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Der Pier von Blankenberge, 1895

Illustrierte Geschichte: Wie 200 Jahre Tourismus die Architektur an der belgischen Küste beeinflusst haben

Jeroen Cornillys neues Buch „Het verlangen naar zee“ ist soeben im unabhängigen Verlag Tijdsbeeld erschienen. Ein Titel, den man auf Deutsch mit „Die Sehnsucht nach dem Meer“ oder „Die Nostalgie nach dem Meer“ übersetzen kann. Anhand von Dutzenden von historischen Fotos und Plakaten, aber auch von amerikanischen und britischen Archiven, illustriert der Autor, wie zwei Jahrhunderte Tourismus an der belgischen Küste deren Architektur geformt haben, im Rhythmus von Neubauten, Abrissen und Neubauten. „Ein ungebremstes Tempo, das unserem Kulturerbe schadet“, meint Autor Cornilly.

Kristien Bonneure
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Die 67 Kilometer lange belgische Küste hat aus ästhetischer Sicht nicht gerade einen guten Ruf: ein regelrechter „Atlantikwall“ aus Wohnblocks, Beton und Glas. Wie lässt sich eine solche Architektur erklären? Warum haben mehrere Badegemeinden einen „Kursaal“? Und welche wertvollen Bauten sind mit den Umbauwellen verschwunden?

„Zweihundert Jahre Urlaub am Meer und Küstenarchitektur in Belgien“ lautet der Untertitel des neuen Buches von Jeroen Cornilly. Der Doktor der Architekturgeschichte arbeitete 20 Jahre lang als Provinzialbeamter für das Kulturerbe und ist nun im Literaturhaus in Antwerpen tätig. Das Ergebnis seiner intensiven Recherche ist ein Buch voller historischer Fotos, Postkarten, Baupläne und Werbeplakate, das die enge Verbindung zwischen Tourismus und Stadtplanung an der Küste detailliert nachzeichnet.

Der Strand und der (zweite) Kursaal von Ostende

Jeroen Cornilly gelang es auch, bisher unbekanntes Bildmaterial aufzuspüren, wie etwa Karten aus dem frühen 19. Jahrhundert, anhand derer man erfährt, wie „leer“ die belgische Küste damals war, eine „leere Leinwand“ für die Entwicklung des Tourismus. Eine Zeichnung aus der königlich-britischen Sammlung gehört ebenfalls zu den Fundstücken des Autors. Aber auch Familienfotos, die aus vergilbten Schachteln hervorgeholt wurden. „Sie zeigen die rasante Entwicklung des Bildes unserer Küste aus einer anderen Perspektive. Vor allem die Loggias (überdachte Terrassen) der auf dem Deich errichteten Villen sind gut zu erkennen“, erläuterte Cornilly.

Die Brüsseler Familie t'Serstevens-Dastot beim Urlaub in Knokke, um 1895

„Der Tourismus hat das räumliche Erscheinungsbild der Küste fast völlig neu gestaltet“. Dies geschah in Wellen. Seit dem frühen 19. Jahrhundert hat jede Generation von Touristen ihre Spuren an der Küste hinterlassen.

Jeroen Cornilly schildert den Aufschwung des Tourismus und die entscheidende Bedeutung von Zug und Straßenbahn für die Erschließung der Küste. Er zeigt auf, wer die Küste verwaltete, wem die Dünen gehörten, wer die „Entwicklung“ der Küste in der Hand hatte und wem sie zugute kam.

Die Küstenstraßenbahn in De Panne

Ein Kurort für die Reichen

Gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stiegen die Wohlhabenden aus ganz Europa in Ostende ab. Die Belle Époque sehnte sich nach schicken Hotels und einem Kursaal (ein typisches Gebäude für Kurorte mit Ballsaal, Theater- und Konzertsaal, einem Spielkasino und Gastronomieeinrichtungen) in der ‚Königin der Strände', der damals so getauften Stadt Ostende.

Viele Küstengemeinden haben am Fuße des Meeres einen gitterartigen Gebietsplan, der den Hotels und Villen entspricht, die dort errichtet wurden. In De Panne und De Haan gibt es dagegen mehr grüne Viertel mit kurvigen Straßen: eine bewusste Gestaltung nach britischem Vorbild.

Gymnastikstunde am Strand von Knokke auf der Höhe des Carlton-Hotels am Albertplatz, 1930er Jahre

Massentourismus

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Einführung des Urlaubsgeldes fanden auch weniger wohlhabende Familien den Weg ans Meer und verbrachten dort vor allem in den Ferienzentren der sozialistischen, katholischen und liberalen Krankenkassen ihren bezahlten Urlaub. Auf die Zeit der großen Hotels folgte die Zeit der Apartmenthäuser und Studios mit Meerblick.

„Der Massentourismus war ein entscheidender Moment und markierte eine radikale Veränderung im Vergleich zu rund 50 Jahren zuvor: viele hohe Gebäude, viele Abrisse und die Ankunft des Autos“, sagt Jeroen Cornilly.

Sozialistisches Ferienheim Emile Vandervelde in Oostduinkerke, 1933

„Wie lange wird die Macht der Immobilienmakler noch andauern? Wie lange wird sich die Nebelbank der Profite noch ausbreiten?“. Ein Zitat des flämischen Schriftstellers Hugo Claus, das in dem Buch „Het verlangen naar zee“ aufgegriffen wird. „Das derzeitige Bild unserer Küste verdient sicherlich keinen Schönheitspreis“, räumt Jeroen Cornilly ein, wenn man sich die zehnstöckigen Gebäude ansieht, die sich auf dem Deich drängen.

Dennoch erwartet der Autor in Zukunft eine „bessere Architektur-Qualität“. An der Bauhöhe wird sich nicht viel ändern, aber viele Apartmenthäuser aus den 1970er und 1980er Jahren entsprechen nicht mehr den heutigen Qualitätsstandards. „Das bietet Möglichkeiten, etwas Besseres zu bauen“, hofft Cornilly. Vielleicht. Für riesige Apartmenthäuser, die am Ostufer von Ostende oder im Zentrum von Heist errichtet wurden, wurden große Architekten beauftragt. „Haben sie gute Architektur geschaffen? Darüber möchte ich mich lieber nicht äußern“.

Abreißen oder schützen?

Ist von der glorreichen architektonischen Vergangenheit noch etwas übrig? An der Küste scheint vor allem das Gesetz des Abrisses zu herrschen. Manche Grundstücke wurden im Laufe eines Jahrhunderts drei- oder viermal umgestaltet, weil sich die Mode geändert hat. Viele schöne Dinge sind dabei verschwunden. Man schätzte damals keine Villen aus dem 19. Jahrhundert, modernistische Gebäude oder Ferienheime.

Jeroen Cornilly nennt dennoch einige Beispiele für den Schutz von Gebäuden und schränkt dann ein: „In den 1960er und 1970er Jahren wurden keine Studien über die Architektur der damaligen Zeit durchgeführt. In Antwerpen war zum Beispiel auch das schöne Cogels-Osylei bedroht“. Alles musste schnell gehen. „Das Tempo der Abrisse, Wiederaufbauten, Zerstörungen und Neubauten war hoch. Das ist schädlich für unser Kulturerbe“. Auch in der heutigen Zeit muss man wachsam bleiben. Das neuere Kulturerbe wird oft unterschätzt. Wie dieses Schwimmbad im brutalistischen Stil aus den 1970er Jahren (Foto) in Ostende, das kürzlich abgerissen wurde.

Das abgerissene Ostende-Schwimmbad im brutalistischen Stil

Der Campingplatz an der Küste

„Die Sehnsucht nach dem Meer“ bedeutete für Jeroen Cornilly als Kind einen Campingplatz in Bredene, wo er jeden Sommer verbrachte. „Meine Großmutter hatte dort ein Häuschen. Von Brügge aus hatte man das Gefühl, weit weg zu sein“. Später hatte er einen anderen Blick auf diese vertraute Umgebung. Die Geschichte des Campens am Meer ist auch in Jeroen Cornillys neuem Buch enthalten. Denn auch das Campen hat die Umwelt an der belgischen Küste mitgeprägt.

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