Nachdem bei den Parlamentswahlen in Frankreich am Sonntag kein Lager die absolute Mehrheit erlangt hat, ist unklar, wie es weitergehen wird. Die Zusammenarbeit wird schwierig gestalten, meint der flämische Frankreichkenner Rony Van Gastel. Das neue Linksbündnis (Nouveau front populaire) mit der extrem linken Partei von Jean-Luc Mélanchon hat die meisten Stimmen und Sitze errungen. An zweiter Stelle liegt das mitterechts Bündnis Ensemble von Präsident Emmanuel Macron. Die rechtsextreme Rassemblement National von Marine Le Pen errang nur Platz drei der Sitze in der französischen Nationalversammlung.
Nach den Parlamentswahlen im gespaltenen Frankreich droht “belgisches Szenario” mit schwieriger Regierungsbildung
Frankreichexperte Ronny Van Gastel geht davon aus, dass die Bildung einer neuen Regierung sehr lange dauern wird. Man spricht bereits von einem "belgischen Szenario" und spielt damit auf die extrem langwierigen Gespräche an, die Belgien weltweit zum Rekordmeister der Regierungsbildungsdauer gemacht hat.
Wie kam es zu diesem überraschenden Ergebnis? Jeder hatte mit einem klaren Sieg der rechtsextremen Partei Rassemblement Nationale gerechnet. Die aber landete nur auf Platz drei, abgeschlagen vom siegreichen Linkbündnis der Nouveau front populaire und dem zweiten Platz für Ensemble.
Rony Van Gastel (Foto oben) verweist auf das französische Wahlsystem, das nicht proportional funktioniert, sondern bei dem jede Partei versuchen muss, in jedem der 577 Wahlkreise die größte Partei zu werden.
Am Sonntag, beim zweiten Wahlgang, war die Wahlbeteiligung extrem hoch: Mehr als Zweidrittel der Wählerinnen und Wähler sind zu den Urnen gegangen. Vermutlich sind viele wählen gegangen, um den Sieg der Rechtsextremen zu verhindern.
In Frankreich spricht man von einer "republikanischen Front", dem französischen Pendant zum belgischen Damm (cordon sanitaire) gegen die extreme Rechte.
VRT-Frankreich-Korrespondent Steven Decraene (Foto oben) kommt zu dem Schluss, dass die französischen Wählerinnen und Wähler gestern eine doppelte Botschaft gesendet haben. Einerseits haben Zweidrittel mit ihrer Stimme eindeutig einen Damm gegen Marine Le Pens rechtsradikale Partei erhoben. Andererseits hat die Rassemblement National die Zahl ihrer Abgeordneten in der Nationalversammlung verdoppelt.
Die Linke in Frankreich darf aufatmen. Aber die französische Politik sollte die rechtsradikalen Wähler nicht vergessen, nicht ausblenden, meint Decraene; Tut sie das doch, könnten die linken Parteien Marine Le Pen den Weg für ein starkes Ergebnis bei den Präsidentschaftswahlen 2027 ebnen.
Die französischen Politiker müssen jetzt das tun, womit die Belgier viel Erfahrung haben, fügt Decraene hinzu: miteinander reden, über Parteigrenzen hinweg, um Koalitionen zu bilden. Aber das kennt man in Frankreich nicht, weil weder das französische System noch die französischen Köpfe dafür ausgelegt sind. Frankreich stehen aufregende Zeiten bevor, glaubt Decraene.
