Der US-amerikanische Chemiekonzern 3M will an seinem Standort Zwijndrecht bei Antwerpen schneller aus den Produktionsprozessen aussteigen, in denen der umstrittene Stoff PFAS vorkommt. Dies teilte der Konzern in einem Schreiben an Flanderns Landesumweltministerin Zuhal Demir (N-VA) mit.
3M in Zwijndrecht beschleunigt den Abbau der Produktion von PFAS-haltigen Produktionsprozessen
PFAS-Stoffe sind Bestandteile von chemischen Produkten für den Alltagsgebrauch, doch sie gelten als gesundheits- und umweltschädigend.
Vor einigen Jahren geriet der 3M-Konzern hierzulande in die Negativschlagzeilen, als herauskam, dass es in der Umgebung des Chemiewerks in Zwijndrecht zu erheblichen Umweltbelastungen durch PFAS gekommen war. PFAS wurde danach auch im Blut von zahlreichen Anwohnern nachgewiesen.
3M versprach nach erheblichem politischen Druck und nach Strafanzeigen, bis 2025 aus der PFAS-Produktion in Zwijndrecht auszusteigen. Doch in den Scheiben an Landesumweltministerin Demir heißt es, dass bis spätestens im Sommer Schluss damit sein soll.
Bis zum Sommer sollen zudem auch alle Endprodukte, die PFAS-haltig sind, von den Geländen des 3M-Werks verschwunden sein. Im Zuge dessen fallen 98 Arbeitsplätze weg, von denen 10 bereits abgebaut sind.
PFAS - Was ist das?
Perfluoroctansulfon-Säure (Anion Perfluoroctansulfonat oder kurz PFOS) ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS). PFOS wurde im Handel als Kalium-, Lithium-, Ammonium-, Diethanolammonium- oder Tetraethylammonium-Salz angeboten.
Das Produkt wurde hauptsächlich dazu verwendet, um Materialien wie Textilien, Teppiche und Papier fett-, öl- und wasserfest zu imprägnieren (3M „Scotchgard“).
Daneben wurde es bei der Verchromung, für die Imprägnierung von Kochgeräten (z.B. Pfannen), in der Analogfotografie, in älteren Feuerlöschschäumen (AFFF), in Kosmetikprodukten und in Hydraulikflüssigkeiten für die Luft- und Raumfahrt verwendet.
Das EU-Parlament hat im Oktober 2006 beschlossen, die Verwendung von PFOS auf wenige Einsatzbereiche einzuschränken. Im Stockholmer Übereinkommen wurde 2009 entschieden, PFOS in die Konvention für eingeschränkte Stoffe aufzunehmen.
Das größte Problem mit diesem Produkt ist die Tatsache, dass es sich nicht auf natürliche Weise abbaut - was für alle PFAS-Stoffe gilt. Das bedeutet, dass sich mehr und mehr PFOS bzw. PFAS in der Umwelt und in den Wasserläufen befindet. PFAS gibt es in der Chemie in rund 6.000 verschiedenen Formen und Verbindungen.
Zur Vorgeschichte
Nach ersten Vermutungen im April explodierte die Bombe im PFOS-Skandal im Juni 2021, als bei den Oosterweel-Bauarbeiten Abraum abgegraben wurde, der hochgradig mit dem chemischen Produkt PFOS verseucht war.
Die kontaminierte Erde kam aus dem US-Chemiewerk 3M in Zwijndrecht und war dort mehr schlecht als recht abgelagert worden. PFOS ist ein Nebenprodukt, das zur PFAS-Familie gehört. Dies ist eine Bezeichnung für chemische Produkte bzw. Kunststoffe, die sich in der Natur nicht auflösen und die deshalb auch „forever chemicals“ genannt werden.
In den Wochen und Monaten danach wurde immer deutlicher, dass die Behörden und die flämische Landesregierung bereits seit etwa 2017 wussten, dass sich in Zwijndrecht hochgradig verseuchter Abraum befand, doch dazu wurde jede Kommunikation verhindert. Inzwischen wurden schon mehrmals Arbeiten an Oosterweel-Baustellen wegen PFOS unterbrochen und an einigen Stellen wurde bereits mit der Bodensanierung begonnen.
Bei Anwohnern des Werks wurden auch in weiterer Umgebung hohe und bisweilen sehr hohe PFOS-Werte im Blut festgestellt. In diesem Fall sind mehrere Klagen sowohl gegen 3M, als auch gegen die flämische Landesregierung anhängig.
Das 3M-Management wurde bereits einige Male vor den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zitiert und steht auch bei der flämischen Landesregierung schwer in der Kritik. 3M will 150 Mio. € in die Sanierung der verseuchten Böden in der Antwerpener Region stecken, doch nach Ansicht der flämischen Landesregierung könne das nur ein Anfang sein.
