Vor dem Zivilgericht von Antwerpen hat der sogenannte PFAS-Prozess gegen amerikanischen Chemiekonzern 3M begonnen. Das Verfahren wurde von der Klägergemeinschaft Darkwater3M mit etwa 1.400 Mitgliedern angestrengt. 3M verursachte am Standort Zwijndrecht bei Antwerpen jahrelang enorme Umweltschäden.
Antwerpen: Start für den PFAS-Prozess einer Bürgerbewegung gegen den Chemiekonzern 3M
Der PFAS-Prozess richtet sich nicht gegen den belgischen 3M-Standort in Zwijndrecht, sondern direkt gegen den US-Konzern selbst. Die Anwälte der Klägergemeinschaft begründen ihre Klage damit, dass dem amerikanischen Chemiekonzern seit geraumer Zeit schon bekannt sei, dass die von dem Unternehmen produzierten PFAS-Rohstoffe umweltschädlich seien. Diese Stoffe, die sich nicht in der Natur abbauen (sogenannte "ewige Stoffe") lassen, stehen auch im Verdacht, krebserregend zu sein.
Der Konzern hatte am Standort Zwijndrecht jahrelang PFAS-haltige Produktionsabfälle unsachgemäß in der Umgebung der Fabrik entsorgt, was bei den umfassenden Bauarbeiten für den Bau der Oosterweel-Verbindung - ein riesiges Verkehrsprojekt zur Entlastung der Innenstadt - heraus kam.
Nachhaltige Umweltverschmutzung
Die Umgebung des Werks war großflächig verseucht und bei zahlreichen Anwohnern wurden PFAS-Rückstände im Blut festgestellt. Bis heute ist es in und um Zwijndrecht untersagt, Obst oder Gemüse oder auch die Eier von Hühner aus dem eigenen Garten zu verzehren.
Dass sich die Klage gegen 3M direkt gegen das Mutterhaus in den USA richtet, hat auch einen juristischen Hintergrund. Den Klägern ist bewusst, dass die belgische 3M-Filiale die zu erwartenden Schadensersatzansprüche nicht alleine finanzieren kann. Darkwater3M fordert „nur“ 28 Mio. € Entschädigung, doch die von Umweltverschmutzung betroffenen Behörden (Flandern, die Gemeinden, die Provinz Antwerpen…) werden in weiteren Verfahren wesentlich mehr fordern.
PFAS - Was ist das?
Perfluoroctansulfon-Säure (Anion Perfluoroctansulfonat oder kurz PFOS) ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS). PFOS wurde im Handel als Kalium-, Lithium-, Ammonium-, Diethanolammonium- oder Tetraethylammonium-Salz angeboten.
Das Produkt wurde hauptsächlich dazu verwendet, um Materialien wie Textilien, Teppiche und Papier fett-, öl- und wasserfest zu imprägnieren (3M „Scotchgard“).
Daneben wurde es bei der Verchromung, für die Imprägnierung von Kochgeräten (z.B. Pfannen), in der Analogfotografie, in älteren Feuerlöschschäumen (AFFF), in Kosmetikprodukten und in Hydraulikflüssigkeiten für die Luft- und Raumfahrt verwendet.
Das EU-Parlament hat im Oktober 2006 beschlossen, die Verwendung von PFOS auf wenige Einsatzbereiche einzuschränken. Im Stockholmer Übereinkommen wurde 2009 entschieden, PFOS in die Konvention für eingeschränkte Stoffe aufzunehmen.
Das größte Problem mit diesem Produkt ist die Tatsache, dass es sich nicht auf natürliche Weise abbaut - was für alle PFAS-Stoffe gilt. Das bedeutet, dass sich mehr und mehr PFOS bzw. PFAS in der Umwelt und in den Wasserläufen befindet. PFAS gibt es in der Chemie in rund 6.000 verschiedenen Formen und Verbindungen.
Zur Vorgeschichte
Nach ersten Vermutungen im April explodierte die Bombe im PFOS-Skandal im Juni 2021, als bei den Oosterweel-Bauarbeiten Abraum abgegraben wurde, der hochgradig mit dem chemischen Produkt PFOS verseucht war.
Die kontaminierte Erde kam aus dem US-Chemiewerk 3M in Zwijndrecht und war dort mehr schlecht als recht abgelagert worden. PFOS ist ein Nebenprodukt, das zur PFAS-Familie gehört. Dies ist eine Bezeichnung für chemische Produkte bzw. Kunststoffe, die sich in der Natur nicht auflösen und die deshalb auch „forever chemicals“ genannt werden.
In den Wochen und Monaten danach wurde immer deutlicher, dass die Behörden und die flämische Landesregierung bereits seit etwa 2017 wussten, dass sich in Zwijndrecht hochgradig verseuchter Abraum befand, doch dazu wurde jede Kommunikation verhindert. Inzwischen wurden schon mehrmals Arbeiten an Oosterweel-Baustellen wegen PFOS unterbrochen und an einigen Stellen wurde bereits mit der Bodensanierung begonnen.
Bei Anwohnern des Werks wurden auch in weiterer Umgebung hohe und bisweilen sehr hohe PFOS-Werte im Blut festgestellt. In diesem Fall sind mehrere Klagen sowohl gegen 3M, als auch gegen die flämische Landesregierung anhängig.
Das 3M-Management wurde bereits einige Male vor den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zitiert und steht auch bei der flämischen Landesregierung schwer in der Kritik. 3M will 150 Mio. € in die Sanierung der verseuchten Böden in der Antwerpener Region stecken, doch nach Ansicht der flämischen Landesregierung könne das nur ein Anfang sein.
