Um die ständig steigende Nachfrage nach Pflege zu bewältigen, wird Belgien bis 2040 mehr als 124.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigen. Dies berechnete der Wirtschaftswissenschaftler Johan Albrecht von der Universität Gent (UGent) für die Denkfabrik Itinera in einer neuen Studie, über die das flämische Wirtschaftsblatt De Tijd berichtet.
Belgien wird bis 2040 124.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigen
„Die alternde Bevölkerung wird einen großen Einfluss auf die Nachfrage nach Pflege haben“, sagt der Genter Volkswirt Johan Albrecht: „Darüber hinaus stellen wir heute fest, dass viele Menschen an mehreren Krankheiten leiden. Auch das führt zu einem komplexen Pflegebedarf. Wenn man sich die demografische Entwicklung ansieht, kann man einen Trend in Bezug auf die Nachfrage nach Pflege erkennen. Wir haben das einfach auf das Jahr 2040 ausgedehnt“. So kommt Albrecht zu dem Schluss, dass bis 2040 mehr als 124.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigt werden. Aktuell sind in unserem Land etwa 600.000 Pflegerinnen und Pfleger aktiv.
Laut der Studie der UGent für Itinera wird alleine das belgische Bundesland Flandern bis 2040 74.000 zusätzliche Pflegekräfte benötigen, die Wallonie 42.000 und die Brüsseler Hauptstadt-Region 8.200. „Wir sprechen dann über das gesamte Pflegesystem: Nicht nur Krankenhäuser und Altenpflege, sondern zum Beispiel auch häusliche Pflege und informelle Betreuung“, so Albrecht.
Zu wenig verfügbare Arbeitskräfte
„Das große Problem ist, dass zum ersten Mal in der Geschichte die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter nicht steigt, sondern stabil bleibt“, sagt Albrecht: „In Wallonien und in Brüssel geht sie sogar zurück. Die steigende Nachfrage nach Pflegeleistungen muss also durch einen stabilen oder sogar sinkenden Bestand an Pflegekräften gedeckt werden. Die Beschäftigung im Gesundheitssektor ist in den letzten 50 Jahren schnell gewachsen. Wir hatten auch immer mehr junge Menschen, die arbeiten gingen, was ein reibungsloses Wachstum dieses Systems ermöglichte. Diese Ära ist nun vorbei. Und es ist nicht nur der Pflegesektor, der mehr Leute braucht“, fügt Albrecht hinzu, wobei er z.B. den akuten Personal- und Facharbeitermangel in Belgien anspricht.
Albrecht zufolge beschäftigt unser Land bereits in erheblichem Umfang Pflegekräfte aus dem Ausland, aber auch das ist nicht die Lösung des Problems. „Laut dem Bericht von Mario Draghi (ehemaliger Präsident der Europäischen Zentralbank und italienischer Ministerpräsident, Red.) wird die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Europa ab 2030 um 2 bis 3 Millionen Personen pro Jahr zurückgehen. Es ist also nicht so, dass wir in unseren Nachbarländern oder in Osteuropa leicht Tausende von qualifizierten Pflegekräften finden werden.“
Anpassung des Gesundheitssystems
Albrecht zufolge könnte ein Teil der Bevölkerung auf der Strecke bleiben, wenn wir mit der Nachfrage nach Pflege nicht Schritt halten können: „Es könnte ein zusätzliches Angebot auf dem Markt geben, zum Beispiel privat organisiert, natürlich mit anderen Preisen und anderen Bedingungen. Auch die, die es sich leisten können, werden Schwierigkeiten haben, Zugang zur Pflege zu finden.“
„Letztlich besteht die Gefahr, dass das System, das wir heute schätzen, weniger integrativ ist, so dass nicht allen in gleichem Maße geholfen werden kann. Das ist natürlich eine schwierige Situation, denn in unserer Pflegegesellschaft ist der gleichberechtigte Zugang zu Pflegeleistungen sehr wichtig.“
Um dies zu verhindern, sind mehrere Maßnahmen erforderlich, betont Volkswirt Albrecht. Unter anderem plädiert er für eine striktere Präventionspolitik, um das Fortschreiten chronischer Erkrankungen aufzuhalten, wodurch Tausende von Pflegeprofilen eingespart werden könnten. Darüber hinaus, so Albrecht, sollte die Verbindung zwischen medizinischen und sozialen Problemen - z. B. dem Zugang zu qualitativ hochwertigen Wohnungen - und der Kostenwirksamkeit von Behandlungen berücksichtigt werden.
