Zum Hauptinhalt springen
Alfred Machin und "Saïda"

Ist die belgische Filmindustrie wirklich im Brüsseler Stadtviertel Molenbeek entstanden?

Ein Leopard, der Manneken Pis entführt? Diese Geschichte stammt aus einem sehr früh in Brüssel gedrehten Kinofilm. Doch was hat das mit dem Stadtteil Molenbeek zu tun? Viel. Sehr viel. Hier, in der Umgebung von Schloss Karreveld, lag einst die Keimzelle des belgischen Films, wie der Beitragsreihe „Big City“ der Brüsseler Nachrichtenplattform BRUZZ zu entnehmen ist, in der an besondere Ereignisse in der Geschichte der belgischen Hauptstadt erinnert wird. 

Andreas Kockartz
Veröffentlicht:

Das Schloss Karreveld und der Schlosspark mit seinem Weiher in Molenbeek sind heute eine Art Naherholungsgebiet, in dem allerlei kulturelles und unterhaltendes, wie Konzerte, Ausstellungen, Theateraufführungen und vieles mehr geboten wird. Nichts erinnert heute mehr daran, dass diese Location auch schon zu früheren Zeiten kulturelle Bedeutung hatte. Hier entstanden nämlich vor dem Ersten Weltkrieg mit die ersten belgischen Filme. Zu verdanken hat Molenbeek dies dem französischen Cineasten Alfred Machin bzw. dem französischen Filmunternehmen Pathé Frères.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

1908 wurde in Molenbeek das erste Kino eröffnet, das „Kinox“. Gleichzeitig richtete Pathé Frères hier auch seine belgische Filiale „Pathé de Belge - Cinéma“ ein, ein Unternehmen, das in erster Linie Filme des französische Produzenten in Belgien und in den Niederlanden vertreiben sollte.

Doch dabei blieb es nicht, denn Pathé wollte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in so vielen Ländern wie möglich Produktionshäuser eröffnen, von wo aus auch lokale Filme gemacht werden sollten. In Belgien übernahm das der französische Regisseur Alfred Machin, der ab 1912 eine Art Pionierrolle für das belgische Kino bzw. den hiesigen Film einnahm. 

Karreveld und die wilden Tiere

Machin fand in nächster Nähe des Schlosses, zu dem auch ein Bauernhof gehörte, und unweit des Velodroms einen großen Hangar, den er zum Filmstudio umbauen ließ. Einige Gebäude, die zum Velodrom gehörten, nutzte Machin als Lokale für die Schauspieler und als Atelier. Er selbst wurde künstlerischer Direktor der Einrichtung und begann sofort damit, mit einer kleinen Mannschaft Filme zu drehen.

In den meisten der hier rund 20 entstandenen Filme kamen wilde Tiere vor, die er selbst von Reisen aus Afrika mitbrachte. Eine Hauptrolle übernahm z.B. ein Jagdleopard im 1913 gedrehten Streifen „Saïda a enlevé Manneken Pis“, zu Deutsch „Saïda hat Manneken Pis entführt“ (Szenenfoto oben).   

Auch andere wilde Tiere, wie z.B. Affen oder Kamele, kamen in seinen Filmen, die in Molenbeek gedreht wurden, vor. Dazu errichtete er in der Nähe von Schloss Karreveld Käfige und Gehege. 

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Brüsseler Dialekt und der Erste Weltkrieg

Alfred Machin wohnte all die Jahre, in denen er in Brüssel tätig war, am Gentse Steenweg, wo er offenbar ein hohes Ansehen genießen konnte. Überhaupt war er in Brüssel sehr beliebt, denn er ließ speziell für die belgische Hauptstadt Filmkopien mit Untertiteln im Brüsseler Dialekt anfertigen. Und nicht selten traten Brüsseler auch als Statisten in seinen Streifen auf.

Filme drehen war am Anfang der Film- und Kinokultur in Belgien Sache von Hobbyfilmern. Doch Machin veränderte die Filmlandschaft durch seine professionell produzierten Streifen und seine Komödien und Sozialdramen. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 kam der Film „Vervloekt zij den oorlog“ heraus, zu Deutsch „Verflucht sei der Krieg“.

Dieser Film erzählt die Geschichte von zwei fiktiven und verfeindeten Nachbarländern. In diesem Streifen kamen bereits Kriegsflugzeuge vor, die es in diesem Sinne damals noch nicht gab. Der Film erwies sich als prophetisch, denn nur wenige Wochen, nachdem er in die Kinos kam, brach der „Große Krieg“ aus. Machin ging zurück nach Frankreich und kam nicht wieder nach Brüssel zurück.

(Lesen Sie bitte unter dem Foto weiter)

Die Studios machten weiter

Nach dem Krieg wurden die Pathé-Filmstudios von Alfred Machin weiterbetrieben und zwar von André Jacquemin, vor 1914 die rechte Hand des Franzosen. Er drehte dort mit seinem Partner Paul Flon bis etwa 1920 weiter Filme. Was danach mit den Studios geschah, ist kaum bekannt. Etwa 2 Jahre später zog das Epizentrum des belgischen Films nach Machelen bei Vilvoorde in Flämisch-Brabant um, wo heute mehrere flämische Produktions- und Medienfirmen zuhause sind.

Karreveld ist heute ein Naherholungsgebiet und zieht als früherer „Schlossbauernhof“ und als Kulturzentrum Menschen aus der Nachbarschaft, aus ganz Brüssel und aus dem Umland an. Durch die Tatsache, dass das Schloss zu früheren Zeiten ein landwirtschaftliches Anwesen war, sorgte für weitläufige Grünflächen, die heute noch bestehen. Das Schloss und der Park von Karreveld sind auf jeden Fall einen Besuch wert. Wo sich seinerzeit das Velodrom und die dazugehörenden Gebäude befanden, ist bis heute nicht mehr genau zu bestimmen…

Schloss Karreveld, Jan de la Hoeselaan 3, 1080 Sint-Jans-Molenbeek. Erreichbar mit den MIVB/STIB-Buslinien 20, 49 und 53 (Haltestelle Bastenaken/Bastogne) oder mit der Tram 82 (Haltestelle Begraafplaarts/Cimetière Molenbeek oder Karreveld).  

Lesen Sie mehr über

Meistgelesen

  • 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5