Das wunderbare Huis van Alijn in Gent, das Museum des täglichen Lebens, widmet den 1990er Jahren eine Ausstellung, die sich mit dem Leben und den Trends dieses Jahrzehnts befasst. „Das ist die allerletzte analoge Periode, das Ende der Zeit, in der wir noch wirklich unerreichbar waren“, sagt Ausstellungskurator Sam De Schutter dazu…
Das Ende des analogen Zeitalters: Ausstellung in Gent widmet sich den 90er Jahren
Die 1990er Jahre waren vielleicht für jene Zeitgenossen, die heute zwischen 30 und 50 Jahre alt sind, bestimmend. Für die Generationen davor und danach mögen sie vielleicht Nostalgie hervorrufen. Und genau darauf zielt die Ausstellung im Huis van Alijn im historischen Genter Stadtzentrum auch ab.
Eher mit einem Lächeln als mit Wehmut schauen wir auf dieses Jahrzehnt der 1990er Jahre zurück und darauf, was die Jugend so alles auch auf kommerzieller Ebene so alles mit sich machen ließ: Flippos in Chipstüten, Tamagotchis, Furbys und anderes mehr sind in der Ausstellung zu sehen und auch so mancher Modetrend, der heute eher Kopfschütteln verursacht, wird noch einmal hervorgeholt.
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In diesem Jahrzehnt hatte die freie Marktwirtschaft freien Lauf und die Kommerzialisierung vieler Bereiche lässt ihre Spuren bis heute nach. An Umweltschutz dachte man eigentlich kaum, so erscheint es einem heute, denn an Wegwerfartikeln mangelte es seinerzeit nicht unbedingt. Das fällt einem spätestens dann auf, wenn man in der Ausstellung Wegwerfkameras sieht… Und doch erinnert die 90er-Ausstellung auch an das Aufkommen von militanten Umweltschutzorganisationen, wie z.B. Greenpeace.
Auf der anderen Seite ebnete man damals auch den Weg in die Jetztzeit, denn die ersten Computer tauchten auf und die Mobiltelefone - damals noch riesige Dinger - wurden seit dem kleiner und kleiner.
Die Ausstellung lässt noch einmal zahlreiche seinerzeit völlig normale Gebrauchsgegenstände sehen, die man längst vergessen wähnte, wie z.B. Disketten und die sogenannten „Floppy-Discs“, Telefonkarten, VHS-Video- und Musikkassetten, Ghettoblaster, die ersten Mikrowellenherde… Eigentlich ist alles das, was man an technischen Errungenschaften aus dieser Zeit noch kennt, heute im Handy zusammengefasst.
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Und sie erinnert an „alte Helden“, z.B. an den belgischen Astronauten Dirk Frimout, der bis heute verehrt wird. Den Autoren dieser Zeilen berührte der Bereich Musik mit Wänden voller Plattencovern aus den 1990er Jahren und eine Plakatwand mit den Programmen des Pukkelpop-Festivals in Hasselt in diesen Jahren, wo er einige Male zu Gast war…
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In den 1990er Jahren hatte auch das private Fernsehen den Durchbruch. Im belgischen Bundesland Flandern waren das damals die ersten Sendungen und Programme bei VTM und bei VT4. Hier wurden auch für unsere Breitengrade amerikanische Serien, wie „Friends“ oder „The Simpsons“ bekannt gemacht.
Auch die Radiosender wurden populärer mit der Hitparadenmusik aus dieser Zeit. Unser Haus, der öffentlich-rechtliche flämische Rundfunk VRT, wartete damals mit Radio Donna auf. Auch hier liefen Castingbands, wie die Spice Girls oder die Backstreet Boys rauf und runter. Und, wie die Ausstellung ebenfalls zeigt, die 90er waren in Belgien die Zeit der Megadiskotheken, wie z.B. das Zillion, das La Rocca oder das Boccaccio.
Und die damalige Popkultur hatte ihre Einflüsse auch auf die Mode… Die Ausstellung im Huis van Alijn in Gent zeigt einige der Motivpullover, „Ballonjacken“ und -T-Shirts von damals und dem Autoren dieser Zeilen scheint, als ob solche oder andere Kleidungsstücke längst wieder den Einzug in die aktuellen Modetrends halten würden…
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Doch gerade in Belgien waren die 1990er Jahre auch ein traumatisches Jahrzehnt. Der Tod von König Baudouin 1993 ließ eine ganze Nation trauern. Und drei Jahre später sorgten die grausamen Kinderschändungen von Marc Dutroux und seinen Handlangern für ein regelrechtes nationales Trauma. Die Ausstellung erinnert auch an den sogenannten „Weißen Marsch“, der am 20. Oktober 1996 rund 300.000 Menschen in Brüssel zusammenbrachte, die damals für Reformen bei Polizei und Justiz demonstrierten. Auch dies sorgt bis heute für Nachwirkungen und vieles davon ist bis heute auch noch nicht verarbeitet…
Einiges, was eigentlich in weiter Ferne war, kommt hier wieder zum Vorschein, z.B. die Schließung des Renault-Werks in Vilvoorde bei Brüssel mit zahllosen Arbeitslosen als Folge und neuen Gesetzen zum Arbeitsrecht, die danach erlassen wurden, um so etwas zu verhindern. International werden die Befreiung Nelson Mandelas und das Ende der Apartheid in Südafrika, der Tod von Lady Di, die Massenmorde von Srebrenica im Jugoslawienkrieg und andere politische und gesellschaftliche Geschichten noch einmal hervorgerufen.
Die Ausstellung lohnt einen Besuch. Wer in den kommenden Monaten einmal die Stadt Gent besucht, sollte sich die Zeit nehmen, diese Ausstellung und auch die Sammlung dieses Museums des täglichen Lebens einmal anschauen. Nach dem Besuch kann man auch im idyllischen Innenhof der Einrichtung Kaffee oder ein gutes belgisches Bier trinken.
„90’s“ läuft noch bis zum 21. April 2024 im Huis van Alijn, Kraanlei 65, 9000 Gent. Info: https://huisvanalijn.be/
