Wissenschaftler der Katholischen Universität von Löwen (KU Leuven) haben entdeckt, dass die Merowinger, die rund um das 7. Jahrhundert herum in Koksijde an der heutigen belgischen Nordseeküste lebten, aus zwei verschiedenen Regionen in Europa stammten. Die entsprechenden Untersuchungen begannen 2016, als bei Bauarbeiten in Koksijde 53 Skelette entdeckt und ausgegraben wurden.
DNA-Untersuchungen an Skeletten aus der Merowinger-Zeit belegen, dass schon es im frühen Flandern vielseitige Einwanderung gab
2016 begannen die Bauarbeiten an einer neun Polizeiwache in Koksijde in der Nähe des dortigen Abteimuseums. Dabei entdeckten Bauarbeiter menschliche Knochen. Insgesamt wurden 53 Skelette entdeckt und ausgegraben, die recht schnell der Zeit der Merowinger zugeordnet werden konnten.
Anhand von DNA-Untersuchungen konnten Wissenschaftler der Uni Löwen (Flämisch-Brabant) feststellen, dass es sich dabei um die sterblichen Überreste von Menschen handelte, die nicht aus der Region stammten, sondern aus zwei verschiedenen europäischen Gegenden eingewandert waren.
Insgesamt konnten die DNA-Profile von 30 dieser Merowinger analysiert werden. Schon 2021 konnte an der KUL festgestellt werden, dass die damaligen Einwohner von Koksijde aus der Zeit von 650 bis 750 nach Christus nicht unbedingt mit einander verwandt waren.
Frühe Diversität
Die Forscher konnten zwei Herkunftsregionen von Menschen aus dem damaligen Gebiet, das heute zur Provinz Westflandern gehört, ausmachen. Der größte Teil stammte wohl aus der Nordsee-Germanischen Region und hat genetische Übereinkunft mit den Einwohnern der damaligen britischen Inseln und den heutigen Niederlanden.
Eine etwas kleinere Gruppe kam hingegen aus dem Norden Galliens. Dabei handelte es sich also quasi um Nordfranzosen aus der letzten Eisenzeit.
„Bei der großen Gruppe aus dem Nordsee-Germanischen sehen wir viele Individuen, die weitverwandt mit einander sind. Bei der Nord-Gallischen Gruppe fanden wir heraus, dass deren Knochen schon früh verschlissen waren, was darauf hinweist, dass diese hart gearbeitet hatten“, sagte Genetik-Professor Maarten Larmuseau (KU Leuven) zu der Entdeckung.
(Lesen Sie bitte unter dem Video der Ausgrabungen im Jahr 2016 weiter)
Diverse Familien ergaben sich erst später
Bei dem Skelett einer Frau fanden die Forscher heraus, dass diese mit Sicherheit eine nordgallische Mutter und einen nordseegermanischen Vater gehabt haben muss. Draus lässt sich schließen, dass sich diese zwei Gruppen untereinander vermischten, so Professor Larmuseau: „Unsere Untersuchungen ergaben, dass wir es in Koksijde nicht mit einer kleinen miteinander verschlossenen Familie zu tun haben, wie zuerst gedacht, sondern mit einer breiten Gemeinschaft mit einer Fusion von zwei Herkunftsgruppen. Das hätten wir ohne DNA nicht herausfinden können.“
Die Ergebnisse dieser spezifischen Studie zeigten auch genetische Links mit mittelalterlichen Skeletten aus dem Weiler Wulpen bei Koksijde, die aus dem späten Mittelalter stammten, wie der KUL-Genetiker noch ergänzte: „Das Resultat lässt darauf schließen, dass die genetischen Einflüsse aus dem frühen Mittelalter einen bleibenden Einfluss auf die Zusammenstellung der flämischen Bevölkerung hatten. Obschon die Merowinger-Zeit nicht wirklich in unserem kollektiven Gedächtnis sitzt, erscheint diese Periode sehr wichtig für die DNA Flanderns zu sein.“
Wer waren die Merowinger?
Die Merowinger waren das älteste Königsgeschlecht der Franken vom 5. Jahrhundert bis ins Jahr 751. Sie wurden von den Karolingern abgelöst. Nach ihnen wird die historische Epoche des Übergangs von der Spätantike zum Frühmittelalter im gallisch-germanischen Raum Merowingerzeit genannt.
Nach dem Fall des Weströmischen Reiches 476 nach Christus und der sogenannten Völkerwanderung in der Folge herrschten die merowingischen Könige drei Jahrhunderte lang über ein Gebiet, dass sich über das heutige Belgien, Niederlande, Luxemburg, Frankreich und Deutschland erstreckte. Politisch, kulturell und auf Ebene des Glaubens hatte diese Zeit enormen Einfluss auf die Geschichte Westeuropas.

