Zum Hauptinhalt springen

Testerep oder die Geschichte einer heute verschwundenen Insel vor Ostende

Dutzende Inseln in der Nordsee sind mitsamt ihren Dörfern im Laufe der Jahrhunderte versandet oder trockengelegt worden. Eine dieser Inseln ist bis heute unvergessen und das ist Testerep. Archäologen versuchen heute, die Geschichte dieser Insel, die gerne auch als das „erste Ostende“ bezeichnet wird, nachzuvollziehen. Testerep wurde Anfang des 11. Jahrhunderts zum ersten Mal in schriftlichen Dokumenten erwähnt als das Dorf „Villa de Testerep“ und als Teil der Kirchengemeinschaft „Terepsi parrichia“. 

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Die Küstenlinie entlang der Nordsee ist auch auf belgischem Gebiet eigentlich nur eine Momentaufnahme. Natürliche Phänomene und der Eingriff des Menschen - vor allem seit dem 17. Jahrhundert - sorgen für einen ständigen Wandel. Und dies wird in den kommenden Jahrhunderten wohl kaum anders sein. Der Klimawandel und der schneller Anstieg des Meeresspiegels, der auch an der Nordsee nicht vorbeigeht, werden in Zukunft bestimmen, wie es hier aussehen wird.

Und angesichts der drohenden Gefahren wird der Eingriff des Menschen die Interaktion zwischen Natur und Zeitgeist immer deutlicher. Um in die Zukunft blicken zu können, ist es auch an der belgischen Nordseeküste nicht uninteressant, einmal in die Geschichte zurückzublicken. Hier ist das prägnanteste Beispiel wohl die Halbinsel bzw. die Landzunge Testerep.

Die Geschichte von Testerep

Im Frühmittelalter war Testerep an der Mündung der Yser durch einen natürlichen Kanal vom Land getrennt. Diese Insel wurde erst im 7. und 8. Jahrhundert besiedelt und diente vor allem der Schafzucht. Diese Landzunge gehörte dem Grafen von Flandern, der Teile davon als Lehen an die Abtei St. Pieter in Gent vergab. Das erste Zentrum von Testerep lag in Mariakerke - die älteste Kirchengemeinde der Insel. Seit dem 10. Jahrhundert wurde das sich stets verändernde Watt, das Testerep vom Festland trennte, mit Deichen gesichert.

Seit dem 12. Jahrhundert musste Testerep mit Schleusen und Deichen entwässert werden. In dieser Zeit entstanden auch die größeren Ortschaften dieser einst bedeutenden Landzunge. Die Ortsnamen Ostende, Westende und Middelkerke weisen auf die Lage der damaligen Insel bis heute hin. Doch im Laufe der Zeit wurde Testerep durch die Versandung quasi zu Festland. Zum Ende von Testerep trug u.a. der „St. Vinzenzsturm“ am 22. Juni 1394 bei, bei dem die Ortschaft Testerp größtenteils zerstört wurde. Andere Bereiche allerdings gingen in der Nordsee auf. An ihrer früheren östlichen Spitze liegt heute die mondäne Küstenmetropole Ostende.

Forschung und Wissenschaft

Archäologen der flämischen Brüsseler Universität VUB und Wissenschaftler des Flämischen Instituts für die See (VLIZ) versuchen in einem noch bis 2025 laufenden Projekt den historischen Kontext von Testerep nachzuvollziehen und nehmen dazu frühere Untersuchungen wieder unter die Lupe. Möglicherweise hat Testerep wohl einmal ausgesehen, wie heute die Wattinsel Norderney in Deutschland.

In der Römerzeit wurde auf Testerep vor allem Torf und Salz gewonnen und schon damals wurde der Wasserhaushalt der dortigen Bevölkerung durch Menschenhand geregelt. Doch schon damals stieg der Meeresspiegel und als die Römer abzogen, übernahmen die Gezeiten „das Sagen“. Im Mittelalter übernahmen Schafhirten das Gelände. 

Und danach? Und davor?

Doch ab etwa dem Jahr 1000 nach Christus drängte der Mensch die Gezeiten zurück und das Watt an der Yser-Mündung wurde mehr und mehr gepoldert und wurde zu Festland. Jetzt entstanden auch Ortschaften, wie eben Ostende. Diese Stadt musste allerdings im Laufe der Zeit umziehen, denn die Naturgewalten ließen sich die zunehmende Landnahme auf Testerep nicht einfach so gefallen, wie es scheint.

Die konkrete Wissenschaft findet für Testerep menschliche Aktivitäten erst ab etwa dem Jahr 2500 nach Christus. In dieser Zeit mag sich Testerep auch vom Festland abgetrennt haben. Vor bis zu 5000 Jahren muss der Meeresspiegel dort auf etwa der Höhe gewesen sein, wie zu Anfang des 20. Jahrhunderts, so die Wissenschaft. Und bis zur Eiszeit hätte man vom heutigen Ostende aus quasi zu Fuß zu dem begeben können, was heute die britischen Inseln sind. 

Lesen Sie mehr über

Meistgelesen

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5