Immer mehr Beschäftigte erleben am Arbeitsplatz einen Chef oder eine Chefin, die sich toxisch verhält. Einer von 10 hat einen extrem kontrollierenden Vorgesetzten, so die Zahlen von Securex und der KU Leuven. Toxisches Verhalten führt häufiger zu Übergriffen.
9,3 Prozent der Beschäftigten erleben toxisches Verhalten durch Vorgesetzte: „Das ermutigt zu übergriffigem Verhalten“
2021 hatten noch etwa 5,5 Prozent der Beschäftigten das Gefühl, einen extrem kontrollierenden Chef zu haben. Jetzt kommt dieses Gefühl bei 9,3 Prozent der Befragten hoch.
„Wir stellen fest, dass die Unternehmen in den letzten Jahren wegen der hohen Inflation stark unter Druck standen und mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatten“, gibt Heidi Verlinden vom Personaldienstleister Securex als mögliche Erklärung an: „Die Unternehmensleitung setzt sehr hohe Ziele, die sich nur auf die Ergebnisse und nicht auf das Wohlbefinden der Mitarbeiter konzentrieren.“
Aufgrund der hohen Zielvorgaben neigen Manager eher dazu, den Druck, den sie empfinden, auf ihr Team zu übertragen. „Die Umfrage zeigt, dass es oft eine Kombination ist. Wenn man das Gefühl hat, dass man alles für seinen Vorgesetzten tun muss, ist das an sich nicht weiter verwunderlich, aber wenn man das Gefühl hat, dass man bestraft wird, sobald die Dinge nicht ganz so laufen, wie es sich der Vorgesetzte vorgestellt hat, wird es noch problematischer.“
Auffällig: Arbeiter eher betroffen als Angestellte
Auffallend an diesen Zahlen ist, dass Arbeiter eher sagen, dass sie einen toxischen Chef haben als Angestellte. Laut Securex bietet das Homeoffice wohl einen Puffer gegen toxisches Verhalten. Wer von zu Hause aus arbeiten darf, berichtet seltener über toxisches Führungsverhalten im Betrieb.
Grenzüberschreitendes Verhalten wird eher toleriert
Toxisches Führungsverhalten kann dazu führen, dass Beschäftigte schneller einen Nervenzusammenbruch bekommen, wie frühere Untersuchungen gezeigt haben. Die Studie von Securex und der KU Leuven fügt hinzu, dass sich Beschäftigte unter einem toxischen Chef eher als Opfer von grenzüberschreitendem Verhalten am Arbeitsplatz fühlen.
43,5 Prozent der Beschäftigten, die sagen, dass sie einen übermäßig kontrollierenden Chef haben, fühlten sich durch grenzüberschreitendes Verhalten schikaniert. Dabei handelte es sich hauptsächlich um verbale oder körperliche Aggression, Diskriminierung oder Belästigung am Arbeitsplatz.
Nicht nur der Vorgesetzte wurde als Täter oder Täterin identifiziert (26,1 Prozent), sondern auch Kolleginnen, Kollegen und Außenstehende waren für 17,4 Prozent der Beschäftigten die Ursache für grenzüberschreitendes Verhalten.
Passive Führung verstärkt grenzüberschreitendes Verhalten
Problematisch sind nicht nur Führungskräfte, die einen toxischen Führungsstil an den Tag legen, sondern auch solche, die immer abwarten: 13,4 Prozent der Beschäftigten in Belgien haben das Gefühl, dass ihre Führungskraft sehr passiv ist.
Von diesen geben mehr als die Hälfte (53,3 Prozent) an, sich durch übergriffiges Verhalten am Arbeitsplatz schikaniert zu fühlen. In mehr als 30 Prozent der Fälle wurde die Führungskraft als Täter*in genannt, während es in 22 Prozent der Fälle Kolleginnen, Kollegen oder Außenstehende waren.
„Passive Chefs geben oft keine Verhaltensregeln vor und lassen den Dingen einfach ihren Lauf, was auch mehr Raum für grenzüberschreitendes Verhalten lässt“, erklärt Verlinden.
Autonomie fördern und Struktur geben
Wie also kann ein Chef seine Mitarbeiter am besten unterstützen? „Indem er die Autonomie unterstützt“, lautet Verlindens erster Tipp. „Indem man Mitarbeitende selbst entscheiden lässt, wie sie ihre Ziele erreichen wollen, und ihnen ausreichend Feedback gibt, sind sie motivierter und produktiver.“
Nicht alle Beschäftigten brauchen eine gute Organisationsstruktur, aber eine Struktur kann auch grenzüberschreitendes Verhalten verringern. „Durch die Aufstellung von Verhaltensregeln fühlen sich die Mitarbeitenden psychologisch sicherer und die Kolleginnen und Kollegen trauen sich auch schneller, sich zu melden, wenn sie etwas beobachten“, meint Verlinden.
