Am Freitag, 10. Januar, wird der Verein zur Erinnerung an die Shoah in Anderlecht vier neue Stolpersteine zum Gedenken an die jüdischen Familien verlegen, die von dort aus deportiert wurden. Normalerweise geschieht dies im Beisein von Schulkindern, aber zwei Schulen in Anderlecht weigern sich, an der Gedenkfeier teilzunehmen, wie die Brüsseler Nachrichtenplattform BRUZZ am Donnerstag meldete. „Es ist das erste Mal, dass dies geschieht. Die Schulleiter und Lehrer haben Angst vor den Konsequenzen“, so die Brüsseler Initiatorin der Stolpersteine.
Stolpersteine - Zwei Schulen in Anderlecht weigern sich, an Holocaust-Gedenkfeier teilzunehmen
Bei den Stolpersteinen handelt es sich um goldfarbene Straßensteine, auf denen die Namen der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus sowie das Datum und der Ort der Deportation und das Datum ihres Todes stehen. In Brüssel wurden solche Steine erstmals 2009 verlegt und zwar in Anderlecht. „Ich selbst stamme aus Anderlecht und habe die ersten beiden Brüsseler Steine verlegt. Das war in Erinnerung an meine Eltern, die aus Anderlecht deportiert wurden“, sagt Bella Swiatlowski. Sie ist für die Verlegung der Steine für die Brüsseler Vereinigung zur Erinnerung an die Shoah verantwortlich.
Am Freitag werden vier solcher Steine im Anderlechter Stadtteil Kuregem verlegt. Drei davon werden in der Brogniezstraat verlegt, wo die Familie Tancman lebte, bis die Familienmitglieder 1942 von den Nazis zusammengetrieben wurden. Sie starben noch im selben Jahr im Konzentrationslager Auschwitz.
In der Georges-Moreau-Straat wird ein Stolperstein für Eva Fichtenholc ins Straßenpflaster eingelassen. Auch sie wurde 1942 deportiert und starb noch im selben Jahr in Auschwitz. „Die meisten ihrer Verwandten sind später nach Frankreich und Israel geflohen, aber vorher lebten sie alle in Kuregem“, weiß Swiatlowski: „Es sind aber ihre belgischen Verwandten, die diese Stolpersteine beantragt haben.“
Krieg in Gaza
Jedes Mal, wenn Stolpersteine in Brüsseler Straßen an Orten verlegt werden, an denen jüdische Opfer lebten, lädt die Shoah-Vereinigung Schulen in der Umgebung ein, an der Gedenkveranstaltung teilzunehmen. Dies gibt der Organisation die Möglichkeit, mit Schülern der Sekundarstufe oder der letzten Grundschulklasse in einen Dialog zu treten und den Holocaust in einem pädagogischen Kontext zu behandeln.
Von der Stadtverwaltung erhielt Swiatlowski die Namen von zwei Schulen in der Nähe der beiden Anderlechter Straßen: Die Carrefour-Grundschule und das Kommunale Institut Marius Renard. „Ich habe mich an beide Schulleiterinnen gewandt. Die erste hörte mir zwar zu, sagte mir aber, dass sie ihren Schülern so etwas nicht zumuten könne und dass sie „den Krieg“ nicht hierher bringen wolle. Ich habe das nicht verstanden, aber keine weiteren Fragen gestellt“, so Swiatlowski gegenüber BRUZZ.
Eltern dagegen - Lehrkräfte haben Ängste
Von der Direktorin der zweiten Schule erhielt sie sofort ein „Nein“ mit einer ähnlichen Erklärung. „Die Schulleiterin sagte, sie könne ihren Lehrern nicht vorschreiben, Informationen über die Shoah zu vermitteln.
Die Eltern würden dem nicht zustimmen“, sagte Swiatlowski zu diesem Gespräch: „Ich habe ihr erklärt, dass ich gar nicht über den aktuellen Konflikt (den israelisch-palästinensischen Konflikt, Red.) sprechen wolle, sondern über die Shoah, die Deportation der Juden und die Stolpersteine. Ich habe versucht, sie zu überzeugen, aber es war vergebliche Mühe. Das hat mich schockiert. Es ist das erste Mal seit 2009, als wir mit dieser Aktion begonnen haben, dass Schulen ihre Teilnahme verweigern. Die Schulen, die wir einladen, haben bisher immer zugestimmt.“
Nach Angaben von Swiatlowski lehnen die beiden Schuldirektionen das Holocaust-Gedenken auf Druck der Eltern der Schulkinder ab. Wegen des Krieges in Gaza sei das Gedenken an die jüdischen Opfer des Zweiten Weltkriegs wohl heikel. Swiatlowski verweist auch auf die Radikalisierung im Bildungswesen: „Es hat bereits einige gewalttätige Fälle gegeben. In Frankreich wurden sogar zwei Lehrer ermordet. Direktorinnen und Lehrer haben Angst vor den Folgen.“
Empörte Reaktionen
Unterdessen wurde die Bildungsministerin der Französischsprachigen Gemeinschaft, Valérie Glatigny (MR), die selbst aus Brüssel stammt, über die Ablehnung informiert. Sie habe beide Schulleiter angeschrieben, bestätigte ihre Sprecherin Johanne Moyart gegenüber BRUZZ. „In diesen Briefen erinnern wir die beiden Schulleiterinnen daran, dass es wichtig ist, die Kinder an die Shoah zu erinnern und dass dies zu den Aufgaben der Schulen gehört.“
Laut Moyart lehnten beide Schulen die Gedenkfeier aufgrund des Drucks der Eltern ab. „Zumindest ist das die Information, die wir erhalten haben. Wir sind auf der Seite der Schulleiter und Lehrer, die zur Selbstzensur gedrängt werden.“ Inzwischen zeigen sich zahlreiche Politikerinnen und Politiker sowie Personen des öffentlichen Lebens schockiert über diesen Vorgang.
