Lange Zeit waren sie harte Konkurrenten, doch jetzt wollen die Häfen von Antwerpen-Brügge und Rotterdam ihre Kräfte bündeln. Die Hafenunternehmen sprechen über eine Zusammenarbeit, aber konkrete Projekte stehen noch aus. „Wir arbeiten an denselben Herausforderungen zur selben Zeit. Es ist eine reine wirtschaftliche Logik, sie gemeinsam anzugehen“ , so der Tenor bei einem Gespräch der beiden Hafen-CEOs mit dem flämischen Wirtschaftsblatt De Tijd in dieser Woche.
Häfen Antwerpen-Brügge und Rotterdam rücken enger zusammen: „Gegeneinander konkurrieren in Europa ist einfach nicht klug“
Die Häfen von Antwerpen-Brügge und Rotterdam wollen enger zusammenarbeiten. Die gemeinsame Größe, die sich überschneidenden Netze, die Verbindungen und die sich ergänzenden Sektoren und Aktivitäten schaffen Synergien, die dem Industriecluster eine wichtige Rolle in der europäischen Industrie verschaffen. Das sagen die beiden Geschäftsführer Jacques Vandermeiren (Hafen Antwerpen-Brügge) und Boudewijn Siemons (Hafen Rotterdam) in einem Interview mit De Tijd.
Wettbewerbsfähigkeit
„Die Branche befindet sich überall in Europa in einer schwierigen Lage“, sagt Siemons. „Die Welt ist ein zunehmend instabiler Ort. In Europa steht viel auf dem Spiel - wie können wir auf dem Weltmarkt wieder wettbewerbsfähig werden? - und dabei haben wir gemeinsam mehr zu gewinnen als einzeln. Es ist höchste Zeit, dass unsere Industrie nicht mehr von den Geschehnissen in den Vereinigten Staaten, China oder dem Nahen Osten dominiert wird. Wenn wir dann auf europäischer Ebene gegeneinander konkurrieren, ist das einfach nicht klug. Die Zusammenarbeit ist noch nicht sehr konkret, aber eine formale Fusion wird es definitiv nicht geben. Das Spektrum zwischen nicht kooperieren und fusionieren ist sehr breit“, so Vandermeiren.
Konkurrenten
„Wir werden immer Konkurrenten sein und über manche Themen wie Tarife oder Preise werden wir nie sprechen. Aber einige sehr offensichtliche Herausforderungen spielen sich in nahen Clustern ab, weniger als 100 Kilometer voneinander entfernt. Der Schwerpunkt liegt auf der Dekarbonisierung, der Digitalisierung und der Entlastung der Verkehrswege. Als Hafen sind wir der Vermittler für diesen Übergang“, so Rotterdams Hafen-CEO Siemons:
„Die Bereitstellung von Infrastruktur ist eine Kernaufgabe, aber sie ist immer teuer. Es gibt viele Möglichkeiten, gemeinsam etwas zu tun, zum Beispiel CO₂ abzuscheiden und zu speichern. Wir brauchen ein völlig neues Energienetz. Das darf nicht an der Grenze scheitern, wie bei der Eisenbahn vor 150 Jahren. Die haben sich damals als nicht anschlussfähig erwiesen.“
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Individuelle Lösungsansätze
Beide Hafengesellschaften haben in den letzten Jahren jeweils Initiativen gestartet, um Lösungen für diese Herausforderungen zu finden. Auf flämischer Seite waren dies NxtPort (eine Datenbank zur Zusammenführung von Logistik- und Seeverkehrsdaten für einen effizienteren Containerverkehr) und Pipelink (ein Pipelinenetz zur Verbindung der Hafencluster Gent, Zeebrügge und Antwerpen).
In den Niederlanden wurde Zero Emission Services ins Leben gerufen, um Schifffahrtsunternehmen bei der Umstellung auf erneuerbare Energien zu unterstützen. Es ist beabsichtigt, solche Dinge von nun an verstärkt gemeinsam zu tun. „Seit einem Jahr legen wir diese Dinge in voller Transparenz zueinander auf den Tisch und fragen uns, ob es nicht klug wäre, sich daran zu beteiligen. Das war lange Zeit ein Tabu“, sagt Vandermeiren gegenüber De Tijd. Das Kriegsbeil scheint begraben zu sein…
Cluster
Außerdem sind wirtschaftliche Gewinne kein Ziel an sich. Daher gibt es noch keine Ergebnisse oder Vorhersagen über den Output solcher gemeinsamen Projekte. Die Vorstandsvorsitzenden wollen aber auch mit einer Stimme gegenüber den europäischen Entscheidungsträgern über die Zukunft der Branche sprechen. „Gemeinsam haben wir viel mehr Einfluss“, so Siemons:
„Strategische Autonomie ist im vergangenen Jahr viel stärker auf die Tagesordnung gekommen und die Europäische Kommission hat erkannt, dass ihre Branche in eine Risikozone geraten ist. Jetzt sind mit dem Clean Industrial Deal geeignete Maßnahmen erforderlich. Siemons hofft, dass dieser Deal, ein Versuch, den Green Deal mit der Wettbewerbsfähigkeit der Industrie in Einklang zu bringen, die Häfen als ein Cluster betrachtet.“
Zentrum der petrochemischen Industrie
Im Dreieck zwischen Rotterdam, Antwerpen und dem Ruhrgebiet seien 40 % der europäischen petrochemischen Industrie angesiedelt. Wenn das wegfalle, werde man noch abhängiger von dem, was anderswo auf der Welt produziert wird. Dazu gehören Medikamente, Dämmstoffe, Materialien für Windräder und Solarzellen und alles, was man für die Energiewende braucht. „Als Betreiber dieser Cluster brauchen die Häfen eine gut durchdachte und universelle Verstärkung. Viele internationale Zentralen betrachten dieses Cluster auch als einen Bereich. Was der eine produziert, ist der Rohstoff für den anderen“, so der Rotterdamer Hafen-CEO Siemons.
„Die Positionen werden neu bewertet: Investieren wir in Westeuropa, im Nahen Osten, in den USA oder in China? Und Europa ist im Moment nicht der Gewinner. Dabei brauchen wir genau diese Investitionen, um die von uns allen so sehr gewünschte Nachhaltigkeit voranzutreiben“, so Siemons abschließend gegenüber De Tijd.
Steckbriefe
Der Hafen von Rotterdam
Fläche: mit 12.600 Hektar der größte Hafen in Europa. Anzahl der Unternehmen: über 3.000. Beschäftigung: 193.000 Arbeitsplätze. Frachtumschlag (2023): 439 Millionen Tonnen. Wertschöpfung: 30,6 Mia. €.
Der Fusionshafen Antwerp-Bruges
Fläche: Antwerpen ist mit 12.000 Hektar der zweitgrößte Hafen Europas, Zeebrügge umfasst 3.400 Hektar. Anzahl der Unternehmen: über 1.400. Beschäftigung: 164.000 Arbeitsplätze. Frachtumschlag (2023): 271 Millionen Tonnen. Wertschöpfung: 21 Mia. €.
