Drei Tage nach dem kaltblütigen Mord an der Familienanwältin Claudia Van Der Stichelen bleiben viele Fragen offen. Denn trotz eines Roboterfotos und Dutzenden von Hinweisen gibt es noch immer keine Spur des Täters. Die Ermittlungen gehen auch an diesem Dienstag unvermindert weiter. In einem angrenzenden Wald sucht die Polizei nach der Tatwaffe.
Drei Tage nach dem Mord an der Familienanwältin Claudia Van Der Stichelen bleiben vor allem Fragen offen
Auf dem Bürgersteig vor der Kanzlei von Claudia Van Der Stichelen liegen Blumen. Auf der Eingangstür sind noch Blutspritzer und ein Absperrband der Polizei zu sehen. Unmissverständliche Spuren von dem Drama, das sich am Samstagmittag, kurz nach 13 Uhr, in einer ruhigen Straße im ostflämischen Sint-Lievens-Houtem abgespielt hat.
Ein noch immer unbekannter Täter hat die Anwältin in ihrem Vorgarten kaltblütig erschossen. Trotz Wiederbelebungsversuchen starb sie an Ort und Stelle. Auch der Sohn der Frau wurde angeschossen und an der Schulter getroffen. Er liegt im Krankenhaus.
Nach der Schießerei soll der Täter in Richtung Marktplatz verschwunden sein. Dort verliert sich seine Spur. Die Spurensicherung der Polizei hat den Ort abgesucht, nicht nur nach Spuren des Täters, sondern auch nach seiner Waffe. Auch diese konnte nicht gefunden werden. Am Tatort wurde eine Schreckschusspistole sichergestellt. Möglicherweise handelte es sich um eine Verteidigungswaffe, mit der der Sohn versucht hatte, sich und seine Mutter zu verteidigen.
Was weiß man über den Täter?
Über den Täter ist wenig bekannt. Die Polizei verfügt nur über ein Phantombild und die Beschreibung, die die Polizei am Sonntagabend in Umlauf brachte.
Der Mann soll zwischen 60 und 65 Jahre alt und 1,80 Meter groß sein. Er soll von normaler Statur sein, eine Glatze und kurzes graues Haar haben. Außerdem soll er flämischsprachig sein. Zur Tatzeit war er mit einem grünen oder blauen Overall oder einer Staubjacke bekleidet und trug einen grauen oder dunkelfarbigen Rucksack bei sich.
Am Montag gingen bei der Polizei etwas mehr als 30 Hinweise auf den Mann ein. All diese Hinweise werden nun geprüft, aber die belgische Polizei hofft auf weitere Hinweise. Darüber hinaus wird auch gezielt nach Kameramaterial gefragt, z. B. nach Aufnahmen von Dashcams oder Überwachungskameras. "Schauen Sie, ob jemand darauf zu sehen ist, der dem Mann auf dem Roboterfoto ähnlich sieht", bat die Polizei gestern.
In Sint-Lievens-Houtem (und Umgebung) herrscht unterdessen große Besorgnis, weil der Täter immer noch auf freiem Fuß und möglicherweise bewaffnet ist. Der Sohn wird daher im Krankenhaus überwacht, und auch die Gerichte in Dendermonde und Oudenaarde stehen unter verstärkter Beobachtung.
Was weiß man über das Motiv?
Da der Täter noch nicht bekannt ist, bleibt das Motiv vorerst im Unklaren. Der Mann scheint gut vorbereitet gewesen zu sein und mit großer Gelassenheit gehandelt zu haben. Eine Piste könnten die Akten sein, die die Familienanwältin betreute. Diese Akten werden derzeit genauestens geprüft.
Rechtsanwältin Van der Stichelen hatte sich vor allem auf das Bau- und Familienrecht spezialisiert. "Das ist natürlich mit vielen Emotionen verbunden, es geht um Kinder, um Eigentum, um Trennungen", sagt Anwaltskollegin Claudia Van de Velde gegenüber "Der Morgen". "Dies ist ein schwarzer Tag für den gesamten Anwaltsberuf." Auch die flämische Anwaltskammer reagierte "mit Entsetzen" auf den Mord: "Es ist leider nicht das erste Mal, dass Anwälte angegriffen werden, weil sie Anwälte sind. Jetzt geschieht es mit tödlichen Folgen. Diese Verwundbarkeit muss anerkannt werden, darf aber niemals akzeptiert werden".
Wer den Mann gesehen hat oder mehr weiß, wird dringend gebeten, sich mit den Ermittlern unter opsporingen@police.belgium.eu oder über die gebührenfreie Nummer 0800 30 300 in Verbindung zu setzen. Diskretion wird zugesichert, betont die Polizei.

