2022 lag der Konsum von Antidepressiva bei den 12- bis 18-Jährigen um mehr als 60 Prozent höher als 2018. Das schreibt die Tageszeitung ‚De Morgen‘ auf der Grundlage von Zahlen der Unabhängigen Krankenkassen. Bei den 19- bis 24-Jährigen stieg der Medikamentenkonsum um fast 40 Prozent. Bei den Antipsychotika lag der Anstieg bei über 30 bzw. 25 Prozent.
Hausärzte verschreiben jungen Menschen zunehmend Antidepressiva, auch wegen der Wartelisten in der Psychiatrie
Die Zahl der Hilfegesuche von Jugendlichen hat zugenommen, aber aufgrund von Wartelisten in der psychiatrischen Versorgung können nicht alle sofort beantwortet werden. Deshalb verschreiben die Hausärzte - im Vorfeld - oft schon Medikamente. "Etwas, das eigentlich nur bei schweren Beschwerden angebracht ist", findet die Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie Marina Danckaerts (KU Leuven).
"Das Problem ist nicht neu und die Zahlen sind alarmierend", sagte Gesundheitsminister Frank Vandenbroucke (Vooruit). Auch das Gesundheitsministerium hat Zahlen: "Zwischen 2017 und 2021 ist der Gebrauch von Antidepressiva bei Minderjährigen um 77 Prozent gestiegen", sagte der Minister.
Dafür gibt es mehrere Ursachen: Forscher vermuten, dass auch die Corona-Pandemie etwas damit zu tun hat. "Die psychischen Auswirkungen der Lockdowns auf junge Menschen waren groß", sagt Liesbeth Roelandt von den Unabhängigen Krankenkassen. Aber auch bei den Jugendlichen setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch: Redet darüber. Und das tun sie auch, und so nehmen die Anfragen nach Hilfe von psychologischen Fachkräften zu.
Gesundheitliche Risiken
Die Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie Marina Danckaerts (KU Leuven) betonte, dass die Einnahme von Antidepressiva nicht immer die richtige Lösung für Menschen ist, denen es nicht gut geht. "Es gibt klare Richtlinien für den Einsatz von Antidepressiva. Die Forschung zeigt, dass sie bei leichten Symptomen nicht so gut wirken."
"Psychopharmaka können notwendig sein, aber sie sind nicht ohne gesundheitliche Risiken", fügt Minister Vandenbroucke hinzu. Psychopharmaka umfassen nicht nur Antidepressiva, sondern sind ein Sammelbegriff für Beruhigungsmittel, Schlafmittel, Stimulanzien und Medikamente gegen Psychosen.
"Häufiger und falscher Gebrauch von Psychopharmaka kann die Genesung verzögern und zu Abhängigkeit führen. Außerdem können sie Nebenwirkungen wie Verwirrtheit oder Gleichgewichtsstörungen hervorrufen und viele weitere Risiken bergen."
Wartelisten
Warum also verschreiben Hausärzte trotzdem Antidepressiva, selbst in Fällen, in denen dies nicht angezeigt ist? Ein Grund sind die Wartelisten in der psychiatrischen Versorgung, sagt Liesbeth Roelandt von den Unabhängigen Krankenkassen. "Junge Menschen müssen manchmal eine Wartezeit von mehr als sechs Monaten überbrücken, und so kann es vorkommen, dass Hausärzte während dieser Wartezeit Antidepressiva im Vorfeld verschreiben."
Einerseits versteht Professor Danckaerts diese Argumentation der Hausärzte. "Er ist in der Regel die erste Person, die mit der Bitte um Hilfe konfrontiert wird. Der Hausarzt möchte helfen, sieht aber auch, dass es Wartelisten gibt", erklärt sie. Aber auf der anderen Seite hält sie es für keine gute Idee. "Im Prinzip wäre es auch dann besser, keine Antidepressiva zu verschreiben".
Danckaerts stellt fest, dass das Hilfsangebot erweitert wurde und sich die Situation allmählich verbessert. "Die psychologische Erstversorgung ist zum Beispiel viel leichter zugänglich geworden und wird zunehmend in Anspruch genommen. Kinder können zu einem sehr niedrigen Preis einen Psychologen aufsuchen. Das sollte immer der erste Schritt sein, vor allem bei leichteren Problemen".
Vermutlich werden auch deshallb mehr Medikamente verschrieben, weil die Hausärzte selbst nicht so recht wissen, wie sie sich bei der Beratung junger Menschen verhalten sollen.
Kinder sind ein Spiegel der Gesellschaft
Das Erwachsenwerden ist komplexer geworden. Junge Menschen müssen jeden Tag viel mehr Entscheidungen treffen. Sowohl bei den Bildungsangeboten gibt es viel mehr Auswahl, als auch bei den Freizeitaktivitäten, was mit Entscheidungsstress einhergeht, aber auch mit mehr Leistungsdruck. Hinzu kommt der Umgang mit den sozialen Medien und ein negativeres Zukunftsbild, wie z.B. dem Klimawandel, der die Jugendlichen ebenfalls wachrüttelt.
Wie gibt man jungen Menschen, die mit all diesen komplexen Problemen konfrontiert sind, eine hoffnungsvolle Perspektive in einer Gesellschaft, die ein so negatives Bild von der Zukunft zeichnet? Auf keinen Fall hilft die bloße Verschreibung von Antidepressiva. Jede Studie zeigt, dass Medikamente ohne Therapie keine dauerhafte Lösung bieten. Sie helfen, die Situation erträglicher zu machen, ändern aber nichts an dem zugrunde liegenden Problem.
"Sie sollten auf Erwachsene in Ihrer Umgebung zurückgreifen können", argumentiert Professorin Danckaerts. "Menschen, die einen beruhigen können und die sagen: 'Sich weniger gut zu fühlen, gehört zum Leben dazu'. Der Umgang mit schwierigen Gefühlen ist etwas, das Kinder am liebsten von ihren Eltern lernen, aber das ist nicht immer möglich, weil auch sie heutzutage mehr Unsicherheiten haben."
Erwachsene müssten den Kindern vorleben, wie man mit Unsicherheitsgefühlen umgehen könne. In Belgien nimmt jeder Zehnte Medikamente, um Depressionen zu mindern.
