Zum Hauptinhalt springen
Inland
Wirtschaft

Warum befindet sich das Viertel der Brüsseler Schaufensterprostitution hinter dem Nordbahnhof?

Prostitution hat es schon immer gegeben, überall auf der Welt, und Brüssel ist da keine Ausnahme. Welche Form der Prostitution in einer Stadt gedeiht, hängt jedoch von der Mentalität der Bevölkerung und der Behörden gegenüber Sexarbeitern ab, ist aber auch eng mit der Entwicklung der Stadtplanung verknüpft, wie man in dieser Reportage lesen kann, die Teil der Rubrik "Big City" der Brüsseler Wochenzeitung BRUZZ ist.

Veröffentlicht:
Aktualisiertupdate:

Die Brüsseler Wochenzeitung BRUZZ, die sich an niederländischsprachige (oder niederländisch lesende) Brüsseler richtet, veröffentlicht in ihrer Rubrik "Big City" jede Woche eine Antwort auf eine interessante Frage eines Lesers über die Hauptstadt.

Im Laufe der Zeit gab es verschiedene Formen der Prostitution in unterschiedlichen Stadtteilen von Brüssel. Im Mittelalter gab es rund um den Grote Markt (Grand-Place) sogenannte "stoven“ was streng genommen "Öfen" bedeutet, waren Badeanstalten, die eher Bordellen ähnelten. Damals verfügten nur sehr wenige Einwohner über ein eigenes Badezimmer. Daher gab es öffentliche Bäder, in denen man gegen Bezahlung baden konnte. Einige dieser Einrichtungen boten auch die Möglichkeit, dort zu Abend zu essen oder zu übernachten, und einige boten sogar die Dienste von so genannten "Freudenmädchen" an.

Nicht weit davon entfernt, in dem Viertel, in dem sich heute die Börse befindet, gab es im 15. Jahrhundert ebenfalls einige Bordelle. Im 17. Jahrhundert war dann im Zuge der Entwicklung Brüssels das Viertel Marollen an der Reihe, ein Zentrum der Sexarbeit zu werden. Die Soldaten der spanischen Armee gingen dort regelmäßig zu Prostitutierten. Alleinstehende Männer, die für längere Zeit von zu Hause abwesend waren, zogen aus praktischen Gründen in die Nähe dieser Freudenhäuser.

Und obwohl es heute undenkbar erscheint, waren sogar die königlichen Galerien St. Hubert (Foto) ein Treffpunkt für Freier und Prostituierte, und zwar zu Beginn des 19. Jahrhunderts.

Nordviertel

In allen soeben genannten Stadtvierteln gibt es heute keine Prostitution mehr. Das Viertel, in dem sie jedoch weiterhin existiert, ist das Nordviertel. Schon vor dem Bau des ersten Nordbahnhofs im Jahr 1841 gab es hier Bordelle. In mehreren Gasthäusern und Theatern in diesem Viertel herrschte eine eher freizügige Atmosphäre. Es wurde getanzt, gesungen und getrunken, und dazwischen wurde auch käuflicher Sex praktiziert.

Nach und nach mussten diese Bordelle jedoch dem Bau des ersten Nordbahnhofs (siehe Foto unten) weichen, der sich damals noch auf dem Rogierplatz befand. Obwohl sich das Viertel durch diesen städtebaulichen Eingriff veränderte, gab es dort weiterhin Prostitution, allerdings in einer neuen Form in den Gassen rund um den Rogierplatz.

So wie die Hafenviertel häufig Orte der Prostitution sind, so ist es auch in den Vierteln um die großen Bahnhöfe, wo viele Menschen in die Stadt ein- und ausfahren. Diese Zugangswege waren für die Prostituierten der ideale Ort, um Kunden zu werben. Später dehnte sich die Tätigkeit auch auf die angrenzenden Gemeinden Sint Joost und Schaarbeek aus.

Wie in den oben genannten Orten wurde auch im Nordviertel die Prostitution anfangs nicht offen ausgeübt. Freier konnten sich in sogenannte „Carrés“ begeben, Häuser, deren Erdgeschoss als kleiner Salon eingerichtet war. Die Prostituierten ließen die Vorhänge offen und signalisierten mit bunten Lichtern, ob Besuch willkommen war. Neben den „Carrés“ gab es auch Champagnerbars. Diese waren Tag und Nacht geöffnet und die Prostituierten empfingen dort die Kunden.

Im Schaufenster

Prostitution wird oft als "ältestes Gewerbe der Welt" bezeichnet, doch der Kampf gegen diese Tätigkeit ist es ebenso. In Brüssel waren die Gemeinderäte ständig auf der Suche nach einem Gleichgewicht zwischen dem Verbot und der Duldung der Prostitution.

In den 1960er und 1970er Jahren mussten zum Beispiel viele Champagnerbars auf Betreiben des Stadtrats von Sint-Joost-ten-Noode ihre Türen schließen. Gleichzeitig entwickelte sich in dieser Zeit die Schaufensterprostitution. Die Verwaltung wollte die Sexarbeit besser kontrollieren können und hoffte, indem sie die Schaufensterprostitution in der Aarschotstraße (Rue d'Aerschot) erlaubte, dass sich die Sexarbeit in dieser Straße zentralisieren und in anderen Stadtteilen zurückgehen würde.

Jeder, der heute abends im weiten Umkreis des Nordbahnhofs spazieren geht, weiß jedoch, dass es in mehreren Straßen von Sint Joost (Saint-Josse) noch andere Formen der Prostitution gibt, aber auch im Alhambra-Viertel in der Nähe des Flämischen Theaters, wo aktiver Straßenstrich angeboten wird.

Prostitution im Nordviertel gibt es also schon sehr lange, in verschiedenen Formen und auf verschiedenen Straßen, doch die geduldete Prostitution in Schaufenstern ist ein eher neues Phänomen. Der Begriff "geduldet" muss jedoch differenziert betrachtet werden. Die Städte und Gemeinden suchen seit Jahren nach der richtigen Regelung und Einstellung gegenüber Sexarbeitern, was deren Präsenz auf der Straße oder ihren Status und Schutz betrifft.

Seit Juni 2023, können Sexarbeiter in Belgien legal einen Arbeitsvertrag erhalten. Schon seit dem 1. Juni 2022 ist die Prostitution in Belgien offiziell entkriminalisiert. Die Zuhälterei bleibt jedoch weiterhin verboten. Wenn eine Person Sexarbeiter/Innen außerhalb des gesetzlichen Rahmens beschäftigt, kann sie weiterhin strafrechtlich verfolgt werden.

Meistgelesen

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5