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Der Brüsseler Zentralbahnhof heute

Neues Buch: Zwei berühmte Architekten und die Eisenbahn in Belgien

Das Eisenbahnmuseum der belgischen Staatsbahn, Train World, hat gemeinsam mit einigen Architektureinrichtungen und Fachleuten ein Buch herausgebracht, dass sich mit der Arbeit der beiden Architekten Victor Horta und Henry van de Velde für die Bahn beschäftigt. „Eisenbahnen, Wege, die kreuzen“ zeigt auf, wie diese beiden Architekten im 20. Jahrhundert dabei halfen, die Eisenbahn und ihre Infrastruktur zu modernisieren. 

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren Victor Horta und Henry van de Velde zweifellos die wichtigsten Architekten in Belgien, wenn es um Art Nouveau ging. Wenig bekannt ist, dass beide auch für die belgische Eisenbahn gearbeitet haben. Vor allem Van de Velde war hier eine Zeit lang maßgebend. Victor Horta hingegen ist vor allem ein Begriff durch den Bau des Bahnhofs Brüssel-Zentral, der sich - auch durch den Zweiten Weltkrieg - mehr als 30 Jahre hinzog.

Brüssel-Zentral: Drei Entwürfe und dann ausgebootet

Victor Horta hat sich im Zuge des Baus der unterirdischen Bahnstrecke unter Brüssel hindurch zwischen den Bahnhöfen Brüssel-Nord und Brüssel Süd/Midi rund 30 Jahre lang mit dem Zentralbahnhof beschäftigt. Françoise Aubry, Kunsthistorikerin und ehemalige Konservatorin des Horta-Museums von Sint-Gillis, erzählt in ihrem Kapitel zu Horta in diesen Buch einige bisher kaum bekannte Details aus dieser Zeit.

Victor Horta sah seine Architektur immer im Brüsseler Gesamtkontext. Der Architekt des Palastes für Schöne Künste, heute als Bozar bekannt, wollte ursprünglich den Zentralbahnhof stilistisch so konzipieren, dass er zwischen dem Kunstpalast und dem Großen Markt seinen Platz hat. Doch seine ersten beiden Entwürfe wurden mehr oder weniger freundlich verworfen. Während des Ersten Weltkriegs hielt sich Horta in den USA auf und hielt dort Vorträge. Dabei durchquerte er Nordamerika mit dem Zug. Dabei mag er wohl den einen oder anderen amerikanischen Art Nouveau-Bahnhof entdeckt haben, was seinen dritten und letzten Entwurf deutlich beeinflusste.

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Der Brüsseler Zentralbahnhof nach Vorstellung von Victor Horta

Doch im Zuge des Baus, mitten im Krieg, kam es zwischen ihm und der belgischen Eisenbahn zu Differenzen, was nicht zuletzt an Hortas Detailversessenheit lag. Autorin Aubry nannte ihn „eine Nervensäge“… Victor Horta wurde von dem Projekt abgezogen und der Brüsseler Architekt Maxime Brunfaut übernimmt und rundet das Ganze ab. Als Brüssel-Zentral letztendlich 1952 eröffnet wird, fällt der Name Victor Horta nicht einmal mehr. Er selbst starb kurz danach und hat das fertige Projekt nicht mehr erlebt. Autorin Aubry wusste aber im Rahmen der Buchvorstellung zu erzählen, dass er bei der Architektenkammer eine Klage eingereicht hatte, um die alleinige Urheberschaft Brunfauts anzufechten…

Das Horta-Kapitel wird mit Fotos, Plänen und Zeichnungen illustriert, die bisher nicht öffentlich gezeigt wurden oder bekannt waren.

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Der Zentralbahnhof innen (Plan von Albert Demesmaeker)

Henry van de Velde, der vielseitige Architekt und Designer

Anne Van Loo befasste sich als promovierte Architektin und Städtebauerin mit dem Architekten und Designer Henry van de Velde und dessen Einfluss auf die belgische Eisenbahn. Van Loo gilt als absolute Van de Velde-Expertin und schrieb auch schon eine Biografie über diesen Kunst- und Kulturschaffenden.

In den 1930er Jahren stand die belgische Eisenbahn an einem Wendepunkt. Rund 100 Jahre nach dem ersten Zug auf den europäischen Festland sah die gesamte Bahninfrastruktur hierzulande noch immer wie zu den Pionierzeiten aus und dass sollte sich ändern. Henry van de Velde arbeitete hier beratend und entwerfend mit den Ingenieuren und den Architekten der Bahn zusammen und konnte so einiges in die Wege leiten - nicht zuletzt auch die Modernisierung des Fahrzeugparks der belgischen Eisenbahn.      

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Henry Van de Velde (1910)

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Belgien mehrere Bahngesellschaften, die alle ihren eigenen Fahrzeugpark hatten. Und es wurden seinerzeit zahlreiche unterschiedliche Waggons genutzt, die Deutschland nach dem Krieg Belgien als Reparationsleistung überstellte. Van de Velde hatte die Idee, diesen Fahrzeugpark zu modernisieren und zu vereinheitlichen. Mit einer neuen Generation langer Drehgestellwaggons aus Metall mit großen Fenstern und Durchgangsmöglichkeiten sollten zahlreiche Reisezugwagen aus Holz und unterschiedlicher Herkunft und Bauart ersetzt werden.

Die Reisezugwaggons vom Typ „K1“ (Foto oben) läuteten eine neue Zeit ein und mithilfe Van de Veldes wurden die ersten modernen Diesel- und Elektrotriebwagen konzipiert und in Betrieb genommen. Hier sorgte Van de Velde für das Design von außen und von innen (Sitze, Beleuchtung, Belüftung…). In Belgien waren die „K1“-Waggons lange maßgebend. Die in den 1930er-Jahren in Betrieb genommenen Waggons liefen noch bis in die 1980er-Jahre hinein (Nachhaltigkeit? Was da was?) zur Zufriedenheit aller…

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Dieser Schnelltriebwagen der SNCB wurde mit Designberatung von Henry Van de Velde entworfen

Henry van de Velde galt und gilt noch als Universalgenie, denn er entwarf so ziemlich alles, was mit Eisenbahn zu tun hatte (Bahnhöfe, Stellwerke, Eisenbahngebäude und vieles mehr - wovon allerdings heute kaum noch etwas zu finden ist) und die Ingenieure der inzwischen staatlichen Bahngesellschaft NMBS/SNCB hörten auf ihn. Man könnte ihn auch in gewisser Weise mit dem britischen Universalgenie Kingdom Isambard Brunel vergleichen, der in England die Eisenbahngesellschaft Great Western Railway maßgeblich geprägt hatte. Er baute die gesamte Bahnstrecke von London Paddington nach Bristol Tempe Meads und dem dortigen Hafen mit Fahrzeugen, Gebäuden und Infrastruktur. Ganz nebenbei entwarf er auch zwei Ozeandampfer, die die Fahrgäste seiner Züge weiter nach Amerika brachten. Auch hier gibt es eine Parallele. Van de Velde war zuvor in Ostende ebenfalls im maritimen Bereich aktiv…

Allerdings stieß auch er an Grenzen bei der Bahn. Van de Velde achtete wohl zu wenig auf Kosten und darauf, dass die Bahn als staatliches Unternehmen auch eine wirtschaftliche Funktion hatte. Zahlreiche Firmen waren hier Kunde, doch die Vorschläge des Architekten sorgten hier für Probleme. Van de Velde wurde ebenfalls ausgebootet, damit danach alle möglichen Unternehmen, darunter auch Architektur- und Designbüros, an Auftragsausschreibungen teilnehmen konnten und gewannen…

Höchst interessantes Buch und eine passende Ausstellung

Das Buch „Eisenbahnen, Wege, die sich kreuzen – Victor Horta, Henry van de Velde“, ist beim Snoek-Verlag erschienen und zwar in Niederländisch und Französisch. Zahlreiche Fachleute, professionelle und ehrenamtliche, aus Eisenbahn, Architektur und Design, sowie aus dem Bereich Städtebau waren an der Produktion beteiligt.

Neben den Autorinnen Françoise Aubry und Anne Van Loo und dem belgischen Eisenbahnmuseum Train World seien hier auch das Horta-Museum und das CIVA-Architekturmuseum in Brüssel genannt, sowie die Eisenbahnvereinigung PFT/TSP.

An diese Buchveröffentlichung schließt sich ab dem 18. September 2024 und noch bis zum 31. August 2025 die Ausstellung „Vom Entwurf bis zum Zug“ an. Hiermit beleuchtet die Train World anhand von Fotos, Plänen, Entwürfen und Zeichnungen die Arbeit von Architekten und Comiczeichnern, die sich mit der Eisenbahn beschäftig(t)en: Horta und Van de Velde natürlich, aber auch Santiago Calavatra (Lüttich-Guillemins) sowie Maler, wie Paul Delvaux und Zeichner, wie François Schuiten (seines Zeichens Kurator der Train World).

Info zum Buch: www.snoeckpublishers.be , Info zur Ausstellung: www.trainworld.be .

Train World, Bahnhof Schaarbeek, Prinses-Elisabethplein 5, 1030 Schaarbeek. 

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