Heute sei es normal, dass alle Welt sagt, Brüssel sei die Hauptstadt der Europäischen Union, doch in einem Beitrag des früheren VRT-Auslandsradio-Kollegen Marc Oschinsky, der heute für unsere Kollegen des frankophonen Rundfunks RTBF arbeitet, ist zu lesen, dass dies seinerzeit keine ausgemachte Sache war.
Anfang der 1950er Jahre, also nur kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, begann die Gründung der heutigen Europäischen Union mit der Bildung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, abgekürzt EGKS oder auch Montanunion genannt. Deren Vorsitzender war der Franzose Jean Monnet, auf den auch die Gründung der EU-Kommission zurückgeht und dieser wollte seine Behörde in seinem Land unterbringen und zwar in Nizza.
Laut dem belgischen Industriemagnaten Etienne Davignon, der damals in die entsprechenden Beratungen mit einbezogen war, waren seinerzeit Brüssel oder Luxemburg nicht wirklich im Gespräch: „Es ist wahr, dass das angenehmer gewesen wäre, als Brüssel oder Luxemburg. Doch dieser Versuch war nur von kurzer Dauer. Es wäre ein bisschen absurd gewesen, ausgerechnet Kohle und Stahl nach Nizza zu bringen…“
Laut Davignon habe der damals zuständige belgische Minister in dieser Frage auch nicht auf Brüssel gesetzt, sondern er hatte auf Lüttich bestanden: „Natürlich war niemand anders seiner Ansicht, also haben wir uns in Richtung Luxemburg bewegt. Doch die Luxemburger befürchteten, dass es in ihrer beschaulichen Stadt zu unruhig werden würde. Letztendlich haben sie akzeptiert, dass sich die EGKS im Großherzogtum bis 1967 niederlassen konnte. Dann hatte ein Vertrag diese Union, Euratom (die EU-Nuklearbehörde (Red.)) und die Europäische Kommission fusionieren lassen und da die beiden anderen Behörden schon in Brüssel waren, ist Kohle und Stahl auch dort hingezogen.“
Brüssel war bis 2001 ein Provisorium
Als 1956 festgelegt werden musste, wo der zukünftige Sitz der Europäischen Wirtschaftskommission sein sollte, hatte Belgien seine Lektion von Lüttich gelernt und schlug Brüssel vor. Die 5 anderen Mitgliedsländer von damals (Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande) akzeptierten das, denn Brüssel lag zentral und die Kommunikation mit dem Rest Europas - sprich auch mit Luxemburg - war leicht und einfach.
Doch erst 2001 wurde der Sitz der EU-Kommission definitiv für Brüssel festgelegt. Bis dahin war die Adresse auf dem Briefpapier der Kommission - Wetstraat/rue de la Loi 200 - nur eine provisorische Adresse. Der Vertrag, der diese Adresse definitiv festlegte, war der Vertrag von…. Nizza.
Heute werden wieder Stimmen laut, die sagen, dass damals, als die Union noch aus 6 Ländern bestand, Brüssel im Zentrum des Ganzen lag, doch jetzt, mit 27 Mitgliedsstaaten, müsste das Zentrum mehr in Richtung Osten verschoben werden. Aber, derzeit scheint es für niemanden offiziell an der Tagesordnung, etwas an dem ohnehin fragilen Gleichgewicht zwischen Brüssel, Luxemburg und Straßburg etwas zu ändern…
