Seit einigen Monaten nutzt die belgische Bahngesellschaft NMBS/SNCB ein neues System für die Abfahrt von Reisezügen. Das LINDA genannte System arbeitet mit Abfahrtaufträgen, die die Zugschaffner den Lokführern per Smartwatch oder per Smartphone erteilen. Doch in einigen Fällen gab es in letzter Zeit Probleme, die die Sicherheit dieses Verfahrens in Frage stellen.
LINDA: Probleme mit dem neuen digitalen Abfahrtsystem der belgischen Eisenbahn
In letzter Zeit sind Züge abgefahren, ohne das der Schaffner dem Lokomotivführer den digitalen Abfahrtauftrag erteilte. Obschon der Lokführer auf seinem Tablet die Meldung bekam, er könne abfahren, standen noch die Türen der jeweiligen Züge offen oder der Schaffner war noch gar nicht wieder eingestiegen. Die meisten aktuell gemeldeten Vorfälle betreffen die Bahnstrecke zwischen Welkenraedt und Ostende und auch in Landen in Flämisch-Brabant kam es zu solchen Problemen.
Doch bei der belgischen Bahn will man von akuten Problemen nichts wissen. Dort heißt es, dass nur knapp unter 10 Probleme bei über 40.000 Zugfahrten gemeldet wurden. Man wolle aber eine technische Analyse der Vorgänge auf den Weg bringen. Allerdings wurde inzwischen einigen Zugschaffnern und Schaffnerinnen die Zulassung (das sogenannte „Brevet“) entzogen, bei denen es zu den oben genannten Problemen kam, wie der deutschsprachige Rundfunk in Ostbelgien, BRF, und die flämische Tageszeitung Het Nieuwsblad dazu meldeten.
Beunruhigte Zugbegleiter
Inzwischen sind die Eisenbahnergewerkschaften beunruhigt und die Zugschaffner fürchten um die Sicherheit der Fahrgäste. Und sie haben Bedenken bezüglich ihrer eigenen Rechte. Auf Papier, so ein Schaffner, sei das LINDA-System eine tolle Sache. Doch in der Praxis erweise es sich als Lebensgefährlich. Wenn ein Fahrgast auf dem Bahnsteig in einen Zug steigt, weil die Türen offen sind und dieser Zug fährt ab, ohne dass der Schaffner den Abfahrtbefehl über LINDA erteilt hat und der Fahrgast wird dabei verletzt oder kommt ums Leben, muss der Zugbegleiter vor Gericht beweisen, dass ihn keine Schuld trifft. Der Lokführer eines solchen betroffenen Zuges kann womöglich beweisen, dass ihm LINDA den Abfahrtbefehl erteilt hat, doch vielleicht kam dieser von einem anderen Schaffner im gleichen Bahnhof.
Wie sicher sind die Abfahrtsignale von LINDA über Smartwatch oder Smartphone? Dies ist eine Frage, die unbedingt geklärt werden muss. Die NMBS/SNCB will von dem LINDA-System, das rund 3 Mio. € gekostet hat, nicht mehr abweichen. Im April 2021 wurde der Test mit LINDA nach einer „potentiell lebensgefährlichen Situation“, wie die Eisenbahnergewerkschaft OVS gegenüber Het Nieuwsblad sagte, abgebrochen. Damals musste ein Schaffner die Notbremse ziehen, weil sein Zug mit offenen Türen abgefahren war, während Reisende noch zustiegen. Und er gab damals an, keinen digitalen Abfahrtauftrag gegeben zu haben…
