Das an der belgischen Nordseeküste mitunter ein anderes Wetter herrscht als im Inland ist hinlänglich bekannt. Doch auch an der Küste selbst kann das Wetter an einem Tag seit unterschiedlich sein. Das ist vor allem in Herbst und Winter möglich, wie ein Beitrag des maritimen Fachblatts des Flämischen Instituts für die See (VLIZ), „De Grote Rede“, erklärt.
"Der Schatten von England" oder: Warum regnet es in Knokke, während in De Panne die Sonne scheint?
Es kann vorkommen, dass es in Knokke am Naturschutzpark Het Zwin zu Regen oder zu winterlichen Niederschlägen kommt, während in De Panne die Sonne scheint und es dort trocken bleibt. Das mag verwunderlich sein, ist aber kein Zufall und dieses Phänomen lässt sich erklären. Es ist sogar typisch für die belgische Küste, wie Meteorologen und andere Wetterbeobachter wissen. Der Grund dafür ist „der Schatten von England“…
Wenn in Herbst und Winter eine kalte polare Luftmasse in Richtung von Westeuropa herüberkommt, dann entsteht über dem nördlichen Atlantik und über der Nordsee nicht selten heftige Regenschauern. Der große Kontrast zwischen dem relativ warmen Meerwasser und der kalten Luft bringt eine starke Konvektion, also eine Umluft in Gang. Die warme und feuchte Seeluft steigt auf in die kalte Luftmasse darüber und löst sich darin auf.
Das wiederum sorgt dafür, dass der Wasserdampf kondensiert und auf diese Weise entstehen nicht selten starke Böen mit heftigem Regen, Unwetter und Hagel. An Land sind die Tempertaturunterschiede zwischen Boden und der Atmosphäre geringer. Dadurch entsteht seltener eine Konvektion und es gibt eben kein schlechtes Wetter.
Was hat das mit Knokke und De Panne zu tun?
Kalte polare Luftmassen erreichen unsere Küste oft mit einem nordwestlichen Wind, der sich hinter atlantischen Tiefdruckgebieten verbirgt. Die Unwetter, die über dem Meer entstehen, ziehen mit diesem Wind auf den Westen des europäischen Kontinents, wo sie erst einige Dutzend Kilometer landeinwärts absterben. Vor allem die Küsten von Holland, Zeeland und Westflandern bekommen dann die volle Portion ab. Doch das betrifft nicht die gesamte westflämische bzw. belgische Nordseeküste, denn hier liegen teilweise die britischen Inseln im Wege, wie „De Grote Rede“-Autor Gerit Coone dazu schreibt.
Die Böen, die auf unser Land treffen, ziehen zuerst über Schottland, doch das dortige Hochland zwingt die Seeluft dazu, zu steigen, wodurch sich diese nicht selten über den Highlands ausregnen oder ausschneien. Einmal die schottischen Berge überquert, sinkt die Luft wieder und der Regen stirbt ab.
Hinzu kommt noch, dass es in Herbst und Winter über der Landmasse Englands etwas kälter als über der Nordsee ist. Dort bilden sich also keine neuen Unwetter mehr in der polaren Luft. Das Resultat ist eine deutliche Trennlinie zwischen den Gebieten mit Unwetter, die mit dem Nordwestwind via Nordsee nach Westeuropa kommen, und den Regionen mit Aufklärungen. Und diese Trennlinie verläuft nicht selten über der belgischen Küste mit Regen im Osten und trockenem Wetter an der Westküste.
Der KMI-Wetteratlas
Dies macht auch der Wetteratlas des Königlichen Meteorologischen Instituts (KMI) in der Brüsseler Gemeinde Ukkel deutlich. In der Gegen des Naturparks Het Zwin bei Knokke regnet es an 145 Tagen im Jahr aber in De Panne unweit der französischen Grenze nur an 130 Tagen. Das ist ein deutlicher Unterschied auf nur 65 Kilometer Entfernung.
Dieser „Niederschlagschatten von England“, den man eigentlich besser „Schatten von Großbritannien“ nennen sollte, lässt sich auch weiter im flämischen Inland spüren. In der Westhoek und um Süden der Provinz Ostflandern werden im Winter seltener Unwetter registriert. Im Norden von West- und Ostflandern sowie in den Provinzen Antwerpen und Limburg hingegen kann es zu heftigen winterlichen Unwettern kommen.
Die Grenze zwischen diesen beiden Wettergebieten stimmt übrigens zufällig mit der Landstraße N9 überein, auch „die alte Straße“ genannt. Sie verläuft von Ostende über Brügge und Eeklo und Gent nach Aalst.
Der Schatteneffekt an der belgischen Nordseeküste kommt nur vor, wenn der Wind aus Nordwesten und Nordnordwest kommt. Bei reinen nördlichen Strömungen kommt der Wind aus Richtung Nordsee und dann bekommt auch De Panne Unwetter ab. Bei Wind aus Richtung Westnordwest hingegen liegt auch die äußerste Ostküste sicher und wohlbefindlich im „Schatten von England“.
Quelle: "De Grote Rede" (VLIZ)
