen von Kerzenwachs und Flecken drauf, da sind Notizen drin, die wieder durchgestrichen wurden. Da sind wirklich Stimmen aus der Vergangenheit drin,“ so  Kuratorin van Oosterwijk: „Die Leute schrieben in ihre Gebetbücher wichtige Informationen, über Geburten, Hochzeiten und Todesfälle, wie in eine Art Tagebuch. Die Bücher wurden auch von Generation zu Generation weitergegeben.“

Aussparung für die Lesebrille, im Stundenbuch von Loys van Boghem, Lyon (?), 1526. Brügge, Archiv des Großen Priesterseminars Ten Duinen

Lesebrille und Geheimfach

Ein besonderes Objekt ist ein hölzernes Kästchen, in dem ein solches Gebetbuch aufbewahrt werden sollte. Kürzlich wurde in der Kiste ein Geheimfach entdeckt, vielleicht um Reliquien, Geld oder Schmuck zu verstecken. 

Eines der Gebetbücher liegt aufgeklappt auf der letzten Seite. Im hinteren Holzdeckel befindet sich eine Aussparung für eine mittelalterliche Lesebrille. Kein Luxus für Kleingedrucktes. Eines der berühmtesten Gemälde im Groeningemuseum von Jan van Eyck zeigt eine solche Brille zwischen den Fingern des Kanonikers Van der Paele.

Jan van Eyck, Madonna mit Kanoniker Joris van der Paele, 1436, Musea Brugge

Viele Frauen im Buchgeschäft

Im kosmopolitischen Brügge des 15. Jahrhunderts waren Gezeitenbücher und andere Bücher ein großes Geschäft. Die Stadt zog Handwerker aus nah und fern an, und Bücher waren eines ihrer wichtigsten Exportgüter. Die Ausstellung zeigt eine Liste der Mitglieder der Gilde der „Bibliothekare“, von Kopierern über Miniaturmaler bis hin zu Verlegern und Händlern. 

Auffallend ist, dass viele Namen von Frauen stammen. „Forschungen zeigen, dass etwa ein Viertel der im Buchhandel Tätigen Frauen waren. Dies trägt bereits dazu bei, das Bild, das wir normalerweise vom Mittelalter haben, zu nuancieren“, sagt Evelien Hauwaerts vom Groeningemuseum. 

Bußpsalmen mit Jüngstem Gericht, im Stundenbuch, Flandern, ca. 1475-ca. 1485.Brügge, Öffentliche Bibliothek

Die öffentliche Bibliothek von Brügge, die ebenfalls zum Kulturerbe gehört, beherbergt in ihren Gewölben etwa 600 mittelalterliche Handschriften. Es ist eine Ausnahme, dass diese Bücher der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Ausstellung läuft sechs Monate lang, aber nach drei Monaten werden alle Bücher ausgetauscht, da die Buchstaben und Zeichnungen sonst durch die Lichteinwirkung unwiderruflich verfallen. 

Praktische Informationen: Die Ausstellung „Stolz und Trost. Mittelalterliche Stundenbücher und ihre Leser“ , bis zum 7. Oktober 2025 im Groeningemuseum, Dijver 12 , 8000 Brügge. Info: www.museabrugge.be

Gezeitenbuch im Taschenformat...

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