Zum Hauptinhalt springen

Eine Wasserbombe könnte auch Gebiete in Flandern überschwemmen: "Keine Frage, ob es passiert, sondern wann"

Wenn es in Flandern so viel regnen würde wie in Osteuropa in den vergangenen Wochen, würden ganze Wohngebiete in Städten und Gemeinden wie Denderleeuw, Dendermonde oder Deinze in Flämisch-Brabant überflutet werden. Szenen wie in Polen oder der Tschechischen Republik könnten sich dann auch hier oder auch in anderen flämischen Gegenden abspielen. Davor warnt der Hydrologe Patrick Willems von der Universität Löwen (KU Leuven) mit einer Art Weckruf.

Vincent Merckx Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Zudem erhöht der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit solcher Wasserbomben. Der Hydrologe Patrick Willems von der Universität Löwen (KU Leuven) warnt, dass der Klimawandel schneller voranschreitet, als wir uns an die Risiken anpassen. Ostrava, Litovel und Klodzo: Das sind nur drei Städte in Polen und der Tschechischen Republik, die überschwemmt wurden. Der Wirbelsturm Boris hielt sich außergewöhnlich lange, setzte Flüsse unter Wasser und ließ Dämme brechen.

Eine solche Wasserbombe hat Belgien bereits 2021 erlebt, wenngleich sie nicht so lange dauerte und nicht so weitreichend war. VRT-Wetter-Redakteur Bram Verbruggen wies darauf hin, dass ein Tiefdruckgebiet über unserem Land weniger lange blockiert bleiben würde, als das in Ost- und Mitteleuropa der Fall ist. Die Wahrscheinlichkeit solcher Wetterextreme nimmt jedoch aufgrund des Klimawandels zu, auch in unserer Region.

Die Gefahr einer Wasserbombe würde Flandern empfindlich treffen

Auch bei uns laufen mehrere Flüsse Gefahr, das Wasser nicht mehr schlucken zu können, wenn hier so enorme Regenmengen fallen, wie durch Tief Boris. Die hiesigen Wissenschaftler und Forscher wissen sogar genau, wo das gefährlich werden kann.

Im Hinblick auf den Klimawandel hat die Europäische Union bereits 2007 eine Hochwasserrichtlinie erlassen. Diese verpflichtet die Mitgliedsstaaten, Karten zu erstellen, wo Überschwemmungen drohen. Für Flandern wurden diese Karten unter der Schirmherrschaft der flämischen Umweltagentur erstellt. Sie sind öffentlich zugänglich und zeigen deutlich die Problemgebiete auf.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Diese Karten zeigen, welche Gebiete überschwemmt werden könnten, wenn die Flüsse durch eine Wasserbombe unter Druck geraten würden. Hydrologen und Klimatologen haben dies sowohl für das heutige Klima als auch für das Klima, das die meisten Modelle für das Jahr 2050 vorhersagen, berechnet. Es gibt drei Risikostufen: hoch (für Niederschläge, die einmal in 10 Jahren auftreten), mittel (100 Jahre) und niedrig (1.000 Jahre).

Der Zyklon Boris lag zwischen einem 100- und einem 1.000-jährigen Wetterereignis. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses eintritt, war also eigentlich gering, passierte aber trotzdem.

Stark gefährdete Städte am Ufer der Dender

Das Tal der Dender kommt einem sofort in den Sinn. Ganze Wohngebiete im Süden von Dendermonde und im Osten von Denderleeuw könnten bei einer Flut, die alle 10 Jahre auftritt, bis 2050 sogar überschwemmt werden. Auch Ninove ist gefährdet. Diese Städte sind schon jetzt überschwemmungsgefährdet, aber das Risiko wird in den kommenden Jahrzehnten noch steigen. Die Dender ist ein Fluss in im Einzugsgebiet der Schelde. Obwohl der Fluss durch drei Provinzen fließt - Hennegau, Ostflandern und Flämisch-Brabant - wird nur der ostflämische Abschnitt Dendertal genannt.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Juni 2021: Hochwasserschäden in Pepinster am Ufer der Weser

„Das Dendertal hat steil abfallende Hänge“, erklärt der Hydrologe Patrick Willems (KU Leuven). Er hat an den Karten mitgearbeitet. „Das Wasser fließt dort schnell ins Tal und wird zudem durch Deiche sehr eng begrenzt. Außerdem haben die Menschen an einigen Stellen direkt an diesen Deiche gebaut“. Die Redaktion der VRT-Magazins „Pano“ stellte noch im März fest, dass in diesen Überschwemmungsgebieten immer noch gebaut wird.

Weitere Flüsse bilden Risiken

Mehrere Flüsse in Flandern, darunter die besonders gefährdete Dender, hätten im Falle einer Wasserbombe Schwierigkeiten damit, so viel Wasser zu schlucken wie Ost- und Mitteleuropa in diesen Wochen. Das liegt daran, dass Flandern dicht bebaut ist und dass viele Flüsse begradigt wurden. Dadurch gibt es nur wenige Stellen, an denen das Wasser über die Ufer treten kann, ohne Schaden anzurichten.

Aber auch Deinze sticht hervor. „Dort spielt die Leie eine wichtige Rolle“, erklärt Willems. „Das ist ein Fluss, der bei Regenfällen hohe Wasserstände erreichen kann. Und auch der wird von der Stadt eingeengt.“ „Und dann ist da noch die Demer in der gesamten Gegend um Diest, Aarschot (beide in Flämisch-Brabant), Halen und Herk-de-Stad (beide in der Provinz Limburg). Auch dort kann sich viel Wasser ansammeln, weil viele Wasserläufe in die Demer fließen.“

„Das Gebiet um den Genter Ringkanal ist ebenfalls stark überschwemmungsgefährdet, denn dort gibt es den Zufluss der Oberschelde und der Lys und bei Sturmfluten ist der Abfluss in die Seeschelde natürlich reduziert. Und dann ist da noch die Westhoek (der äußerste Westen in Westflandern zwischen der französischen Grenze und der Nordseeküste), wie wir gerade im letzten Winter gesehen haben. Ich könnte noch einige Dutzend weitere Gebiete aufzählen, aber das sind die wichtigsten,“ so der Hydrologe Willems.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Das Ufer der Dender ist sehr oft dicht bebaut

Drohende Überschwemmungen? Weckruf!

Macht sich Willems nach der Hochwasserkatastrophe im Osten Europas jetzt noch mehr Sorgen? „Nein. Ich war schon immer so besorgt und das habe ich auch immer gesagt. Der Klimawandel schreitet erwartungsgemäß voran. Wir sollten nicht zu lange mit dem Handeln warten. Es werden Dinge getan wie der Blue Deal (der Mehrjahresplan, mit dem die flämische Landesregierung dem Wasser mehr Raum geben will), aber es geht nicht schnell genug. Der Klimawandel vollzieht sich schneller, als wir Maßnahmen ergreifen können.“

„Die Frage ist auch nicht, ob wir ein solches Unwetter haben werden, sondern wann. Wenn nicht im Jahr 2050, dann vielleicht im Jahr 2060“, so Willems weiter. Die Hochwasser-Risikokarten zeigen im Detail, wo die gefährdeten Zonen für jeden Fluss liegen. Willems plädiert daher dafür, jetzt mit der Arbeit zu beginnen. Dazu gehört zum Beispiel, Landschaftselemente bzw. Auen einzubauen, die das Wasser weiter flussaufwärts zurückhalten, aber auch den Flüssen wieder mehr Raum zum Mäandern zu geben.

„Letztendlich muss man zu einem unterstützten Aktionsplan kommen, bei dem sich alle anstrengen, aber auch alle davon profitieren. So dass zum Beispiel nicht nur die Landwirtschaft alles tun muss. Und dann muss man sich an die Arbeit machen. Die Umsetzung wird vielleicht 20 Jahre oder länger dauern, aber zumindest werden wir mit einem Tempo arbeiten müssen, das hoch genug ist, um die Klimarisiken zu bewältigen. Aber lasst dies ein Weckruf sein. Dies kann die Aufmerksamkeit auf das Problem lenken,“ so Willems abschließend. Die Politiker seien jetzt mit den Regierungs- und Koalitionsverhandlungen beschäftigt. Jetzt sei der Zeitpunkt gekommen, an dem die entsprechenden Budgets freigemacht werden könnten.

Veraltete Stau- und Wehrsysteme

Lesen Sie mehr über

Meistgelesen

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5