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Carbon Farming kommt in Flandern schon zur Anwendung

Carbon Farming: Die Speicherung von Kohlenstoff auch auf flämischen Feldern hat für das Klima Potenzial, aber wie funktioniert das?

In der flämischen Landwirtschaft kann man noch viel für das Klima tun, indem man mehr Kohlenstoff im Boden speichert - im Fachjargon „Carbon Farming“ genannt - ein englischer Begriff für die Speicherung von Kohlenstoff im Boden. Für die Landwirte könnte dies zusätzliche Einnahmen bedeuten und gleichzeitig den Boden auf ihren Feldern verbessern. Flanderns Landwirtschaftsminister Jo Brouns (CD&V) will dies in der laufenden Legislaturperiode mit 25 Mio. € direkter Unterstützung pro Jahr weiter vorantreiben. Wie funktioniert das System? Und welches Potenzial hat es?    

Andreas Kockartz Michaël Torfs
Veröffentlicht:

Was ist Carbon Farming? 

Das System der Kohlenstoffspeicherung im Boden durch die Landwirtschaft ist einfach und kompliziert zugleich. Einfach, weil ein Landwirt durch bestimmte Entscheidungen mehr Kohlenstoff im Boden speichern kann, zum Beispiel durch die Wahl einer bestimmten Kultur - dazu später mehr. Kompliziert, weil die natürlichen Prozesse im Boden komplex sind und weil ein Landwirt nicht immer einfach umstellen kann. Das kann finanzielle oder praktische Folgen haben.

Wie funktioniert dieser natürliche Prozess?

Ganz einfach: Wie Bäume nehmen Pflanzen durch Photosynthese CO2 aus der Atmosphäre auf und speichern den Kohlenstoff in Blättern, Stängeln und Wurzeln oder sie geben einen Teil des Kohlenstoffs an den Boden ab (Wurzelausscheidungen). Auf diese Weise ernähren sie das Leben in den Böden. Kulturen, die viel Kohlenstoff im Boden hinterlassen, weil sie intensiv wurzeln oder viele Ernterückstände hinterlassen, sind daher für die Kohlenstoffanreicherung günstiger. Zum Beispiel wurzeln Getreidepflanzen intensiv und hinterlassen nach der Ernte Stroh. Die organische Kohlenstoffspeicherung ist daher besser als z. B. bei Kartoffeln. Zuckerrüben nehmen zwar viel Kohlenstoff auf, aber nach der Ernte bleibt nur wenig auf dem Feld zurück.

In jedem Fall ist mehr organischer Kohlenstoff in Ackerböden ein Gewinn: „Kohlenstoff ist der Motor der Bodenqualität. Er macht den Boden widerstandsfähiger gegen Klimaextreme, hält die Feuchtigkeit besser zurück und bekämpft die Bodenerosion, regt das Leben im Boden an und fördert die Bodenfruchtbarkeit“, erläutert Greet Ruysschaert vom flämischen Institut für Agrar-, Fischerei- und Lebensmittelforschung (ILVO). Gemeinsam mit dem Sektor untersucht das Institut, wo und wie Verbesserungen auf eine für die Landwirte praktikable Weise erzielt werden können. Übrigens kann Carbon Farming auch außerhalb der Landwirtschaft angewandt werden, etwa bei der Bewirtschaftung von Wäldern oder Naturschutzgebieten oder bei der Wiederbefeuchtung von Mooren. 

Wie groß ist das Potenzial (und warum ist es so groß)?

Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Äcker weniger Kohlenstoff speichern als Wälder, Grünland, andere Naturräume oder gewöhnliche Gärten. Gleichzeitig werden 45 % der Fläche Flanderns als Ackerland genutzt. Früher war auf flämischen Feldern wesentlich mehr Kohlenstoff gespeichert. Die Zahlen des belgischen Amtes für Bodenkunde zeigen, dass im Zeitraum 1982-1984 nur knapp 17 % der Parzellen unterhalb der Zielzone lagen. Für den Zeitraum 2020-2023 ist diese Zahl auf fast die Hälfte angestiegen. Früher lagen mehr als 30 % über der Zielzone. Heute sind das nur noch 15 %, denn die Werte gehen wieder zurück.

„In den letzten Jahrzehnten ist dem Boden viel Kohlenstoff entzogen worden“, so Ruysschaert: „Das kann an der Umstellung der Kulturen liegen, mit weniger Getreide und weniger Grünland, aber auch an der Güllegesetzgebung.“ Schließlich enthält der ausgebrachte tierische Dünger organischen Kohlenstoff. Dieser stammt aus dem Futter und aus dem Kohlenstoff, den die Futterpflanzen durch Photosynthese aufgenommen haben. Seit den 1990er Jahren ist die Menge an organischem Dünger, die Landwirte sprühen dürfen, zurückgegangen, weil die Gefahr der Auswaschung von Phosphor und Stickstoff besteht, was sich negativ auf die (Grund)Wasserqualität auswirkt.  Es gibt jedoch zahlreiche Techniken, um den Anteil an organischem Kohlenstoff in den Böden unserer Felder zu erhöhen. „Hier liegt ein großes Potenzial vor“, so Ruysschaert.

Welche Techniken können Landwirte anwenden?

Die Landwirte können eine ganze Reihe von konkreten Maßnahmen ergreifen. Dies geschieht bereits und könnte sich in den kommenden Jahren noch weiter ausbreiten (übrigens, es gibt auch neue europäische Vorschriften für die Ausstellung von Kohlenstoffzertifikaten). Dies sind nur einige der Möglichkeiten: Der Begriff Agroforstwirtschaft umfasst mehrere Möglichkeiten wie das Anpflanzen von Hecken und/oder Bäumen. Bäume können nicht nur entlang der Parzellen und Äcker gepflanzt werden, sondern auch in ihnen, z. B. Walnussbäume in einem Getreidefeld. 

Kompostierung mit einer Kombination aus „grünem und braunem“ Material, konkret z. B. eine Mischung aus Lauchresten und Holzspänen ist auch eine Empfehlung. Außerdem kann auf den Feldern im Winter eine Kultur angebaut werden, die weiter wächst und Kohlenstoff absorbiert. Nach der Ernte der Hauptkultur können die Landwirte so genannte Zwischenfrüchte wie Weidelgras, Rettich oder Wintergetreide anbauen. Da diese Kulturen in der Regel nicht geerntet werden, verbleibt der gesamte Kohlenstoff, den die Pflanzen aus der Luft aufgenommen haben, im Boden. Außerdem nehmen diese Pflanzen auch Stickstoff auf und verhindern so eine weitere Stickstoffauswaschung während der Wintersaison.  

Wo liegen mögliche Hindernisse?

Doch oft ist es komplexer als hier oben beschrieben. Wenn mehr Kohlenstoff im Boden gespeichert wird, kann durch bestimmte biologische Prozesse auch mehr Lachgas freigesetzt werden. Lachgas (N2O) ist ein starkes Treibhausgas, das zusammen mit Methan einen erheblichen Teil der Treibhausgasemissionen in der Landwirtschaft ausmacht. Dies wird u.a. von den Spezialisten des ILVO genau beobachtet, um diese Gase durch innovative Maßnahmen zu minimieren.  

Gleichzeitig ist es nicht selbstverständlich, den Kohlenstoff im Boden zu erhalten. Jedes Jahr wird ein kleiner Teil der organischen Kohlenstoffvorräte im Boden durch das Leben im Boden/des Bodens selbst abgebaut. Um den Kohlenstoffvorrat im Boden zu erhalten, muss also jedes Jahr neue organische Substanz hinzugefügt werden. „Die Erhaltung und Vermehrung des Bodenkohlenstoffs ist daher ein ständiges Anliegen“, so ILVO-Wissenschaftlerin Greet Ruysschaert.   

Welchen Nutzen hat ein Landwirt davon? 

Landwirt Kris Heirbaut nennt es „eine zusätzliche Motivation“, aber kein eigenes Einkommensmodell. Er hat einen gemischten Betrieb mit Nahrungsmitteln (Getreide) und Pflanzen für die Bauindustrie (Hanffasern) und hält Milchvieh. Heirbaut betreibt schon seit einiger Zeit Carbon Farming. Er hat seine Maisfelder durch kräuterreiches Dauergrünland ersetzt, um mehr CO2 aus der Atmosphäre herauszuhalten. Das bedeutet 2.000 Kilogramm CO2, die pro Hektar ausgeglichen werden können, wofür er Emissionsgutschriften erhält. In der Praxis wird er dann von einem Unternehmen über eine Plattform für die Kohlenstoff- und Klimagewinne durch Kohlenstoffgutschriften vergütet. 

Heirbaut baut auf einigen Hektar seiner Liegenschaften auch alte Getreidesorten an. Er arbeitet mit einer Gruppe von etwa 15 Landwirten zusammen, die davon überzeugt sind, dass diese Körner robuster sind, tiefer wurzeln und mehr organische Stoffe produzieren und somit mehr Kohlenstoff binden. Diese Gemeinschaft arbeitet mit einer Bäckerei zusammen, die Brote, die mit diesen Getreidesorten gebacken werden, unter anderem an einige Delhaize-Supermärkte verkauft.

Über Europa, über Flandern oder auf dem privaten Markt?

Kompensationen sind auch über Europa möglich und zwar über die gemeinsame Agrarpolitik. Dabei geht es zum Beispiel darum, nicht oder weniger zu pflügen oder Grünland zu erhalten. „Man wird dabei für gute Praktiken unterstützt“, sagt Heirbaut. Auch die flämische Landesregierung engagiert sich in dieser Frage. Derzeit können in Flandern bereits mehrere Subventionen in Anspruch genommen werden, z. B. durch so genannte Öko-Programme, die auf Kulturen setzen, die viel Kohlenstoff im Boden hinterlassen oder die den Erhalt von Grünland belohnen. Ein Landwirt kann verschiedene Regelungen miteinander kombinieren. 

Sowohl die Landesregierung als auch die Privatwirtschaft sind daran interessiert, diese Kohlenstoffspeicherung zu subventionieren, weil sie zum Kampf gegen den Klimawandel beiträgt, erklärt Greet Ruysschaert von ILVO: „Damit sich die Kohlenstoffbewirtschaftung weiter durchsetzen kann, ist die Zusammenarbeit entscheidend. Die Zusammenarbeit zwischen der Regierung und dem Privatsektor bei der Finanzierung, aber auch die Zusammenarbeit zwischen politischen Entscheidungsträgern, Forschern, Beratern, Unternehmen, die mit diesen Kohlenstoffzertifikaten handeln, und natürlich den Landwirten selbst.“   

Noch in diesem Jahr wird die flämische Regierung eine Aktionsplattform ins Leben rufen, um diese Zusammenarbeit zu fördern, damit der Sektor für die Anwendung der europäischen Vorschriften bereit ist und den Landwirten geholfen werden kann. Die neuen europäischen Verordnungen sind Ende letzten Jahres in Kraft getreten und sollen die bereits bestehenden Systeme besser aufeinander abstimmen.

Was bedeutet das für das Klima? 

Nach einer Berechnung vor einigen Jahren könnte der Agrarsektor 1,6 % seiner jährlichen Gesamttreibhausgasemissionen durch eine intelligente Form des Carbon Farming ausgleichen. Aber diese Zahl ist sicherlich etwas weit hergeholt. „Die realistischste Zahl dürfte in der Größenordnung von 2 bis 7 % liegen“, meint Ruysschaert, die darauf hinweist, dass es davon abhängt, wie sehr die Landwirte finanziell oder durch andere Maßnahmen gefördert werden. Und davon, ob dies nicht zum Beispiel mehr Verwaltungsaufwand bedeutet.  

„Die Landwirte betreiben sicherlich bereits Carbon Farming. Übrigens ist es nicht nur der Agrarsektor allein, der etwas tun muss: Auch die Agrarindustrie wird in dieser Geschichte eine wichtige Rolle spielen müssen“, sagt Ruysschaert: “Das kann geschehen, indem man interessante Absatzmöglichkeiten für Pflanzen schafft, die für die Kohlenstoffakkumulation günstig sind oder früh vom Feld genommen werden können, so dass die anschließende Begrünung viel Biomasse erzeugen kann.“ Das kann Flandern dabei helfen, weiter auf die Klimaziele für unser Land hinzuarbeiten, denn da gibt es noch eine große Lücke zu schließen.

Wie will Flanderns Umwelt- und Landwirtschaftsminister Jo Brouns dieses Problem angehen?

„Wir stehen vor enormen klimatischen Herausforderungen. Wer denkt, dass die Landwirtschaft nur ein Teil des Problems ist, denkt falsch. Landwirte sind Teil der Lösung“, sagt der flämische Umwelt- und Landwirtschaftsminister Jo Brouns (CD&V) zum Thema Carbon Farming. Und dafür ist eine zusätzliche finanzielle Unterstützung vorgesehen: „Wir unterstützen dies seit dieser Legislaturperiode mit 25 Mio. € pro Jahr und mit der flämischen Aktionsplattform Carbon Farming.“

„Das ist ein doppelter Gewinn: Gut für das Klima, weil der Kohlenstoff im Boden bleibt. Gut für die Landwirtschaft, denn ein fruchtbarer Boden ist widerstandsfähiger gegen Dürre, Erosion und Wetterextreme“, fügte der Minister hinzu: “Ist das die Lösung für alles? Nein, natürlich nicht. Aber wir werden ohne sie nicht ans Ziel kommen. Unsere Landwirte übernehmen Verantwortung - nicht mit Slogans, sondern mit Taten auf dem Feld. Das verdient Respekt. Und es beweist einmal mehr: Echter Fortschritt beginnt bei den Menschen auf dem Feld. Buchstäblich.“

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