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Der erste Brüsseler Nordbahnhof am Rogierplein

Wer verübte 1900 einen Anschlag auf einen britischen Prinzen im Brüsseler Nordbahnhof?

Anschläge auf Würdenträger gab es zu allen Zeiten. An einem warmen Frühlingstag im April des Jahres 1900 schreitet ein junger Brüsseler über den Bahnsteig des alten Brüsseler Nordbahnhofs, damals am Rogier. Er fällt unter den Fahrgästen kaum auf. Der Junge sieht mit seinem runden Gesicht unschuldig aus, aber was niemand weiß: Er hat einen Revolver in der Jackentasche. Was hat er vor und auf wen hat er es abgesehen? Diesen Fragen ging die Brüsseler Nachrichtenplattform BRUZZ in ihrer Reihe Big City nach.

Andreas Kockartz
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Der Junge ist Jean-Baptiste Sipido, kaum 15 Jahre alt. Er ist Lehrling in der Metallverarbeitung und Aktivist der Sozialistischen Jungen Garde, einer linken belgischen Jugendbewegung, die der sozialistischen Arbeiterpartei angeschlossen ist. Sipido ist ein Kind seiner Zeit. Im Europa der Jahrhundertwende brechen soziale Unruhen aus. In Südafrika zum Beispiel tobt der Burenkrieg, in dem die Briten brutal gegen die Nachfahren der holländischen Siedler vorgehen.

Geschichten von Konzentrationslagern und toten Kindern füllen die Zeitungen. Im Maison du Peuple, dem erst in den 1950er Jahren abgerissenen Volkshauses in Brüssel, entlädt sich die Wut. Sipido und drei Kameraden - junge Arbeiter - trinken ein Bier und diskutieren über das Grauen. Ein Mann, so empfinden sie, ist das Gesicht dieser Gewalt: Edward, Prinz von Wales, zukünftiger Monarch von Großbritannien. 

Der Prince of Wales reist per Bahn

Zufällig reist der Prinz von Wales mit dem Zug nach Kopenhagen und wird einen kurzen Halt am Nordbahnhof in Brüssel einlegen. Ihn zu erschießen wäre ein Akt, der die Welt in Schrecken versetzen würde. Sie beschließen, dass Prinz Edward dafür bezahlen muss. Und Jean-Baptiste Sipido wird die Drecksarbeit erledigen.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Jean-Baptiste Sipido

Am 5. April 1900, um 17.35 Uhr, fährt der Zug mit dem Prinzen an Bord in den Bahnhof ein. Sipido steht auf dem Bahnsteig bereit. Er schleicht sich durch die Menge, springt auf das Trittbrett des königlichen Waggons, zückt seinen Revolver und feuert. Es knallt zweimal. Eine Kugel zertrümmert ein Fenster, die andere bohrt sich in die Sitze des Abteils. Der Prinz, leicht geschockt, bleibt unverletzt. Panik bricht aus. Der Bahnhofsvorsteher packt den Jungen und drückt ihn zu Boden.

Verhaftung, Prozess und… Freispruch

Sipido wird zusammen mit seinen Kameraden verhaftet. Während seines Verhörs zeigt er keinen Funken Reue. Nur Frustration darüber, dass er nicht getroffen hat. „Prinz Edward ist ein Mörder“, sagt er. Der Prozess folgt einige Monate später. Trotz der Vorbereitungen und politischen Motive befindet das Gericht ihn für nicht strafbar. Er wird freigesprochen. 

Kurz darauf flieht er nach Frankreich. Es kommt zu einem großen diplomatischen Streit und die guten Beziehungen zwischen Belgien und Großbritannien werden belastet, aber die Spannungen lassen schließlich nach. Sipido kehrte nach Belgien zurück und wurde als Aktivist im Maison Du Peuple eingestellt. Einigen Zeugenaussagen zufolge war Sipido großzügig und tatkräftig. Bei Maison Du Peuple gehörte er lange Zeit dem Kader und dem Vorstand an. Sipido starb 1959 an einem Herzinfarkt.

Im Maison du Peuple, das einem seelenlosen Neubauweichen musste

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