Zum Hauptinhalt springen

Test eines flämischen Umweltverbandes: Alle 8 Blutproben von Politikern weisen PFAS auf

Der flämische Verband „Bund für eine bessere Umwelt“ (BBL) hat im vergangenen Sommer bei 8 Politikern aus Flandern, Brüssel und der Wallonie Blut abgenommen, mit dem Ziel, nachzuschauen, ob sich hier auch PFAS finden lässt. In der Tat: Knapp ein halbes Jahr danach liegen die Blutproben vor und in allen sind PFAS-Rückstände zu finden. „Wie erwartet ist niemand immun, ungeachtet seines Wohnorts und seines Lebensstils“, heißt es dazu beim BBL.

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Nach dem Bekanntwerden des PFAS-Skandals rund um das 3M-Chemiewerks in Zwijndrecht bei Antwerpen (siehe unten) wurde das Blut von zahlreichen Anwohnern rund um die Fabrik untersucht und bei den allermeisten Getesteten fand sich der chemische Stoff im Blut. In einigen Fällen lag der PFAS-Wert im Blut dutzende Male höher als die zulässigen Werte. Jetzt hieß es, auf die Resultate der Blut- und PFAS-Tests von 8 Politikern und Politikerinnen aus ganz Belgien zu warten, die diese dem flämische Umweltverband BBL gewährten.

Gemeldet hatten sich für diesen Test Flanderns Umweltministerin Zuhal Demir (N-VA), wohnhaft in Genk/Limburg sowie die flämischen Landtagsabgeordneten Mieke Schauvliege (Groen) aus Aalter/Ostflandern, Jos D’Haese (PVDA) aus Borgerhout in Antwerpen, Gwennie De Vroe (Open VLD) aus Kampenhout in der Provinz Antwerpen und Maxim Veys (Vooruit) aus Kortrijk in Westflandern.

Hinzu kommen noch die beiden Vorsitzenden der flämischen Grünen Groen, Jeremy Van Eeckhout aus Anzegem/Westflandern und Nadia Naji aus Brüssel sowie der Vorsitzende der kommunistischen PVDA, Raoul Hedebouw aus Lüttich in der Wallonie. 

Nur "positive" Resultate

Ein Einstich im Finger der Politikerinnen und Politiker sollte reichen, um deren Blut auf insgesamt 13 verschiedene PFAS-Stoffe zu testen. Jede der getesteten Personen wies mindestens 3 der 13 Stoffe in seinem Blut auf, wobei einige Betroffene sogar 6 dieser Produkte in sich tragen. Die höchsten Konzentrationen betrafen die Unterarten PFOS und PFOA, Chemikalien, die in Belgien seit 15 bzw. seit 13 Jahren schon verboten sind, wie es bei BBL dazu heißt: „Diese bleien also lange in unserem Körper zu zirkulieren und können damit auch für Hormonstörungen sorgen.“ Das PFAS möglicherweise krebserregend sein könnte, ist ebenfalls nicht neu.  

Der flämische Umweltverband BBL weist aber nachdrücklich darauf hin, dass die Resultate von 8 individuellen Personen noch keine Rückschlüsse in dieser Frage auf die gesamte Gesellschaft bieten und auch nicht auf die Lebensweise und die Gesundheit der hier betroffenen Politiker.

Zuletzt wurde ein PFAS-Skandal in Wallonisch-Brabant im Trinkwasser bekannt, über den die wallonischen Behörden unterrichtet waren, der aber offenbar lange unter den Teppich gekehrt werden konnte… 

PFAS - Was ist das?

Perfluoroctansulfon-Säure (Anion Perfluoroctansulfonat oder kurz PFOS) ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS). PFOS wurde im Handel als Kalium-, Lithium-, Ammonium-, Diethanolammonium- oder Tetraethylammonium-Salz angeboten.

Das Produkt wurde hauptsächlich dazu verwendet, um Materialien wie Textilien, Teppiche und Papier fett-, öl- und wasserfest zu imprägnieren (3M „Scotchgard“).

Daneben wurde es bei der Verchromung, für die Imprägnierung von Kochgeräten (z.B. Pfannen), in der Analogfotografie, in älteren Feuerlöschschäumen (AFFF), in Kosmetikprodukten und in Hydraulikflüssigkeiten für die Luft- und Raumfahrt verwendet.

Das EU-Parlament hat im Oktober 2006 beschlossen, die Verwendung von PFOS auf wenige Einsatzbereiche einzuschränken. Im Stockholmer Übereinkommen wurde 2009 entschieden, PFOS in die Konvention für eingeschränkte Stoffe aufzunehmen.

Das größte Problem mit diesem Produkt ist die Tatsache, dass es sich nicht auf natürliche Weise abbaut - was für alle PFAS-Stoffe gilt. Das bedeutet, dass sich mehr und mehr PFOS bzw. PFAS in der Umwelt und in den Wasserläufen befindet. PFAS gibt es in der Chemie in rund 6.000 verschiedenen Formen und Verbindungen.

Zur Vorgeschichte

Nach ersten Vermutungen im April explodierte die Bombe im PFOS-Skandal im Juni 2021, als bei den Oosterweel-Bauarbeiten Abraum abgegraben wurde, der hochgradig mit dem chemischen Produkt PFOS verseucht war.

Die kontaminierte Erde kam aus dem US-Chemiewerk 3M in Zwijndrecht und war dort mehr schlecht als recht abgelagert worden. PFOS ist ein Nebenprodukt, das zur PFAS-Familie gehört. Dies ist eine Bezeichnung für chemische Produkte bzw. Kunststoffe, die sich in der Natur nicht auflösen und die deshalb auch „forever chemicals“ genannt werden.

In den Wochen und Monaten danach wurde immer deutlicher, dass die Behörden und die flämische Landesregierung bereits seit etwa 2017 wussten, dass sich in Zwijndrecht hochgradig verseuchter Abraum befand, doch dazu wurde jede Kommunikation verhindert. Inzwischen wurden schon mehrmals Arbeiten an Oosterweel-Baustellen wegen PFOS unterbrochen und an einigen Stellen wurde bereits mit der Bodensanierung begonnen.

Bei Anwohnern des Werks wurden auch in weiterer Umgebung hohe und bisweilen sehr hohe PFOS-Werte im Blut festgestellt. In diesem Fall sind mehrere Klagen sowohl gegen 3M, als auch gegen die flämische Landesregierung anhängig.

Das 3M-Management wurde bereits einige Male vor den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zitiert und steht auch bei der flämischen Landesregierung schwer in der Kritik. 3M will 150 Mio. € in die Sanierung der verseuchten Böden in der Antwerpener Region stecken, doch nach Ansicht der flämischen Landesregierung könne das nur ein Anfang sein.

Lesen Sie mehr über

Meistgelesen

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5