"Sie wissen doch, dass Belgien dank Russland zum ersten Mal auf der Weltkarte erschienen ist", beantwortet der russische Präsident Wladimir Putin eine Frage aus dem Publikum auf einem Jugendfestival in Sotschi. Gestellt hatte sie ein belgischer Arzt des UMC Sint-Pieter in Brüssel. VRT NWS ist Putins Geschichtskenntnissen auf den Grund gegangen.
Belgien ist dank Russland auf der Weltkarte erschienen, sagt Putin: Aber stimmt das?
Dass Putin mit einer Behauptung schockieren, ist nichts Neues. So auch beim Jugendfestival in der russischen Stadt Sotschi, wo er einem belgischen Arzt vom UMC Sint-Pieter-Krankenhaus auf dessen Frage schmunzelnd entgegnet:
"Sie wissen doch sicher, dass Belgien erst dank Russland und seines Einflusses als unabhängiger Staat auf der Weltkarte erschienen ist", entgegnete Putin.
Eine Antwort, die Fragen aufwirft. Wovon redet Putin? Stimmt das überhaupt Und warum macht der russische Präsident gerade jetzt solche Aussagen?
"Um eine Antwort auf diese Fragen zu finden, müssen wir in die Zeit vor der belgischen Unabhängigkeit im Jahr 1830 eintauchen", erläutert Antoon Vrints, Professor für Geschichte an der Universität Gent.
"Nach dem Sturz von Napoleon wurde Europa auf dem Wiener Kongress 1815 neu aufgeteilt. Im Rahmen dieser Neuordnung wurden die Lage Landen dem Vereinigten Königreich der Niederlande unter König Willem I. zugeteilt.
Diese Zwangsehe wurde jedoch von einem Teil der Bewohner des späteren Belgiens abgelehnt. Die Unterschiede zwischen dem proestantischen Norden und dem katholischen Süden (mit Flandern) waren zu groß. "Unter Wilhelm I. wurden die Belgier unterdrückt und benachteiligt. Dass die niederländische Sprache anstelle der französischen treten sollte, gefiel dem französischsprachigen Teil im Süden wiederum gar nicht. Darüber hinaus beklagtensie sich über fehlende politische Autonomie."
Diese Spannungen führten zur belgischen Revolution von 1830, in der sich die Belgier gegen die Holländer auflehnten und schließlich ihre Unabhängigkeit erklärten.
Proteste unterdrüicken
Zur gleichen Zeit hatte der russische Zar Nikolaus I. ein Bündnis mit einigen anderen europäischen Großmächten geschlossen, um das Aufkommen nationalistischer Bewegungen und Unabhängigkeitsbestrebungen in Europa zu unterdrücken.
"Die wichtigsten Partner Russlands waren dabei Österreich und Preußen", weiß Vrints: "Gemeinsam bildeten sie eine konservative Kraft in Europa, die versuchte, den Status quo zu erhalten.
Als im September 1830 die belgische Revolution gegen die Niederlande begann, stand Russland eigentlich ganz auf der Seite von Wilhelm I. und plante sogar die Entsendung von Truppen zur Niederschlagung des Aufstandes."
Ein plötzlicher Aufstand in Polen macht dem russischen Zaren einen Strich durch die Rechnung. Die Polen lehnten sich im November 1830 gegen die russische Herrschaft auf und forderten mehr politische und nationale Freiheit.
Für Nikolaus I. stellte dieses Streben nach Unabhängigkeit eine größere Bedrohung dar, sodass er seine Truppen nach Polen schickt, und nicht nach Westen, um den holländischen Besatzer zu unterstützen.
Viele polnische Rebellen, die vor den Russen nach Belgien geflohen waren, schlossen sich den belgischen Unabhängigkeitskämpfern an. Schließlich hatte Russland keine andere Wahl, als Belgien auf der Londoner Konferenz von 1830 als Staat anzuerkennen. Vor allem Frankreich und das Vereinigte Königreich übernehmen bei dieser Konferenz die Führung.
Stimmt das, was Putin sagt?
"An der Aussage ist etwas Wahres dran", so Vrints abschließend. "Aber ich denke, sie war zu einfach und zu kurz formuliert. Dass sich die Russen nicht an unserer belgischen Revolution beteiligt haben, lag vor allem daran, dass der russische Zar mit dem Aufstand in Polen alle Hände voll zu tun hatte."
Die Aussage passe aber gut zu Putins imperialem Charakter, meint Vrints: "Er will ständig beweisen, dass Russland mit den Großen mitspielt, dass sein Land direkt für die Unabhängigkeit kleinerer Staaten verantwortlich ist. Außerdem sehen wir, dass er sich immer wieder auf die Geschichte und historische Argumente beruft, um sein Handeln zu rechtfertigen, so auch im Fall der Ukraine."
Dass Putin plötzlich Belgien zitiert, ist auch nicht wirklich überraschend:
- Belgien unterstützt die Ukraine.
- Die EU-Kommission erwägt, die Zinsen auf russische Kredite, die nach der Invasion in der Ukraine eingefroren wurden, für den Kauf von militärischer Ausrüstung für die Ukraine zu verwenden.
- Rund 190 Milliarden Euro dieser russischen Vermögenswerte sind bei der belgischen Firma Euroclear blockiert. Bereits jetzt sind mehr als 100 Gerichtsverfahren gegen das Unternehmen anhängig, meist von Russen, die Zugang zu ihrem Geld haben wollen.
- Ganz zu schweigen davon, dass sich das Hauptquartier der NATO, des Militärbündnisses, das auch Waffen an die Ukraine liefert, in Brüssel befindet.
Das alles zusammen macht Belgien zu einem Dorn im Auge des russischen Präsidenten.
