Antwerpens Bürgermeister Bart De Wever (N-VA) wiederhole bei der Gedenkfeier zum 80. Jahrestag der Befreiung seiner Stadt während des Zweiten Weltkriegs, dass man rund um den Hafen Luftabwehr stationieren sollte. Dieser Aufruf stößt sowohl auf Beifall, als auch auf Kritik, wie eine Diskussion in der VRT-Politiksendung „De Afsprak“ („Die Verabredung“) am Dienstagabend zeigte.
Michelle Haas, Verteidigungsspezialistin an der Universität Gent (UGent), ist der Ansicht, dass einer der größten Häfen Europas gesichert werden sollte. Sie erinnert in diesem Zusammenhang daran, dass andere Häfen, wie der von Hamburg und der von Rotterdam auch mit Luftabwehrsystemen gesichert würden: „Das ist kritische Infrastruktur und die muss man durch Luftabwehr schützen, so wie das früher auch war.“
Haas ist übrigens der Ansicht, dass nicht nur der Antwerpener Hafen so gesichert sein sollte, sondern auch andere kritische Infrastruktur, wie Windkraftanlagen, die Kernkraftwerke, das NATO-Hauptquartier und andere Einrichtungen: „Die belgische Verteidigung kämpft derzeit mit einigen Herausforderungen. Das sind die Luftabwehr, hybride Kriegsführung, Cyberverteidigung und die Marine. Es fordert politischen Mut, um zu beschließen, dass Luftabwehr eine Priorität ist.“
Hochrüstung? Krieg in der Ukraine?
Tom Sauer, Professor für internationale Politik an der Universität Antwerpen (UAntwerpen), ist hingegen kein Anhänger von mehr Investitionen in die Verteidigung und von mehr Luftabwehr hält er nicht wirklich viel: „Es ist nicht so, dass wir unbedingt mitmachen müssen, wenn andere Länder vorgehen. Ich finde, dass wir uns dann an einer Hochrüstung beteiligen.“ Sauer fürchtet eher Sabotageakte im Antwerpener Hafen oder an anderer kritischer Infrastruktur.
Auch die flämische Tageszeitung De Morgen behandelt in ihrer Mittwochsausgabe diese Frage nach der Forderung von Bart De Wever in Antwerpen. Hier wird daran erinnert, dass Militärkreise dies nicht erst seit gestern fordern, zumal bei der Armee in den 1990er Jahren gnadenlos eingespart wurde. Professor Alexander Mattelaer (Freie Flämische Universität Brüssel und Egmont-Institut) führt nicht zuletzt die Aktualität an: „Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie wichtig Luftabwehr auch in der modernen Kriegsführung ist.“ Jede Rakete, die ihr Ziel verfehle, erspare menschliches Leid und Zerstörung.
Was zählt zur kritischen Infrastruktur in Belgien?
Die Windkraftanlagen in der Nordsee,
Die Häfen von Antwerpen, Gent und Zeebrügge,
Die EU-Einrichtungen in Brüssel,
Die Kernkraftwerke Doel (bei Antwerpen) und Tihange (bei Lüttich),
Das NATO-Hauptquartier in Brüssel,
Das SHAPE, das Oberkommando der Alliierten Streitkräfte in Europa in Mons (Prov. Hennegau).
