Von Briefen von Albert Einstein und Marie Curie über berühmte Diskussionen über Quantenphysik bis hin zu Kultfotos: Die Archive der Internationalen Solvay-Institute für Physik und Chemie gehören jetzt zum Unesco-Weltkulturerbe. Wir haben in den Archiven gestöbert und vier Meisterwerke herausgesucht.
Erkennen Sie den jungen Einstein? Solvay-Archive ab sofort Unesco-Weltkulturerbe
"Eine Bilanz der Geschichte der Physik und Chemie im 20. Jahrhundert" und "eine einzigartige Quelle für die Analyse der Entwicklung der modernen Physik und Chemie". An der VUB und der ULB - wie die Freie Universität Brüssel abgekürzt auf Niederländisch und Französisch heißt - ist man sichtlich erfreut über die Anerkennung des Solvay-Archivs als Unesco-Weltkulturerbe.
So sind vor allem die Solvay-Konferenzen geradezu historisch. Bei diesen Konferenzen, die seit 1911 organisiert werden, trifft sich die Elite der wissenschaftlichen Welt im Hotel Métropole in Brüssel. Im Laufe der Jahre sind so zahlreiche historische Fotos, Einladungen, Briefe und Berichte entstanden. Was damals diskutiert wurde, wird noch heute an den Universitäten gelehrt. Eine Auswahl aus den Archiven.
1. Die Einladung zur ersten Konferenz
"Wir befinden uns mitten in einer neuen Entwicklungsphase". So beginnt die Einladung zum allerersten "Conseil du physique", die Ernest Solvay am 15. Juni 1911 verschickt. Auch wenn er es selbst noch nicht weiß, werden diese Treffen einen Wendepunkt in der wissenschaftlichen Welt markieren. In den folgenden Jahren sollten dort berühmte Wissenschaftler ihre Überlegungen zu den großen physikalischen Fragen der Zeit austauschen.
Die Idee stammt von dem deutschen Chemiker Walther Nernst, der in Solvay den idealen Partner für die Organisation einer solchen Konferenz fand. Solvay hatte sein Vermögen als Industrieller mit der Herstellung von Soda (Natriumcarbonat Na₂CO₃) erwirtschaftet und war an der Wissenschaft interessiert.
Diese erste Konferenz gilt als ein Wendepunkt in der modernen Physik. "Sie läutete eine neue Ära wissenschaftlicher, internationaler Treffen ein", sagt Kenneth Berthrams, Archivar der ULB.
Das Thema? "Die Theorie der Strahlung und der Quanten". "Vor dem Zweiten Weltkrieg war es für Wissenschaftler überhaupt nicht selbstverständlich, sich auf internationalen Konferenzen zu treffen, daher war es eine Pionierleistung", fügt der Rektor der VUB - selbst Physiker - Jan Danckaert hinzu. "Die Konferenzen waren sehr prestigeträchtig. Wenn man eingeladen wurde, gehörte man zur Elite des jeweiligen Themas.
Und deshalb ist diese Originaleinladung ein sehr wichtiges Dokument.
Auf die Einladung gingen zahlreiche Antworten ein, die ebenfalls erhalten geblieben sind. Unter anderem befindet sich die Antwort von Marie Curie noch im Archiv. Curie war eine Physikerin und Chemikerin polnischer Herkunft, die in Frankreich lebte und wirkte. Sie untersuchte die 1896 von Henri Becquerel beobachtete Strahlung von Uranverbindungen und prägte für diese das Wort „radioaktiv“.
2. Von Albert Einstein bis Marie Curie: ein Gruppenfoto mit Strahlkraft
Apropos Kultbilder: Das Gruppenfoto der ersten Solvay-Tagung, die vom 30. Oktober bis 3. November 1911 stattfand, ist zu einem der berühmtesten Fotos in der Geschichte der Physik geworden. Die Elite der wissenschaftlichen Welt versammelte sich im Hotel Métropole in Brüssel.
Darunter Marie Curie (zweite von rechts, am Tisch sitzend), die Pionierarbeit auf dem Gebiet der Radioaktivität leistete und die Elemente Polonium und Radium entdeckte. Sie erhielt nicht weniger als zwei Nobelpreise und war damit die erste Frau, die diesen Preis erhielt. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1934 nahm sie an den Kongressen von Solvay teil.
Albert Einstein (zweiter von rechts, stehend) durfte ebenfalls am Tisch Platz nehmen. Er ist natürlich am bekanntesten für seine Relativitätstheorie. Und auch er erhielt einen Nobelpreis. Ebenfalls anwesend: Ernest Rutherford, Max Planck, Walther Nernst, Hendrik Lorentz und viele andere, die alle bahnbrechende wissenschaftliche Arbeit geleistet haben. Von den 24 Anwesenden werden nicht weniger als neun mit einem Nobelpreis ausgezeichnet werden.
Der dritte Mann von links am Tisch ist Ernest Solvay. Als Begründer der Treffen war es natürlich ein Muss, dass er auf dem Bild zu sehen ist. Nur war er an diesem Tag nicht anwesend. Im Gegensatz zu dem, was das Foto vermuten lässt, ist er also nicht auf dem Originalfoto zu sehen. Ein Statist und eine Fotomontage lösten das „Problem“.
3. Einstein ist „sehr belastet"
Unmittelbar nach dem ersten Kongress wird ein zweiter geplant und der findet 1913 statt, wieder im Hotel Métropole in Brüssel. Danach wird es acht Jahre dauern, bis erneut eine Konferenz organisiert wird und Schuld an dieser langen Unterbrechung ist natürlich der Erste Weltkrieg.
Aber zurück zum Jahr 1913. Nach dem Kongress von 1911 hatte Einstein bereits einen sehr ausführlichen Brief an Ernest Solvay geschrieben. Aus Dankbarkeit, weil dieser seiner internationalen Karriere einen entscheidenden Schub verliehen hatte. Auch 1913 will Einstein unbedingt teilnehmen. Nur, so bittet er die Organisatoren in einem Brief, würde er es vorziehen, in diesem Jahr keinen Vortrag zu halten. Denn, so schreibt er, "ich bin in diesem Jahr bereits mit einer Menge Arbeit belastet". Keine Lüge, denn kaum zwei Jahre später stellt Einstein seine berühmte allgemeine Relativitätstheorie vor.
4. Die Basis der modernen Quantentheorie
Der berühmteste Solvay-Kongress findet im Jahr 1927 statt, fünf Jahre nach dem Tod des Gründers Ernest Solvay. Diesmal diskutieren die Wissenschaftler über "Elektronen und Photonen". Erneut versammelt sich eine illustre Gesellschaft in Brüssel - 17 der 29 Anwesenden haben einmal einen Nobelpreis erhalten.
Doch es ist vor allem die Diskussion zwischen Albert Einstein und Niels Bohr über die Quantenmechanik, die in die Geschichtsbücher eingehen wird. Hier werden nämlich die Grundlagen der modernen Quantentheorie gelegt
"Auf den Tagungen von 1924 und vor allem 1927 wurde die gesamte Interpretation festgelegt. Das ist heute noch Lehrstoff an den Universitäten. Sie können all diese Namen in allen klassischen Lehrbüchern finden", betont Danckaert.
Mit der Anerkennung als Unesco-Welterbe hoffen die VUB und die ULB, die Archive weiter zu digitalisieren und noch mehr darüber zu erfahren, wie diese Kongresse zustande kamen. "Wer wurde eingeladen und wer nicht? Welche Rolle haben die beiden Weltkriege gespielt? Dies ist nicht nur eine Geschichte der Wissenschaft, sondern auch des Denkens", ergänzt VUB-Rektor Jan Danckaert.
