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Moderator Prof. Thomas Ernst (links) und Botschafter Martin Kotthaus (rechts)
Inland
Politik

Deutscher Botschafter Martin Kotthaus in Antwerpen: „Belgien und Deutschland ticken sehr ähnlich“

Auf Einladung des Deutschcafés Antwerpen besuchte der deutsche Botschafter beim Königreich Belgien, Martin Kotthaus, am 15. Oktober die Universität Antwerpen. Im Rahmen der „Woche für Deutsch 2024” kam er mit Studierenden ins Gespräch über die deutsch-belgischen Beziehungen, den Zustand Deutschlands und Europas sowie die Arbeit als Botschafter. Flanderninfo war auch da und sah einen Diplomaten, der trotz aller Krisen zuversichtlich in die Zukunft blickt.

Jens Van Reet
Veröffentlicht:

Neben den eingeladenen Studierenden kamen auch Dutzende Interessierte nach Antwerpen, um Martin Kotthaus, dem ‚außerordentlichen und bevollmächtigten Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Königreich Belgien in Brüssel’, wie sein vollständiger Titel lautet, zuzuhören. In einem malerischen Saal des aus dem Mittelalter stammenden Hauptgebäudes der Universität stellte sich Martin Kotthaus den Fragen der Studierenden. 

Deutsch-belgische Beziehungen: „Belgien wird leicht übersehen“

Zunächst lobte Kotthaus die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Belgien. Auf verschiedenen Ebenen, insbesondere in der Industrie, werde zuverlässig und intensiv zusammengearbeitet, wie etwa beim Thema Energieversorgung. Er hob mehrfach die Entwicklung gemeinsamer Wasserstoff-Projekte hervor und betonte die Bedeutung von Gaslieferungen aus Belgien nach Deutschland seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine im Jahr 2022. Auch beim Bau von Windkraftanlagen in der Nordsee arbeiteten Deutsche und Belgier eng zusammen.

Diese wirtschaftliche und industrielle Verflechtung habe sich aus der stabilen Freundschaft zwischen Belgien und Deutschland seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickeln können. Belgien habe damals als erste Nation Deutschland die Hand gereicht, um wieder diplomatische Beziehungen aufzubauen.  

Ich finde es beeindruckend, wie stark die Erinnerung in Belgien 'gelebt' wird

Martin Kotthaus, deutscher Botschafter in Belgien

Als der Botschafter die schwierige Vergangenheit zwischen beiden Ländern ansprach, drückte er seine Bewunderung für die belgische Erinnerungskultur aus. „Ich finde es beeindruckend, wie stark Erinnerung in Belgien ‚gelebt’ wird“, sagte er. Deutschland, das oft als ‚Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung’ bezeichnet wird, könne seiner Meinung nach sogar noch von Belgien lernen. Er betonte die Bedeutung von Gedenkveranstaltungen, bei denen Belgien und Deutschland regelmäßig gemeinsam der Toten des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowie des Holocaust gedenken. „Wir dürfen nicht vergessen, was passiert ist.”

Trotz der engen Verbindungen und der Tatsache, dass Belgien und Deutschland „sehr ähnlich ticken”, kursierten auf beiden Seiten hartnäckige Klischees. Zugleich kenne man sich gegenseitig kaum. Das zeige sich auch darin, dass es relativ wenig Studierende aus Deutschland in Belgien und umgekehrt gebe, da unser Land von Deutschen leicht übersehen werde. Das habe aus seiner Sicht damit zu tun, dass es für Belgien in Sachen Selfmarketing noch Luft nach oben gebe.

Auch das abnehmende Interesse an der deutschen Sprache in Belgien bedauerte er, denn Deutschkenntnisse böten oft große Vorteile in den zahlreichen deutschen Unternehmen, die Niederlassungen in unserem Land haben. Es sei daher wichtig, dass hierzulande für die Sprache von Goethe und Schiller Werbung gemacht werde. Ein Beispiel dafür sei die Kooperationsvereinbarung zwischen dem Goethe-Institut Brüssel und der KU Leuven, die den Deutschunterricht in Flandern attraktiver und besser machen soll. 

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter.)

Botschafter Kotthaus übergibt sein Beglaubigungsschreiben an König Philippe im Jahr 2018

Deutschland - ‚der kranke Mann Europas‘?

Man darf den Botschafter getrost die richtige Person am richtigen Ort nennen, um die Beziehungen zwischen Belgien und Deutschland zu beschreiben – das zeigt sein beeindruckender Werdegang. Insgesamt 12 Jahre lebt und arbeitet er in Belgien. Bevor er hier 2018 Botschafter wurde, war er von 2005 bis 2011 Pressesprecher bei der Ständigen Vertretung Deutschlands bei der Europäischen Union in Brüssel. 

In der Zwischenzeit war er unter anderem im Auswärtigen Amt zuständig für das ‚Deutschlandbild im Ausland’. Er sollte Deutschland von dem ‚drei-B’s-Image’ (Bier, Benz, Beckenbauer) befreien und dem Land international neuen Elan geben. Später arbeitete er als Pressesprecher im Finanzministerium unter dem damaligen Minister Wolfgang Schäuble. 

Der Botschafter ist also in allen Sätteln der diplomatischen Welt gerecht und kann dank seiner Stationen an der Spree in Berlin nicht nur gut einschätzen, wie es Belgien geht, sondern auch wie es derzeit um sein Heimatland bestellt ist. 

In der internationalen Presse wird Deutschland wegen der schlechten Wirtschaftslage erneut – wie schon vor gut 20 Jahren – als „der kranke Mann Europas“  bezeichnet. Vergangenen Sommer konnten auch zahlreiche Fußballfans aus ganz Europa selbst erleben, dass in Deutschland nicht mehr alles so reibungslos funktioniert, wie sie es sich vielleicht vorgestellt hatten – Stichwort: Die Deutsche Bahn.

Mein Land ist auf dem richtigen Pfad, aber wir sind noch nicht angekommen

Martin Kotthaus, deutscher Botschafter in Belgien

Deutschland befinde sich dem Botschafter zufolge in einer Übergangsphase: „Mein Land ist auf dem richtigen Pfad, aber wir sind noch nicht angekommen.“ Neben den notwendigen Investitionen in die Infrastruktur modernisiere sich Deutschland derzeit in vielen Bereichen gleichzeitig: Es finde zum Beispiel ein Umdenken in der Energieversorgung statt, und die Automobilindustrie werde umgebaut. 

Eine der großen Herausforderungen heute sei der Fachkräftemangel. Um diesen zu lösen, müsse seiner Meinung nach Migration gefördert werden. Gerade dieses Thema sorgt für Spannungen – und das nicht nur in Deutschland. In ganz Europa gewinnen Parteien mit migrationskritischen Positionen an Zulauf. Im ostdeutschen Bundesland Thüringen wurde bei den Wahlen im September die Alternative für Deutschland (AfD) stärkste Kraft. Zum ersten Mal in der Nachkriegsgeschichte konnte eine rechtsextreme Partei eine Landtagswahl gewinnen. Und auch bei den belgischen Parlaments- und Regionalwahlen im Juni schnitt die rechtsradikale Partei Vlaams Belang besonders gut ab.

Das Wahlverhalten in Ostdeutschland, dem Gebiet der ehemaligen DDR, begründet der Diplomat vor allem mit der schwachen Verankerung politischer Parteien und den anhaltenden Krisen, mit denen die Menschen konfrontiert würden: zunächst die Eurokrise, dann die Migrationskrise, die Pandemie, und nun der Krieg in der Ukraine und die daraus resultierende Energiekrise. Auf die Folgen dieser Krisen, die man auch in Belgien und den anderen EU-Ländern spüre, gebe es „keine einfachen Antworten“. 

Obwohl Meinungsumfragen zeigen, dass viele Ostdeutsche sich aufgrund des teilweise schmerzhaften Vereinigungsprozesses noch immer als Bürger zweiter Klasse fühlen, stellt Kotthaus eine Annäherung zwischen Ost und West fest. Die Arbeitslosen- und Wachstumszahlen im Osten erreichten fast das Westniveau, sodass heute kaum noch erkennbar sei, wo einst die Grenze verlief. Er betonte, wie wichtig es ihm sei, auch immer das Positive zu würdigen. Die deutsche und europäische Einheit bezeichnete er als „ein unendliches Geschenk der Geschichte.“

Ohne Angst in die Zukunft

Diese positive Grundhaltung zog sich durch den gesamten Abend. Der Botschafter versicherte dem Publikum, dass Deutschland trotz der vielen Herausforderungen weiterhin eine wichtige Rolle in der Europäischen Union spiele und in vielen Bereichen nach wie vor sehr gut abschneide. Auch die kürzlich eingeführten Kontrollen an den deutschen Grenzen, die von den Nachbarländern teils kritisch gesehen werden, gefährdeten das europäische Einheitsprojekt nicht. Er habe bisher keine Rückmeldungen über ernsthafte Probleme an den Grenzübergängen erhalten.

Als er auf die Kluft zwischen Flandern und der Wallonie angesprochen wurde, zeigte er sich ebenfalls gelassen. Für Belgien gelte, ähnlich wie für Ost- und Westdeutschland: „In beiden Ländern eint uns mehr, als uns trennt.“

Als der Moderator des Abends, Professor für Neuere Deutsche Literatur Thomas Ernst, erwähnte, dass viele Studierende Angst vor einer Eskalation der Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten haben, beruhigte er das Publikum. Zwar sei eine engere Zusammenarbeit in der Europäischen Union notwendig und liege noch viel Arbeit vor uns, um Europas Verteidigungsfähigkeit zu stärken, doch die Lage sei seiner Ansicht nach weniger prekär als zu Zeiten des Kalten Krieges. „Ich habe keine Angst vor einem Dritten Weltkrieg.“

Botschafter Kotthaus (Mitte) und die Studierenden und Professoren der Universität Antwerpen

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