Einbrüche in der Industrie, schwache Exporte, ein schwächelnder Arbeitsmarkt, weniger Investitionen im Baugewerbe: Das Gefühl, dass in der belgischen Wirtschaft Sand im Getriebe ist, ist richtig. Das geht aus den Herbstprognosen der Belgischen Nationalbank (BNB) hervor. Und doch gibt es auch für die kommenden Jahre Hoffnung auf Besserung.
Der belgischen Wirtschaft geht es nicht gut - aber es gibt Hoffnung: Was erwartet die Nationalbank?
Die Ungewissheit ist groß, betont Nationalbankgouverneur Pierre Wunsch. Er verweist vor allem auf die internationale Lage: Welche wirtschaftlichen Auswirkungen wird die Präsidentschaft von Donald Trump haben? Wie wird China darauf reagieren? Und wie werden wir das dann in Belgien spüren?
Belgien hat in einem so unsicheren wirtschaftlichen Klima nicht die besten Karten. Schaut man sich die Industrie, wo das Vertrauen derzeit sehr gering ist und die Auslastung der Produktionskapazitäten an - Das ist derzeit so niedrig, dass sich unser Land in etwa auf dem Niveau einer Corona-Pandemie befinden.
„Einer der Faktoren ist der Energiepreis, denn das billige russische Gas ist nicht mehr da“, erklärt Wunsch: „Außerdem ist unser Ehrgeiz in Bezug auf das Klima höher als zum Beispiel in den USA. Außerdem gibt es viel Konkurrenz aus China bei Elektroautos, aber auch bei Sonnenkollektoren und bei Windenergie.“
Schaffung von Arbeitsplätzen ins Stocken geraten
Hinzu kommt, dass die Unternehmensinvestitionen nach einem relativ starken Anstieg wieder rückläufig sind. Nach Angaben der Nationalbank machen die Unternehmen dafür auch die strengen Vorschriften und langwierigen Genehmigungsverfahren, sprich die Bürokratie hierzulande dafür verantwortlich. „Es ist sehr schwierig geworden, große Investitionsprojekte auf den Weg zu bringen“, sagt Geert Langenus von der Studienabteilung der Nationalbank.
Dies zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt: Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist in diesem Jahr praktisch zum Stillstand gekommen. Kopfzerbrechen bereiten auch die Exporte, die in den letzten Jahren besonders niedrig waren. Die Zahlen im Bereich Investitionen in den Wohnungsbau sind ebenfalls düster.
Auch die Inflation, also der allgemeine Anstieg des Preisniveaus in unserem Land, ist nicht so stark zurückgegangen wie erhofft. Vor allem die Energie- und Lebensmittelpreise sind dafür verantwortlich (mit der Einschränkung, dass der Anstieg der Lebensmittelpreise vor allem auf den Anstieg der Tabakpreise zurückzuführen ist). Unsere Inflationsrate etwa doppelt so hoch wie der Durchschnitt der Eurozone.
Die Nationalbank sieht keinen Spielraum für höhere Löhne
Die Nationalbank sieht auch keinen Spielraum für Lohnerhöhungen in den nächsten 3 Jahren, die über den Index hinausgehen. Im Vergleich zu früheren Prognosen steigen die Lohnkosten in Belgien um einen zusätzlichen Prozentpunkt. Dies ist auf unser System der automatischen Indexierung zurückzuführen, bei dem die Löhne automatisch an die Lebenserwartung bzw. die Lebenshaltungskosten angepasst werden.
Ein Fünftel der höheren Lohnkosten kommt übrigens von den teureren Dienstleistungsschecks, vor allem in Flandern. „Selbst wenn diese nur einen Euro teurer werden, ist der Effekt enorm“, heißt es. Wegen dieses Anstiegs der Lohnkosten kann die Gehaltskluft zu den Nachbarländern erst später geschlossen werden.
Ende 2027 würde diese Kluft laut Nationalbank noch 1 % betragen. Allerdings: Nicht die Nationalbank entscheidet, wie schnell die Löhne steigen dürfen. Das tun die Gewerkschaften und die Arbeitgeber, basierend auf den Zahlen des Zentralen der Wirtschaftsrats.
Stabiles Wachstum
Dieses Bild macht nicht glücklich, aber gleichzeitig ist die Stimmung bei der Nationalbank nicht nur düster. So gehen die Wirtschaftsbosse unseres Landes davon aus, dass die Wirtschaft in den kommenden Jahren dank des gesunden Konsums der Haushalte trotz allem recht stabil wachsen wird.
In diesem Jahr werden wird Belgien ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP, der Gesamtwert der Waren und Dienstleistungen, die unser Land in einem Jahr produziert) von etwa 1 % verzeichnen. In den kommenden Jahren wird das leicht auf etwa 1,2 bis 1,4 % ansteigen.
Auch die unerwartet hohe Inflation, von der hier schon die Rede war, ist derzeit wieder rückläufig und wird bereits im nächsten Jahr ein recht gesundes Niveau von 2,9 % erreichen, bevor sie weiter auf 1,3 % im Jahr 2026 sinkt, so die BNB-Wirtschaftsprognose.
Arbeitsmarkt
Der Arbeitsmarkt in Belgien mag ins Stocken geraten sein, aber das bedeutet nicht, dass die Beschäftigung zurückgeht. „Wir glauben, dass eine vorsichtige Erholung im Gange ist“, meint Langenus: „Die Nachfrage nach Arbeitskräften mag sich in der Branche derzeit verlangsamen, aber sie bleibt besonders hoch.“ Zwischen 2025 und 2027 könnten rund 90.000 neue Arbeitsplätze entstehen. Und die Arbeitslosenquote werde auf einem „historisch niedrigen“ Niveau bleiben (rund 5,6 %), so Langenus weiter.
Nur bei den Unternehmens- und Wohnungsbauinvestitionen erwartet die Nationalbank in den kommenden Jahren keine Wunder. „Die Unternehmensinvestitionen werden sich in den kommenden Jahren etwas erholen, aber unter dem historischen Durchschnitt bleiben“, sagt Langenus. Das gilt auch für die Wohnungsbauinvestitionen: „Eine Erholung ist in Sicht, aber selbst wenn sie eintritt, werden die Wohnungsbauinvestitionen 2027 immer noch 6 % niedriger sein als 2019.“
