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Warum wurden Straßen in der Brüsseler Gemeinde Sint-Gillis nach europäischen Städten oder Ländern benannt?

Dänemarkstraße, Schwedenstraße oder Portugalstraße: In Sint-Gillis, vor allem in der Umgebung des Bahnhofs Brüssel Süd/Midi,  bezieht sich rund ein Fünftel der Straßennamen auf europäische Länder oder Städte. Warum ist das so? Dieser Frage ist die Nachrichtenplattform BRUZZ in ihrer Reihe BigCity nachgegangen. 

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Straßennamen helfen uns seit Jahrhunderten, uns zurechtzufinden. Im Mittelalter benannten die Einwohner die Straßen ihrer Ortschaften nach einem bestimmten Merkmal, z.B. Bakkerstraat, wenn es dort einen oder mehrere Bäcker gab, oder Grachtweg in der Nähe eines Kanals. Jahrhundertelang legten auch Regierungen oder Stadtverwaltungen die Straßennamen fest, wie aus dem Buch „Sint-Gillis, Geschichte der Straßennamen“ von Pierre Dejemeppe hervorgeht.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Sint-Gillis von einem Dorf zu einer Stadt und der Bau des Bahnhofs Brüssel Süd/Midi beschleunigte diese Entwicklung. Mehr Einwohner bedeuteten mehr Häuser und neue Straßen, die alle einen Namen brauchten. Oft griff die Stadtverwaltung auf Namen bekannter Einwohner zurück, aber wenn diese „aufgebraucht“ waren, ging die Inspiration etwas verloren.

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Die Liverpoolstraße

Brüssels Gemeinden sprachen sich ab

Nicht nur Saint-Gillis, sondern auch andere Brüsseler Gemeinden standen vor diesem Problem. Vermutlich trafen die Brüsseler Gemeinden sogar untereinander Absprachen, auch um eine doppelte Verwendung zu vermeiden.

Dies zeigt sich in der Namensgebung für die Straßen in den Brüsseler Gemeinden: Schaarbeek wählte Edelsteine - Diamantlaan, Saffierstraat, Smaragdlaan; Molenbeek wählte Pflanzen und Blumen - Mirtenlaan, Fuchsiastraat, Tijmlaan; Anderlecht entschied sich für Werte - Geluksstraat, Zelfbestuursstraat, Waarheidsstraat. Elsene - Napelsstraat, Parijsstraat, Dublinstraat - und Saint-Gilles wählten Städte und Länder.

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Tramhaltstelle Suede/Zweden unweit der Schwedenstraße

Der Bahnhof

Dass Sint-Gillis den Straßen Namen mit geografischem Hintergrund gab, hatte auch mit den internationalen Zügen zu tun, die am Südbahnhof abfuhren oder die dort ankamen. Seit der Eröffnung dieses Bahnhofs kamen Menschen aus ganz Europa in Sint-Gillis an, und von hier aus fuhren Reisenden zu vielen europäischen Zielen.

Darüber hinaus entstanden in der Gemeinde viele neue Viertel, die zusammen mit dem Bau von Straßenbahnlinien, einem eigenen Gas-, Wasser- und Stromnetz, dem Bau des Rathauses und der Anwesenheit bekannter Künstler Sint-Gillis zu einer lebendigen Stadtgemeinde machten. Sint-Gillis brauchte ausländischen Städten in nichts nachzustehen. Indem man Straßen nach europäischen Städten oder Ländern benannte, schlug man eine Brücke zu eben diesen Orten und suchte nicht zuletzt deren Annäherung.

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Café Birmingham an der Ecke zur gleichnamigen Straße

Umbenennung durch den "Großen Krieg"

Nicht alle diese geografischen Bezeichnungen waren von Dauer. Nach dem Ersten Weltkrieg verschwanden alle Namen, die sich auf Deutschland oder seine Verbündeten bezogen. So wurde aus der Türkenstraße die Rumänienstraße und aus der Münchener Straße die Andennestraße.

Der Autor, Musiker, Kolumnist und Chronist Marc Didden, der in Dejemeppes Buch zitiert wird, drückt das darin ziemlich treffend aus: „Als hätten die Namensgeber der Straßen schon vor mehr als hundert Jahren gewusst, dass eines Tages die ganze Welt in Sint-Gillis zusammenkommen würde.“ In der Tat ist Saint-Gilles mit 140 verschiedenen Nationalitäten eine der multikulturellsten Gemeinden in Brüssel und sogar in Belgien.

Die Hubbrücke am Brüsseler Kanal zwischen der Liverpool- und der Manchesterstraße
Die Dänemarkrstraße

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