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Wie ist es um Technologie und Industrie in Belgien bestellt?
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Wirtschaft

Belgiens Technologieverband Agoria erwartet, dass tausende Jobs in der Industrie verloren gehen

In den ersten neun Monaten dieses Jahres gingen im belgischen Technologiesektor mehr als 5.000 Arbeitsplätze verloren. Das ist die höchste Zahl seit 12 Jahren. Der Technologieverband Agoria erwartet, dass sich der Stellenabbau in diesem und im nächsten Jahr auf insgesamt 12.000 Arbeitsplätze belaufen wird. Agoria schlägt Alarm und fordert die noch zu bildende neue belgische Bundesregierung dazu auf, mehr auf die Industrie zu setzen.

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Agoria analysierte unlängst Zahlenmaterial aus dem Bundeswirtschafts- und Arbeitsministerium. Daraus wurde ersichtlich, dass die Zahl der abgebauten Stellen im Industrie- und Technologiesektor in Belgien den höchsten Stand seit 12 Jahren erreicht hat. In den ersten neun Monaten des Jahres 2024 gingen mehr als 5.000 Arbeitsplätze verloren. Außerdem schafft der belgische Technologiesektor zum ersten Mal seit fast fünf Jahren netto keine neuen Arbeitsplätze.

Es gehen so viele Arbeitsplätze verloren, dass der Sektor Gefahr läuft, seinen Anteil am Beschäftigungsgrad von 80 %, den Belgien bis 2030 erreichen will, zu verfehlen.

Umfangreiche Umstrukturierungen in der verarbeitenden Industrie - vor allem im Automobilsektor - erklären die hohn Arbeitsplatzverluste. Allein bei Audi Brüssel sind 3.000 Arbeitsplätze in Gefahr. „Und dann sind da noch all die kleinen Unternehmen, die nicht in den Medien auftauchen. Abgesehen von der Corona-Krise hat es so etwas seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben“, sagte Bart Steukers (Foto ganz unten), CEO von Agoria dazu.

Düstere Aussichten

Die Aussichten sind düster: Agoria geht davon aus, dass im Jahr 2024 insgesamt 9.300 Arbeitsplätze in diesem Sektor verloren gehen werden. Auch im kommenden Jahr rechnet der Sektorverband mit Verlust von bis zu weiteren 3.000 Arbeitsplätzen. Der Verband rechnet erst ab etwa 2026 mit einer leichten Erholung. Agoria untersuchte 10 Indikatoren, die auf die Gesundheit des Sektors hinweisen: 5 in Bezug auf die wirtschaftliche Aktivität und 5 in Bezug auf die Beschäftigung - von Umsatz bis hin zu offenen Stellen.

Im September 2023 waren noch 7 Indikatoren im grünen Bereich, doch heute leuchten 8 dieser Faktoren in Rot auf. Unter anderem ist die wirtschaftliche Aktivität im Industrie- und Technologiesektor in Belgien um 3,4 % gegenüber dem Vorjahr gesunken. Die Auftragsbücher nicht mehr wirklich gut gefüllt und die vorübergehende Arbeitslosigkeit kommt auf ein Niveau, das seit der der Euro-Krise 2013 bzw. der Corona-Krise 2020 oder nicht mehr erreicht wurde.

Das verarbeitende Gewerbe in unserem Land schrumpfte in der ersten Hälfte dieses Jahres um 8 % im Vergleich zu 2023. Das Bild wird noch dramatischer, wenn man auf die europäische Ebene schaut. Laut Agoria haben die Technologieexporte aus Belgien innerhalb der EU nur noch 4,4 % Marktanteil. Auch das ist ein historischer Tiefstand.

Europäische Exporte

Darüber hinaus gehen auch die Exporte ins europäische Ausland insgesamt zurück. „Der Kuchen wird kleiner und der belgische Anteil wird noch kleiner. Auf diese Weise bleiben für uns in Zukunft nur noch Krümel übrig“, so Agoria-CEO Steukers: „Wir befinden uns an einem entscheidenden Punkt. Die vorherige Bundesregierung hat sich ganz auf die Kaufkraft konzentriert, die nächste muss sich ganz auf unsere Industrie konzentrieren.“

Die Politik, so Steukers weiter, habe inzwischen den Ernst der Lage erkannt: „Aber sie muß sich damit auseinandersetzen. Auf EU-Ebene liegt der Draghi-Bericht mit 170 Empfehlungen zur Wiederbelebung der europäischen Industrie vor. Jetzt liegt es an der Regierung unseres Landes, die Umsetzung durchzuziehen.“

Hohe Inflation und hohe Lohnkosten

Das Unbehagen im belgischen Sektor ist laut Agoria das Ergebnis eines explosiven Cocktails. In ganz Westeuropa geht es der Branche schlecht, was zum Teil auf die hohe Inflation der letzten Jahre zurückzuführen ist.

In unserem Land kommen noch die hohen Arbeitskosten hinzu: „Unser Sektor ist traditionell der Wachstumsmotor der Wirtschaft. Wir müssen jetzt alle Register ziehen, um die Branche zu schützen, aber nicht nur das: Wir brauchen auch Wachstum, um den Wohlstand in unserem Land aufrechtzuerhalten.“

Agoria-CEO Steukers fordert daher die neue und auch künftige Regierungen in Belgien dazu auf, sich dringend für die Wettbewerbsfähigkeit einzusetzen. Die durchgesickerte „Supernote“ von Regierungsbildner Bart De Wever (N-VA) stellt die automatische Indexierung von Löhnen und Gehältern in Frage und fordert die Sozialpartner auf, bis 2026 eine Stellungnahme auszuarbeiten.

Außerdem ist Energie in Belgien immer noch doppelt so teuer wie vor der Korona-Krise und bis zu fünfmal so teuer wie in den USA. Es werde also sehr schwierig, mit chinesischen Autoherstellern zu konkurrieren.

Zu viele Regeln

Vor allem aber soll die neue belgische Bundesregierung in den Augen der Wirtschaft den Wildwuchs an administrativen Verpflichtungen und Regelungen beenden. Das betreffe z.B. die hiesige Rüstungsindustrie, auf die man eigentlich laut Agoria heute mehr setzen sollte.

Zu oft bekämen solche Unternehmen Probleme mit Exportgenehmigungen oder hätten Schwierigkeiten, finanzielle Förderung zu erhalten. „Der hohe Regulierungsdruck legt auch eine Hypothek auf neue Investitionen. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen sagt, sie wolle 25 % weniger Regulierungsaufwand für die Unternehmen. Unser neuer Premierminister sollte innerhalb weniger Wochen dasselbe tun“, so Steukers abschließend.

Agoria-CEO Bart Steukers zeichnet ein düsteres Bild von Belgiens verarbeitender Industrie

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