Schon zu Beginn des Krieges im Jahr 1940 hatte der deutsche Besatzer ein Auge auf ein brandneues modernistisches Apartment an der Brüsseler Louizalaan geworfen. Es wurde zum Hauptquartier der deutschen Sicherheitspolizei und ihrer berüchtigten Gestapo-Abteilung – aber auch zum Ziel eines heldenhaften RAF-Piloten. Das Gebäude an der Louizalaan ist einer der 100 entscheidenden Orte im neuen Buch Die Geschichte Belgiens.
Die verborgenen Folterkeller der Gestapo in Brüssel
Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch Die Geschichte Belgiens (Verlag Pelckmans), in dem VRT-NWS-Journalist Jos Vandervelden die Geschichte von 100 entscheidenden Orten aus der politischen Geschichte Belgiens erzählt. Der Fotograf Alexander Dumarey dokumentierte die Orte in ihrem heutigen Zustand. VRT NWS Flanderninfo stellt hier eine dieser Geschichten vor.
Am 20. Januar 1943 flog der Pilot Jean de Selys Longchamps mit seinem Jagdflugzeug in Richtung Belgien. Der Offizier der belgischen Armee war zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nach England geflüchtet und hatte sich dort zum Piloten bei der Royal Air Force ausbilden lassen. Zunächst griff er planmäßig Züge und Eisenbahnlinien zwischen Kortrijk und Gent an.
Dann entschloss er sich, einen Plan auszuführen, den er lange gehegt hatte: eine Racheaktion für die Folterung seines Vaters, die im Hauptquartier der deutschen Gestapo in Brüssel stattgefunden haben soll. Ohne Erlaubnis seiner militärischen Vorgesetzten flog er in Richtung Brüssel, tief über die Stadt, genau über die Avenue Émile De Mot. So konnte er die Bordkanonen seines Hawker Typhoon präzise auf sein Ziel ausrichten – das Gestapo-Gebäude an der breiten Louizalaan. Bei dem Angriff kamen fünf Mitarbeiter ums Leben, darunter Kommandant Alfred Thomas. Gleichzeitig wurde ein Teil der finsteren Archive im Gebäude zerstört.
Ein Kriegshauptquartier war sicherlich nicht das, was der modernistische Architekt und bildende Künstler Stanislas Jasinski im Sinn hatte, als er das Gebäude 1937 entwarf und bauen ließ. Der belgische Pole, der noch mit Victor Horta und Henry Van de Velde gearbeitet hatte, wollte eine neue Stadt mit standardisierten Wohnkomplexen gestalten.
An der Louizalaan Nr. 453 errichtete er die Résidence Belvédère mit 12 Stockwerken, mit jeweils einem großzügigen Apartment mit vier Schlafzimmern pro Etage. Das Gebäude ragte hoch über die traditionellen Stadthäuser hinaus, die in den folgenden Jahren nach und nach dem Hochbau weichen sollten. Geschmückt mit einer riesigen Hakenkreuzfahne war die moderne Residenz im Jahr 1943 ein leicht erkennbares Ziel für einen rachsüchtigen Piloten wie Jean de Selys.
Einzug der Gestapo
Die Deutschen hatten schon zu Beginn der Besatzung ein Auge auf das komfortable Neubaugebäude geworfen und es von der Sipo-SD beschlagnahmen lassen. Während General Alexander von Falkenhausen vom Brüsseler Wetstraat aus die militärische Verwaltung Belgiens übernahm, waren die Sicherheitspolizei (Sipo) und der Sicherheitsdienst (SD) für die Aufrechterhaltung der Ordnung verantwortlich.
Die Sipo-SD begann in Brüssel mit rund 20 Mitarbeitern und hatte bis zum Ende des Krieges mehr als 500 Beschäftigte, sowohl Deutsche als auch belgische Kollaborateure. Allmählich löste sich die Organisation von der militärischen Verwaltung und erhielt weitreichende Befugnisse in Belgien – von der Bekämpfung von Schmuggel, Schwarzhandel, Arbeitsverweigerung und Spionageabwehr bis hin zur Verfolgung von Juden und der Unterdrückung des Widerstands.
Die Louizalaan wurde zum Hauptsitz der Sipo-SD, aufgeteilt in verschiedene Abteilungen. Die berüchtigtste war die Abteilung IV – die geheime Staatspolizei, die Gestapo. Auch von der Louizalaan aus wurden das Gefängnis von Sint-Gillis, die Dossin-Kaserne in Mechelen sowie die Festungen von Breendonk, Dinant und Huy koordiniert.
Der Alleinangriff von Jean de Selys machte die Residenz auf Nummer 453 nahezu unbrauchbar. Deshalb zog man eiligst in Nummer 347 um. Auch dort handelte es sich um ein neues und fortschrittliches Gebäude. Sofort wurden auch dort die Keller in Zellen umgebaut. Während oberirdisch Büroarbeiten stattfanden, geschah unterirdisch die schmutzige Arbeit. In den kleinen, dunklen Kellerräumen wurden Menschen eingesperrt, verhört, verprügelt und gefoltert. Der Schrecken fand erst im September 1944 mit der Befreiung Brüssels ein Ende.
Die Gebäude an der Louizalaan gingen kurzzeitig in die Hände alliierter Militärs über und wurden anschließend an die Eigentümer zurückgegeben. Die Wohnräume wurden renoviert, und die Keller wieder zu Lagerräumen umfunktioniert. Neue Generationen von Bewohnern wussten nicht, welches Grauen sich in ihren Kellern abgespielt hatte – oder wollten es nicht wissen. Die Spuren, die zurückblieben, sprachen allerdings für sich.
Gedenkort
Es dauerte bis 1994, bis André Dartevelle, Dokumentarfilmer des RTBF, Zugang zu den makabren Kellern von Nummer 347 erhielt und die Spuren des Leids und Wahnsinns sah. Die Kalkschichten offenbarten zahllose Inschriften mit Texten, Namen und Zeichnungen – teils lesbar, teils verwischt – in verschiedenen Sprachen, eingeritzt mit Fingernägeln oder Metallgegenständen. Jede Inschrift verriet bittere Verzweiflung.
Die Offenlegung des schaurigen Erbes der Louizalaan führte zu einer öffentlichen Forderung, die Gebäude zu Gedenkorten zu machen und die Keller als Erinnerungsstätten zu erhalten. Dieser Ruf stieß jahrelang auf Widerstand seitens der privaten Eigentümer. Bis die Region Brüssel im Jahr 2016 entschied, die unterirdischen Räume beider Gebäude dauerhaft unter Schutz zu stellen. Seither dürfen die Keller nicht mehr verändert werden. Öffentlich zugänglich sind sie jedoch bis heute nicht. Die Nummern 453 und 347 gehen heute anonym in der Reihe der anderen Häuser entlang der stets geschäftigen Avenue Louise unter.
Wie schwer es ist, aus den düsteren Kellern ein Erinnerungsdenkmal zu machen, so leicht fiel die Ehrung des Kriegshelden Jean de Selys. Er erhielt nicht nur eine Gedenktafel an der Fassade von Nummer 453, sondern auch eine vergoldete Bronzebüste auf dem Mittelstreifen der Louizalaan. Dennoch wurde er für seinen eigenmächtigen Einsatz von seinen militärischen Vorgesetzten sanktioniert und sogar degradiert. Noch im selben Jahr wie der Angriff auf das Brüsseler Hauptquartier endete eine weitere Kampfmission in seinem Hawker Typhoon tödlich für den jungen Aristokraten. Er wurde nur 31 Jahre alt.
