Flanderns Bildungsministerin Zuhal Demir (Nationaldemokraten, N-VA) hat eine umfassende Reform des sonderpädagogischen Unterrichts angekündigt. Das teilte sie in einer Pressemitteilung mit. Eine neu einzusetzende Kommission soll die „ausufernde Etikettierung“ von Schülern stoppen. Zudem sind sogenannte ‚Pionierschulen‘ geplant, die die Trennung zwischen dem regulären und dem sonderpädagogischen Unterricht überwinden sollen.
Flanderns Bildungsministerin Demir plant tiefgreifende Reform der sonderpädagogischen Schulen
Im europäischen Vergleich weist Flandern einen auffallend hohen Anteil von Schülern im sonderpädagogischen Schulwesen auf. Im Schuljahr 2020/2021 wurden 5,9 Prozent der Schüler dort unterrichtet – das EU-weite Mittel liegt bei lediglich 1,7 Prozent. Aktuell erhalten rund 55.000 Schüler spezialisierte Betreuung und zusätzliche Unterstützung, weil sie ein ärztlich anerkanntes ‚Etikett‘ wie ADHS oder Autismus tragen. Im Jahr 2019 waren es noch 47.000 – ein Anstieg von rund 20 Prozent.
Dieser Trend setzt das flämische Bildungssystem zunehmend unter Druck, so Ministerin Demir. Kinder mit einem tatsächlichen Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung würden dadurch benachteiligt. Die Ministerin betont: „Flandern hat nicht mehr Kinder mit Förderbedarf als andere Länder – das Problem liegt im System.“ Auffällig sei auch, dass etwa die Hälfte der Schüler im sonderpädagogischen Unterricht aus sozial benachteiligten Familien stammt. „Das lässt vermuten, dass viele Kinder vorschnell und ohne wirkliche Notwendigkeit dem Sonderunterricht zugewiesen werden. Das ist fatal für die soziale Mobilität und verursacht gesellschaftliche Segregation“, so Demir.
Demir will das Bildungswesen bis zum Jahr 2040 inklusiv gestalten. Der erste Schritt ist ein Konsultationspapier mit einer Vision und Strategie für die kommenden 15 Jahre. Im Herbst soll eine Bildungs-Staatsgeneralversammlung stattfinden, bei der Fachleute und Interessensvertreter ihre Einschätzungen zum Papier abgeben. Erste Maßnahmen sollen noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden. Ab dem Schuljahr 2026 sollen 20 Pionierschulen starten, in denen Teams aus Regelschulen, Förderschulen und Unterstützungszentren gemeinsam für alle Kinder Unterricht organisieren – um die bisher scharfen Grenzen zwischen den Schulformen aufzuweichen. Die Modellphase ist auf drei Schuljahre angelegt, mit dem Ziel, dass der Rest des flämischen Bildungssystems von den Erfahrungen dieser Schulen profitieren kann.
Um das „übermäßige medizinische Etikettieren“ einzudämmen, wird noch vor dem Sommer eine Kommission eingerichtet, die die Kriterien für Förderbedarfsbescheinigungen überprüft. Ziel ist es, mehr Kindern ein individualisiertes Lernen zu ermöglichen, ohne dass sie gleich auf intensive sonderpädagogische Unterstützung angewiesen sind.
Bildungsdachverbände teilen die Sorge
Die großen flämischen Bildungsdachverbände unterstützen die Kritik der Ministerin an der zunehmenden Zahl von Schülern im Sonderunterricht. Sie begrüßen die angekündigten Reformen und bekräftigen ihr Engagement für ein inklusiveres Bildungssystem.
Der Verband Katholiek Onderwijs Vlaanderen bezeichnet die Entwicklung als „besorgniserregend“ – insbesondere der starke Anstieg bei Vorschulkindern im Sonderunterricht bereite große Sorgen. Die Organisation unterstützt Demirs Vorstoß und setzt sich für Schulen ein, „die wirklich für alle da sind – von Kindern mit Behinderung über ausbildungsferne Jugendliche bis hin zu kognitiv starken Schülern, die im aktuellen System oft untergehen“.
Auch das staatliche Bildungsnetz GO! sieht die Notwendigkeit zur Reform. Die wachsenden Zahlen im Sonderunterricht stoßen laut dem Verband an die Grenzen des Machbaren. Man befürworte ein inklusives System und sei bereit, sich an den Pionierschulen zu beteiligen, sofern ausreichend Ressourcen zur Verfügung gestellt würden.
