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Wer war die vergessene Genter Operndiva Vina Bovy?

Die international renommierte Opernsängerin Vina Bovy (1900–1983) aus Gent ist heute vollständig aus dem Gedächtnis der Belgier verschwunden. Der autobiografische Roman ‚Malvina‘ der Autorin Sylvia Broeckaert soll das ändern: „Vina war ein phänomenales Talent mit einem Leben, das wie ein Märchen klingt“ – vom Waisenkind in einem Genter Arbeiterviertel zur Diva an der Metropolitan Opera in New York. Doch es endete tragisch, in großer Einsamkeit.

Jens Van Reet Kristien Bonneure
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In Gent gibt es zwar einen Vina-Bovy-Park, doch der Name dieses flämischen Weltstars der Opernwelt dürfte viel lauter erklingen. Das findet Sylvia Broeckaert, Opernspezialistin bei VRT Klara und Autorin des Romans ‚Malvina‘.

„Am 22. Mai jährt sich zum 125. Mal die Geburt von Vina Bovy. Sie war eine der größten Operndiven, die unser Land hervorgebracht hat. Was für eine Karriere, bis hin zur Metropolitan Opera in New York, und was für ein Leben, das wie ein Märchen klingt! Über Maria Callas gibt es so viele Bücher und Filme. Vina Bovy verdient das ebenfalls.“ Vielleicht sei es typisch flämisch, so eine Figur zu vernachlässigen, meint Sylvia Broeckaert. „In Frankreich oder Italien würde eine solche Person noch viel präsenter sein.“

Der Roman kann jedenfalls helfen, dies zu ändern. Sylvia Broeckaert war selbst, als Sängerin in spe, früh von Vina Bovy fasziniert: In ihrem Zimmer hing ein großes Poster von „einer großen Sängerin, einer schönen, modisch gekleideten Frau, einem Vorbild“. Viel später, als Broeckaert die tatsächliche Biografie von Bovy in die Hände bekam, wollte sie deren Geschichte selbst in einem Roman erzählen.

Waisenkind in einem Armenviertel

Und es ist eine außergewöhnliche Lebensgeschichte – ‚from rags to riches‘ und wieder zurück. Vina Bovy war ein Waisenkind, aufgezogen von ihren Großeltern in einem Armenviertel in Gent. Mit 15 Jahren wurde ihr Gesangs- und Schauspieltalent am Konservatorium entdeckt. Mit 16 debütierte sie in einer Operette im Genter Minardschouwburg. Von da an ging ihre Karriere steil bergauf.

Die Sopranistin Bovy sang im Laufe ihrer weltumspannenden Karriere insgesamt rund 30 große Opernrollen. Sie trat auf in der Oper in Gent und dem Brüsseler Opernhaus La Monnaie, der Opéra Comique in Paris, Opernhäusern in Monte Carlo, Barcelona und Rom bis hin zum Teatro Colón in Buenos Aires. Der Höhepunkt war die Metropolitan Opera in New York. Dort debütierte sie als Violetta in ‚La Traviata‘ von Giuseppe Verdi – und trug dabei ein ganz besonderes Set von Schmuckstücken.

Dieser Diamantschmuck sagt viel über das Privatleben von Vina Bovy aus. Nach einer jahrelangen Beziehung mit dem französischen Tenor André Burdino heiratete sie einen steinreichen italienischen Offizier aus dem niederen Adel. Er war ein Nachkomme von Eugénie, der letzten Kaiserin Frankreichs und Gattin von Napoleon III. Durch ihn erbte Vina den kaiserlichen Schmuck – und eine atemberaubende Villa an der Côte d’Azur: die Villa Cyrnos.

Villa Cyrnos

Vina Bovy führte ein flamboyantes Jetsetleben, doch die internationale Operntätigkeit war äußerst kräftezehrend, mit weiten Reisen per Ozeandampfer.

‚Schlüsselzeugen‘

Sylvia Broeckaert sprach mit Menschen, die Vina Bovy noch gekannt haben, etwa ihrer Schülerin Erika Pauwels oder einem ihrer Protegés, dem Regisseur Misjel Vermeiren. Echte ‚Schlüsselzeugen‘ also. Sie tauchte auch in das Archiv von La Monnaie ein, denn eine der eindrucksvollsten Episoden betrifft den weltberühmten italienischen Opernkomponisten Puccini.

1924 hielt sich der todkranke Giacomo Puccini in Brüssel zu einer medizinischen Behandlung auf, die leider erfolglos blieb. Er starb, während er an seiner Oper „Turandot“ arbeitete. Doch in den Monaten zuvor besuchte er noch Aufführungen in La Monnaie, wo … Vina Bovy gerade in „Madama Butterfly“ sang. Puccini – ihr großes Idol.

Ein Schlingel, eine Draufgängerin, ein starker Charakter, jemand voller Lebenslust mit dem Motto ‚la vie est belle‘ – das war Vina Bovy, sagt Sylvia Broeckaert. In vielerlei Hinsicht war sie ihrer Zeit voraus: „Sie setzte sich zum Beispiel dafür ein, dass Opern in der Originalsprache aufgeführt wurden –heute ist das selbstverständlich, war damals aber gar nicht üblich. In dieser Hinsicht war sie eine Pionierin.“

(Lesen Sie bitte unter dem Video weiter)

Vina Bovy sorgte auch für Aufsehen, als sie ein Lied auf Niederländisch sang – zu einer Zeit, in der das in Konzertsälen undenkbar war. Der erste Satz daraus, „Ik ken een lied“, ist auf ihrem Grabstein in Gent zu lesen.

Als ihre große Liebe, der französische Tenor André Burdino, ihr einen Heiratsantrag machte, verlangte er, dass sie mit dem Singen aufhören würde. Das missfiel Bovy – die Beziehung zerbrach.

Aufstieg und Fall

Sylvia Broeckaert fasst die Faszination von Vina Bovy zusammen: „Ihr phänomenales Talent, ihre Schönheit – sie war mindestens so schön wie Maria Callas – ihr schneller Aufstieg aus dem Nichts an die Spitze der Opernwelt. Doch danach kam auch der Niedergang.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Bovy Direktorin der Oper in Gent. Dort erlebte sie viel Widerstand, auch politisch, weil sie die administrative und finanzielle Leitung nicht gut bewältigte. In der Genter Oper steht mittlerweile eine Büste von ihr.

Bovy war auch Direktorin der Genter Oper

Spielsüchtig und einsam gestorben

Später im Leben war Vina Bovy kaum noch aus den Casinos von Monte Carlo oder Ostende wegzudenken. Sie verspielte große Vermögen, wie Zeugen gegenüber der Autorin Sylvia Broeckaert berichteten. Die noble Villa Cyrnos wurde verkauft, und Vina entfremdete sich von ihrem einzigen Sohn Umberto.

Vina Bovy starb einsam in Gent, als sie im Krankenhaus lag. Ihr Sohn und ihre Schwiegertochter wollten nicht einmal die Beerdigung bezahlen. Schließlich kam ein Grab zustande – dank der Unterstützung von Opernfreunden. Ein tragisches letztes Kapitel für eine große Dame mit einem Leben, das direkt aus einem Film oder einer Serie stammen könnte.

Alle Fakten im Roman stimmen, doch Sylvia Broeckaert hat eine persönliche, emotionale Ebene hinzugefügt – mittels Dialogen oder Briefen. Das Privat- und Liebesleben von Vina Bovy wird ausführlich thematisiert, worüber die Sängerin selbst stets diskret geschwiegen hatte.

Mit dieser Art biografischem Roman „versuche ich, die Opernwelt einem breiteren Publikum zu öffnen“, sagt die Autorin, die zuvor bereits das Sachbuch ‚Iedereen opera‘ veröffentlichte sowie zwei Romane, die in der Musik- und Opernwelt spielen: ‚Ammiraglio‘ und ‚Aria‘.

‚Malvina‘ von Sylvia Broeckaert ist auf Niederländisch beim Verlag Borgerhoff & Lamberigts erschienen.

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