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Was hat Brüssel mit dem Chicorée zu tun? Ist das wirklich eine Brüsseler Pflanze?

Die Brüsseler Nachrichtenplattform BRUZZ beantwortet in ihrer aktuellen Sommerreihe „Big City“ mögliche Fragen zur Geschichte der Stadt und der Region. Jetzt widmete sich die Redaktion der Frage, wie „brüsselisch“ Chicorée ist. In mehreren Sprachen wird diese Pflanze mit der belgischen Hauptstadt in Verbindung gebracht: „Endives de Bruxelles“, „Brussels chicory“, „Brüsseler Chicorée“… 

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Für die einen ist Chicorée eine Delikatesse, für die anderen - vor allem für Kinder - ist dieses Gemüse zu bitter, um Begeisterung auszulösen. Und in Brüssel gilt es als typisches Regionalprodukt, z.B. in Schinken gerollt und in Béchamelsauce mit Käse überbacken - besser bekannt als „chicon gratin“. Doch was hat diese Gemüsepflanze eigentlich geschichtlich mit Brüssel zu schaffen?

Viele Mythen und Geschichten machen dazu die Runde, z.B. die eines Bauern aus dem nahegelegenen Kortenberg im heutigen Flämisch-Brabant, der seine Chicoréewurzeln vor den niederländischen Feinden im Keller versteckte und danach die typische weißen Sprossen und Triebe vorfand.

Wahrscheinlicher ist aber eher die Geschichte von Franciscus Breziers, dem Gärtner der Anlagen, die sich an der Stelle des heutigen Botanischen Gartens in Brüssel (heute ein Kulturzentrum mit schönem Park) befanden. Er baute dort, um den Wiederaufbau der Anlagen nach der belgischen Revolution zu finanzieren, Obst und Gemüse für den Verkauf an. 

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Kapuzinerbart und Zichorien

Breziers nutzte die Champignonkeller des Botanischen Gartens dazu, um Kapuzinerbart anzupflanzen, die Urform dessen, was wir als Chicorée heute kennen. Etwa 1835 kreuzte er diesen Kapuzinerbart mit den Zichorien, die damals als Kaffeeersatz genutzt wurden, doch es sollte noch rund 25 Jahre dauern, bis daraus der Chicorée wurde, den wir heute so schätzen (oder nicht mögen, je nach Alter).

Nicht viel später nach der gelungenen Kreuzung begann die kommerzielle Chicoréezucht und zwar zunächst in Schaarbeek und in Evere, danach aber auch am östlichen und nördlichen Rand von Brüssel. Überall dort fand man im Winter Wellblechhügel, unter denen mit Wärmegeräten, so genannten „Thermosiffons“, das Chicorée-Wachstum quasi forciert wurde. Bis etwa am Anfang des Ersten Weltkriegs mussten die Anbauflächen der Verstädterung Brüssels weichen und so mussten die Züchter in die Umgebung ausweichen.

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Exportprodukt

Inzwischen konnte Cicorée in großen Mengen mit dem Zug aus den Dörfern in die kommerziellen Zentren Brüssels transportiert werden und das Städtedreieck Brüssel – Löwen in Flämisch-Brabant – Mechelen in der Provinz Antwerpen wurde zum Epizentrum der Chicorée-Zucht, aus dem bald ganz Europa versorgt wurde.

Ab etwa 1890 fuhren Kolonnen mit den ersten Lastwagen voller Chicorée zu den Pariser Markthallen und vom Bahnhof Haren aus (wo später der inzwischen auch nicht mehr existierende Güterbahnhof von Schaarbeek entstand) fuhren Chicorée-Sonderzüge in Richtung Frankreich, Niederlande, Deutschland und Schweiz. Erste Flugzeuge nahmen Chicorée-Wurzeln mit nach Amerika und per Dampfschiff wurden auch die britischen Inseln versorgt. 

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Der letzte "echte" Brüsseler Züchter starb 2018

Seltsamerweise kommt der Brüsseler Bodenchicorée, inzwischen ein regional geschütztes EU-Produkt, schon seit einiger Zeit nicht mehr wirklich aus Brüssel, wo der letzte „echte“ Züchter leider 2018 verstarb. Die Benennung als „Brüsseler Chicorée“ verweist denn auch nicht mehr auf die belgische und europäische Hauptstadt Brüssel, sondern auf die typische Anbauweise: Nicht in Wasser, sondern in voller Erde und unter einer Decklage.

Aber, in der Provinz Flämisch-Brabant, in direkter Nachbarschaft zur Brüsseler Hauptstadt-Region, gibt es noch einige Züchter, die den echten Bodenchicorée anpflanzen. Dieser ist für „chicon gratin“ unentbehrlich… Guten Appetit!  

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