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Karneval (1922)

„Hinter der Karikatur steckt Mitgefühl": Ausstellung mit Zeichnungen von Jules De Bruycker in Gent

Rund 150 Zeichnungen und Aquarelle von Jules De Bruycker sind derzeit im Museum für Schöne Künste (MSK) in Gent zu sehen. Diese Ausstellung zeigt einen Überblick über das Schaffen dieses meisterhaften Beobachters gewöhnlicher Menschen. De Bruycker malte sie in Gassen, in Cafés oder auf dem Markt. Eine Person, einen blinden Bettler, zeichnete der Künstler sogar regelmäßig… 

Kristien Bonneure Andreas Kockartz
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Jacobus Alijn ist der Name des blinden Bettlers, den Jules De Bruycker immer wieder zeichnete. In allen möglichen Posen, mit gesenktem, zerfurchtem Kopf, mit Haaren, die sich aus der Nase kräuseln, mit einem Schild um den Hals, auf dem steht: 'Tapfere Leute, habt Mitleid mit einem alten Blinden'. Die Porträtserie zeugt von großem Mitgefühl, auch wenn sie manchmal etwas karikaturistisch wirkt. 

Der Schein trügt, sagt MSK-Kurator Johan De Smet. „De Bruycker präsentiert ein doppeltes Bild. Auf den ersten Blick handelt es sich um Karikaturen, mit denen er die verspottet, die sich nicht wehren können. Aber wenn man genauer hinsieht, hat es etwas sehr Tragisches und diese Szenen schneiden sehr tief. Es geht um Menschen, die keine Zukunft haben.“

Jacobus Alijn (Der Blinde), 1922

Jules De Bruycker wurde 1870 in Gent geboren, keineswegs in einem wohlhabenden Umfeld. Er war schon früh der Ernährer der Familie und begann erst mit 30 Jahren zu zeichnen. Das war ein Sprung ins kalte Wasser. Sein ganzes Leben lang hatte er ein Auge für Menschen und Situationen am Rande der Gesellschaft. Er zeichnete arme Schlucker in den Gassen von Gent, Menschen, die um ein Stück Brot betteln, armselige Marktverkäufer aber kaum pittoreske Stadtszenen. 

Die Szenen sind oft in Gent zu Hause, obwohl Jules De Bruycker auch nach Brügge oder in französische Städte reiste, um zu zeichnen. „Wenn man sich diese Märkte und Straßenszenen ansieht, erhält man etwas sehr Universelles. Das Leben selbst. Es geht um seine Beobachtung der Mitmenschen und vor allem um sein Mitgefühl“, so Kurator Johan De Smet.

Gässchen im Patershol in Gent (1910)

Mit Bleistift und Papier ging Jules De Bruycker auf die Straße. Im MSK ist zum Beispiel eine Serie von Zeichnungen aus der „Eulenhöhle“ eines Theaters zu sehen, also von den billigsten Plätzen. Ein breiter Rücken, ein gestreckter Hals über dem Balkon… De Bruycker brachte die Zuschauer meisterhaft zu Papier.

Er schuf auch großformatige Werke, die vor Farben und Leben nur so strotzen. Ein Gewimmel von Menschen, Gegenständen, Gebäuden stürzt übereinander. Und bemerkenswert: Oft sitzt der Künstler selbst in einer Ecke, über ein Blatt Papier gebeugt. Der beobachtende Künstler zeichnet sein beobachtendes Ich. 

Bruegel, Ensor und ... Hergé

Hier und da sieht man Anspielungen auf seinen Zeitgenossen James Ensor, in Figuren mit langen Nasen oder Kapuzenmänteln und in absurden Inschriften auf Fahnen oder Gebäuden. In einem Überdruck zum Thema Karneval zeichnete De Bruycker eine Attraktion mit dem Titel „In der Hölle“, ein offener Mund mit Feuer darin, angelehnt an das Bild „Dulle Griet“ von Pieter Bruegel dem Älteren. „De Bruycker kannte seine Kunstgeschichte sehr gut“, sagte Johan De Smet dazu.

Wenn man die breitbeinigen Figuren sieht, die weglaufen, denkt man unweigerlich an Hergés späteren Comics „Quick und Flupke“. In diesem Sinne war De Bruycker auch der Wegbereiter des belgischen Comics. Der konträre Humor von Gent zeigt sich in seinen Zeichnungen von trägen Polizisten oder in einem Plakat eines „Abstinenz-Cafés“, in dem demonstriert wird, was „Alkohol“ mit Magen und Darm anstellt. 

Parade der Bürgerwacht (1912)

Während des Ersten Weltkriegs flüchtet Jules De Bruycker mit seiner Familie nach England. Dort verschwand die Farbe aus seinen Zeichnungen. Die Werke aus dieser Zeit sind bevölkert von Symbolen des Todes und der Zerstörung, wie zum Beispiel einem Skelett, das in den Lauf einer deutschen Kanone, der „Dicken Bertha“, blickt. In späteren Jahren werden die Zeichnungen von Jules De Bruycker „militärisch“, wie in seinen Selbstporträts, in denen er uns, die Betrachter, mit einem durchdringenden Blick beobachtet.

Jules De Bruycker, noch bis zum 29. Juni 2025, Museum für Schöne Künste (MSK), Fernand Scribedreef 1, 9000 Gent. Info:  www.mskgent.be

Der Radierer (Selbstporträt, 1925)

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