Flämische und französischsprachige Wählerinnen und Wähler liegen bei der Frage nach ihren politischen Präferenzen im Schnitt gar nicht so weit auseinander. Dies geht aus einer Umfrage der belgischen Universitäten UAntwerpen, ULB, UCLouvain, VUB, KU Leuven, UNamur und UGent hervor.
Umfrage belgischer Unis: flämische und französischsprachige Wähler gar nicht so verschieden
In der Wahrnehmung scheint die Zivilgesellschaft im Norden und Süden von Belgien radikal unterschiedliche politische Ansichten vertreten. Französischsprachige wären eher linksgerichtet, Flamen dagegen eher rechtsgerichtet. Diese Auffassung wurde durch die Ergebnisse der radikalen Linken (PTB) in der Wallonie und die der radikalen Rechten (Vlaams Belang) in Flandern verstärkt.
Die Parlamentswahlen im Juni 2024 haben diesen Stereotyp jedoch in Frage gestellt. In der Wallonie haben die Mitte-Rechts-Liberalen der MR und die Christdemokraten von Les Engagés die meisten Stimmen erhalten, während in Flandern die Sozialdemokraten von Vooruit und die Kommunisten der PVDA erheblich zulegten.
Nach diesen Wahlergebnissen haben belgische Politikwissenschaftler*innen die ideologische Positionierung der Wähler*innen auf der Links-Rechts-Skala untersucht. Ihrer Analyse zufolge liegen die politischen Präferenzen französischsprachiger und flämischer Wählerinnen und Wähler gar nicht so weit auseinander. Bei der Links-Rechts-Positionierung liegen sie sogar eng beieinander.
Die gleichen Sorgen
Nach der Analyse der Wahlergebnisse in den französischsprachigen und flämischen Landesteilen kamen die Politikwissenschaftler*innen zum folgenden Schluss:
Die meisten Wähler*innen in Belgien wollen, dass die Regierung in die Wirtschaft eingreift.
Sie streben auch danach, dass Migranten die europäische Kultur übernehmen.
Was die Staatsreform betrifft, bevorzugen die flämischen Wähler die Beibehaltung des Status quo, während die wallonischen Wähler eine starke Bundesregierung etwas stärker befürworten.
„Was die Meinungen zu staatlichen Eingriffen in die Wirtschaft angeht, beobachten wir in Flandern einen sehr leichten Rechtsruck, nicht aber in der Wallonie. Was die allgemeine Links-Rechts-Positionierung und die Meinungen zur Integration von Einwanderern betrifft, bleiben die Durchschnittswerte in den beiden Regionen zwischen 2019 und 2024 stabil.”
Verschiebungen innerhalb des Parteienspektrums
Was Politikwissenschaftlern jedoch auffällt, sind die Verschiebungen innerhalb der Wählergruppen der verschiedenen politischen Parteien. Innerhalb derselben Partei können sich Wähler plötzlich mehr nach rechts bewegen, während andere sich mehr nach links wenden. „Es könnte sein, dass die Wähler dieser Parteien ihre Meinung geändert haben, aber es ist auch wahrscheinlich, dass sich die Zusammensetzung der Wählergruppe geändert hat“, schlussfolgern die an dieser Untersuchung beteiligten Universitäten.
