Straßennamen helfen uns seit Jahrhunderten, unseren Weg in Brüssel zu finden. Im Mittelalter lag die Bedeutung oder Herkunft von Straßennamen auf der Hand. Sie verwiesen häufig nach einem besonderen Merkmal. In der Bakkersstraat befand sich der Bäcker und die Kanalstraat lag garantiert in der Nähe eines Wasserweges.
Woher hat Brüssel seine Straßennamen? Eine Spurensuche am Beispiel der Gemeinde Sint-Gillis
Der Brüsseler Medienkanal Bruzz hat sich die Brüsseler Gemeinde Sint-Gillis vorgenommen, um die Geschichte der Straßennamen in der belgischen Hauptstadt und insbesondere in der südlichen Gemeinde Sint-Gillis zu erklären. Die Gemeinde umfasst nicht nur das Brennpunktgebiet um den Südbahnhof, sondern auch Art nouveau und Gentrification in den ehemaligen besser gestellten Vierteln rund ums Rathaus (Foto unten).
Ab dem 18. Jahrhundert werden Straßennamen offiziell von den Behörden festgelegt, erklärt der Autor Pierre Dejemeppe in seinem Buch über die Straßen von Saint Gilles, wie die Gemeinde auf Französisch heißt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts macht das Dorf an den Toren von Brüssel eine große Verwandlung durch und wächst zu einem städtischen Ballungsgebiet heran. Den Ausschlag gab der Bau des Südbahnhofs (Brussel-Zuid/Bruxelles-Midi). Mehr Menschen bedeutete mehr Häuser und neue Straßen, die alle einen Namen brauchten.
Oft griff die Stadtverwaltung auf berühmte Bürger aus früheren Zeiten zurück, aber wenn diese Prominente aufgebraucht waren, musste man sich anderweitig inspirieren. Ein Problem, das sich nicht nur in Sint-Gillis stellte, sondern auch in anderen Gemeinden im Großraum Brüssel.
Deswegen trafen benachbarte Gemeinden Absprachen, um Doppelverwendungen und Verwechslungen zu vermeiden. Das kann man an den aktuellen Namen ablesen: Die Gemeinde Schaarbeek zum Beispiel hat sich für Edelsteine entschieden. In der nordöstlichen Gemeinde liegen die Diamantlaan (Diamant), die Saffierstraat (Saphir), Smaragdlaan (Smaragd) oder noch Opaallaan (Opal).
Sint Jans Molenbeek dagegen inspirierte sich in der Pflanzen- und Blumenwelt entschieden, wie man an der Mirtenlaan (Myrte), der Fuchsiastraat und Tijmlaan (Thymian) unschwer erkennen kann.
Anderlecht wollte den universellen Werten ein Denkmal setzen und entschied sich für die Geluksstraat (Glück), Zelfbestuursstraat (Autonomie), Waarheidsstraat (Wahrheit).
Elsene wählte Ortsnamen, darunter die Napelsstraat, Parijsstraat, Dublinstraat - während es in Sint-Gillis eben Länder waren. Dort gibt’s heute noch die Denemarkenstraat (Dänemark), die Zwedenstraat (Schweden), die Bosnienstraat und die Portugalstraat.
Dass sich Sint-Gillis für geografische Namen entschieden hat, hängt mit der Präsenz des Südbahnhofs zusammen. Seit der Eröffnung dieses Brüsseler Bahnhofs kamen Reisende aus allen Teilen Belgiens in Sint-Gillis an, bevor sie zu anderen europäischen Zielen weiterfuhren.
In dieser Zeit entstanden in der Gemeinde viele neue Stadtviertel. Straßenbahnlinien wurden gebaut und die Gemeinde erhielt ein eigenes Gas-, Wasser- und Stromnetz sowie ein Rathaus. Die Anwesenheit bekannter Künstler machte Sint-Gillis zu einer lebendigen Stadt. Durch die Benennung von Straßen nach europäischen Reisezielen schlugen die Stadtväter von Sint-Gillis eine Brücke zu diesen Orten und brachten sie ihnen näher.
Nicht alle geografischen Entscheidungen waren von Dauer. Nach dem Ersten Weltkrieg verschwanden alle Namen, die sich auf Deutschland oder seine Verbündeten bezogen. Die Turkijestraat (Türkei) wurde zur Romeniëstraat (Rumänien) und die Munchenstraat (München) zur Andennestraat.
Auch heute noch ist Saint-Gillis eine der multikulturellsten Gemeinden Belgiens mit mindestens 140 verschiedenen Nationalitäten, die in der Gemeinde leben.
